Das 7. Philharmonische Konzert am Montag wird im Gedächtnis bleiben

Das Klavierkonzert für die linke Hand von Karl Weigl ist in vollem Gange, da verliert ein Musiker sein Bewusstsein und kippt um. Der Pultnachbar schafft es noch, das Instrument zu halten. Ein anderer lässt die Person kontrolliert zu Boden fallen. Gleich mehrere Zuschauer springen auf und helfen. Nach einigen Sekunden gelangt die Person wieder zu Bewusstsein und wird gestützt ins Foyer gebracht.

Unterdessen spielt das Orchester weiter. Doch die Stimmung ist gedrückt und einige sind verwirrt. Was ist gerade passiert und warum dieser ganze Tumult in der Ecke? Die Sanitäter kamen kurz vor der Pause und holten den Musiker ab. Als sie mit der Trage dastanden, haben wir uns gefragt, wie es wohl wäre, auf dieser durch die engen und unübersichtlichen Flure des Theaters transportiert zu werden. Zudem habe ich mir überlegt, ob eine gute Lüftung den Vorfall vermieden hätte? Letztendlich führt kein Weg an einem Theaterneubau vorbei. Das erkennt jeder, der sich abseits des Foyers und Zuschauersaals bewegt.

Doch nun zum Konzert an sich. Es ist eine tolle Leistung des Generalmusikdirektors Krumpöck und der Norddeutschen Philharmonie, zudem ein großes Wagnis, mit dem Klavierkonzert für die linke Hand sowie dem Konzert für Geige von Karl Weigl zwei deutsche Erstaufführungen nach Rostock zu bringen. So fingen für mich beide Konzerte sehr schüchtern und ängstlich an. Das Orchester strotzte nicht vor Selbstbewusstsein, jedoch verflog dieser Eindruck nach den ersten längeren Solopassagen. Gerade die wienerischen Elemente, sofern ich diese als „einfacher Zuhörer“ überhaupt erkannt habe, gelangen dem Orchester sehr. Das erwartet man jedoch auch. Schließlich sitzt mit Krumpöck ein Österreicher am Flügel bzw. stand er dann auch am Dirigentenpult.

Das Klavierkonzert überzeugte mit unbekannten und zum Teil sehr einprägsamen Melodien und einer Glanzleistung Krumpöcks. Das Violinkonzert mit David Frühwirth als Solist war meiner Meinung nach schwerer zugänglich, zumal ich Schwierigkeiten hatte, mir die Motive zu merken und diese wiederzuentdecken. Ich finde das überhaupt nicht verwerflich, da ich beide Werke zum ersten Mal gehört habe. Zum Glück hat DeutschlandRadio Kultur (unserer Rundfunkbeiträge sein dank) das Montagskonzert einen Tag später übertragen. Dieses habe ich mitgeschnitten. Wer sich die Aufnahme anhören möchte, darf sich gerne bei mir melden. Doch denken Sie beim Hörgenuss an den außergewöhnlichen und unangenehmen Vorfall während des Klavierkonzertes.

Zum Schluss erklang das Adagio aus Mahlers nie ganz fertiggestellter 10. Sinfonie. Das Werk ist sehr imposant. Die Soli der Bratschen waren solide. Doch am meisten beeindruckte mich die Spannung am Ende des Werkes. Die Pause zwischen dem letzten Ton und Klatschbeginn war gefühlt eine Minute lang. Wunderbar!

Ich bin gespannt auf die nächsten Konzerte und freue mich, dass sich das Orchester immer wieder an schwierige Literatur traut. Da verzeiht man vereinzelte Stellen, die geschlossener und mutiger klingen könnten. Für den nicht sehr weit tragenden Klang des großen Hauses können die Musiker jedenfalls nichts.

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6 Gedanken zu „Das 7. Philharmonische Konzert am Montag wird im Gedächtnis bleiben

  1. Lieber Kaikasimir,
    diese Polemik zum Anfang Ihres Artikels ist etwas seltsam – in Hinsicht auf einen dringenden Theaterneubau. Der Theatersaal im Großen Haus verfügt über eine entsprechende Lüftung. Und da der Bühneneingang seitlich des Hauteingangs des Theaters seit einiger Zeit verschlossen ist, bleiben den Rettungskräften zwei Wege, je nachdem, wo sie ihr Fahrzeug geparkt haben – entweder über den Wirtschaftshof (da ist auch der Eingang für die Rollstuhlfahrer) oder durchs Zuschauerfoyer direkt zum Ausgang Patriotischer Weg. Man mag es nicht glauben, aber es gibt entsprechende Fluchtwege in diesem Theater. Dem betroffenen Musiker wünsche ich gute Besserung.

    • Es wird bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit versucht, für einen Theaterneubau zu werben. Zumeist auch mit dem Argument, dass dann die Aufführungsqualtität spürbar steigen würde. Was einfach nicht stimmt. Über Ostern war ich zu Gast bei den „Fröhlichen Wikingern“, aufgeführt in der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Aber nicht wie erwartet im Katharinensaal, sondern in der Hinterbühne. Durch enge und winklige Gänge gelangte man zunächst in einen engen Vorraum mit nackter Technik und verschiedenen Requisiten, dann auf die eigentliche Hinterbühne. Längsseits jeweils drei Stuhlreihen, dazwischen etwas Raum fürs Spiel. Drumherum auch hier nackte Technik. Als „Bühnenbild“ fungierten ein Harmonium, ein Klavier und ein Sofa. Das alles tat der Spielfreude der Akteure überhaupt keinen Abbruch, eher im Gegenteil – so überzeugend, vital und zugleich hautnah habe ich selten ein Theaterereignis erlebt. Es bestätigte die uralte Erfahrung: Die Kunst macht’s, nicht das Ambiente!

  2. Warum es diesen Blog gibt

    Die GründerInnen dieses Blogs woll(t)en nicht nur einen „Ersatz“ für den abgeschafften Blog des Volkstheaters (VTR), sondern vor allem ein Forum für den Erhalt des VTR (mit allen vier Sparten!) bieten. Sie erhoffen sich dabei vielstimmige Beiträge und Diskussionen von und mit den Theaterschaffenden selbst, den Zuschauern, verantwortungsbewussten Politikern (soweit es die noch gibt) und allen anderen, denen das Theater am Herzen liegt.
    So freue ich mich als ein Mitglied des Gründungsensembles einerseits über jede Aktivität auf diesem Blog und bin andererseits nicht unbedingt glücklich, wenn sie sich auf die Besprechung einer Aufführung beschränkt. Letztere könnte in einer Regionalzeitung (NNN oder OZ) besser aufgehoben sein, (als direkter Beitrag oder (mindestens) als (online-) Leserbrief, zumal sie dann einen größeren Leserkreis erreichen dürfte). Denn der Vorteil eines jeden Blogs ist zugleich sein Nachteil gegenüber klassischen Webseiten: Die neuen Beiträge drängen die älteren unabhängig von deren Inhalt in den Hintergrund.
    Wenn es gelingt, diesen Blog zu einem überzeugende, von breitem Konsens und vielen kreativen Ansätzen getragenen Bekenntnis FÜR das Theater zu machen (vor dem sich die regionalen Printmedien so konsequent drücken), dann wäre viel gewonnen. Dabei sollten wir auch nicht das aktuell notwendige Engagement für den Vier-Sparten-Erhalt mit den Wünschen zu einem Theaterneubau vermengulieren. So lange nicht einmal ausreichend Geld für den laufenden Betrieb vorhanden ist, erscheint mir alles Gerede von einem Theaterneubau unredlich. Ein reines Bespieltheater, so wie in Güstrow, könnte auch im Großen Haus oder im TiS stattfinden…

    • Ich stimme dem Günther Hering zu, dass die Rezension über ein Konzertes des Theaterorchesters vom kaikasimir in diesem Blog fehl am Platze ist: Dieser quasi Leserbrief gehört tatsächlich und unbedingt in ein lokales Presseerzeugnis, wo man auch andere Beschreibungen finden kann.
      Hier sollte man mehr über den Erhalt und die Notwendigkeit eines Viersparten-Theaters in dieser Stadt diskutieren und die Vernichtung des Volkstheaters mit abwenden helfen. Der wahrscheinlich von ihm geprägte Begriff vom „vermengulieren“ ist für diese Stadt typisch: Um das Volk zu beruhigen, sprechen die Gutmenschen erst einmal wieder vom neuen Theater! Es wird aber nur das neue Gebäude sein, das Bespieltheater für den OB, denn wenn man so weiter macht, wird es schon lange kein Ensemble mehr geben! Proteste hagelt es schon von großen Plakaten auf dem Ostermarkt: „Theater ja, aber nicht auf dem Bussebart!“ Na, wer will schon die Spiele des Volkes zerstören. Der beste Platz im Rosengarten für ein neues Theater darf nicht mehr angesprochen werden, bleibt also der Platz an der Warnow. Dann hätte „Der Eine von uns“ sein Bespieltheater am Wasser, ganz nahe bei der Hanse Sail! Und alles wird glücklich sein, ohne Theater!

  3. Betr.: Rezensionen
    Ausführliche und überzeugende Rezensionen bieted die Webzeitung das-ist-rostock.de an, mit Kommentarfunktion. Meines Wissens sind bei das-ist-rostock.de auch keine Kommentare wegzensiert worden, so wie es leider bei OZ und NNN häufiger vorkommt. Vielleicht ist das eine Chance einer quasi-Arbeitsteilung zwischen das-ist-rostock.de und diesem Blog?

  4. Da wir hier gerade über Aufführungen im besonderen und Kultur im allgemeinen reden: Ostern findet wieder „Kommt zusammen“ statt. Eine interessante Sache, im letzten Jahr durch die Nutzung des Theaters im Stadthafen auch schwach mit dem VTR verbandelt. Leider viel zu wenig bekannt und nicht einmal auf http://insiderostock.de/ zu finden, erfährt man mehr auf http://www.kommtzusammen-festival.de. Interessant auch die Fotos vom Vorjahr, mit fiel besonders dieses auf: http://www.kommtzusammen-festival.de/wp-content/gallery/ruckblick-20012/_MG_2013.jpg

    Das ist die Crux hier in M-V: Man kommt viel zu wenig zusammen!

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