Perten ist schuld?!

Am vergangenen Donnerstag gab es im Anschluss an „Gas 1“ dank des Theaterfördervereins eine Podiumsdiskussion. Eigentlich bin ich nur wegen der Diskussion hingegangen und erlebte erst in der Aufführung, was mir da beinahe entgangen war: Ein „Gegenwartsstück“ (geschrieben 1917!) von höchster Intensität, werkgerecht aufgeführt,gleichermaßen atemberaubend ob der kaum überbietbaren schauspielerischen Qualität und der Aktualität. Das kann man nicht beschreiben, das muss man gesehen haben!

Das Stück illustriert – auch – überzeugend, wie schnell man sich nach einer Katastrophe damit abfindet, einen vermeintlich Schuldigen gefunden zu haben, wie wirkungsvoll Demagogie funktioniert.

Noch ganz im Bann dieser Aufführung lese ich jetzt im „Warnow-Anzeiger“ vom 5.5. als Ankündigung der Podiumsdiskussion „Gegenwart verstehen“ am 7.5. im Großen Haus folgendes:

„Unter der Ägide von Hans Anselm Perten zählte das Haus zu den führenden Theatern der DDR… Doch Intendant Perten war auch Mitglied im ZK der SED und als solcher nicht unumstritten… Im Spannungsfeld dieser Geschichte… könnte man fast von einem spezifischen ‚postsozialistischen Trauma‘ sprechen, das die Hansestadt im Verhältnis zu ihrem Theater zu lähmen scheint“. Mit Verlaub, Herr Autor, Sie hatten allen Grund, Ihren Namen nicht zu nennen! So einen Blödsinn habe ich lange nicht mehr gelesen. Dabei ist mir nicht ganz klar, wer nun letztendlich Schuld an diesem immerwährenden „postsozialistischen Trauma“ haben soll: Perten, das ZK, die SED als ganzes oder nicht doch besser die ganze DDR? Denn diese hat, obwohl bitterarm, nie an der Kultur gespart, nicht in Rostock und nicht auf dem platten Land, nicht beim Theater und überhaupt an keiner Sparte.

Wer wirklich erhebliche Schuld trägt am Nachwende-Theaterdesaster, hat Micha Arlt sehr kenntnisreich auf diesem Blog benannt (https://vtrblog.wordpress.com/2013/04/04/verspatete-kenntnis-eines-bekannten-vorgangs/). Aber das muss man nicht zur Kenntnis nehmen, es würde bezüglich der SED-Nennung nur stören. Der unbekannte Autor erweist sich als derart kenntnisarm, dass er von „der Fachzeitschrift Theater der »Zeit« “ schreibt, wo es doch richtig „Theater der Zeit“ heißen müsste – eine Zeitschrift, die bereits 1946 erstmals erschien (http://de.wikipedia.org/wiki/Theater_der_Zeit). Aber das muss man ja alles nicht wissen wollen…

Hätte ich die Möglichkeit, eine Veranstaltung zur Gegenwart und Zukunft des Volkstheaters Rostock unter dem Thema „Gegenwart verstehen“ zu veranstalten, würde ich drei Personen ins Podium bitten, um die Fragen und Anmerkungen der Besucher im Zuschauerraum zu beantworten:

  • Den derzeitigen Intendanten.
  • Den Oberbürgermeister.
  • Den Minister für Kultur etc.

Aber keiner von denen will sich dem Publikum stellen. Statt dessen werden im Podium Platz nehmen

  • Rolf Hochhuth,  in der hiesigen, örtlichen Konstellation wohl kaum hilfreich.
  • der „Polizeiruf“-Kommissar-Schauspieler Charly Hübner (weil das Geschehen um das VTR so befremdlich anmutende Elemente enthält?).
  • Regisseur Tobias Rausch, war kurzzeitig auch in Rostock tätig, derzeit Promotion am Lehrstuhl für Kulturphilosophie und Philosophische Anthropologie der Humboldt Universität zu Berlin (hilft uns das weiter?).
  • Dr. Bachmann für den Theaterförderverein (und als engagierte Bürgerschaftsabgeordnete!).
  • Stefan Rosinski als Geschäftsführer des VTR – er kann uns bestenfalls die finanziellen Zwänge erklären.
  • Sewan Latchinian als zukünftiger Intendant – das ist mutig, aber bis 2014 muss er tatenlos zusehen, was dem VTR alles widerfährt.

Da ist wohl kaum Hilfreiches zu erwarten, aber hingehen sollte man schon, um auch diese Szene des immerwährenden Trauerspiels „VTR“ aufmerksam zur Kenntnis zu nehmen. Denn das Rostocker Theater kann nur überleben, wenn wir Rostocker Bürger ihm engagiert zur Seite stehen, nicht nur einmalig mit einer Unterschrift, die zu nichts weiter verpflichtet.

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8 Gedanken zu „Perten ist schuld?!

  1. Lieber Günther Hering, ich weiß nicht, warum wir uns unterhalten? Über das Volkstheater Rostock ist viel und lang und in jeder möglichen Konstellation gesprochen worden und nun wird versucht, das Thema in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Einen Zusammenhang, den auch Leser von TdZ in Gesamtdeutschland interessieren könnte und den Blick hinaus über die piefige Kulturpolitik des Landes Mecklenburg-Vorpommern wagt und Wege aufzeigt, wie sich ein Stadttheater in Zeiten der Krise kulturpolitisch positionieren kann. Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass dieser Blog dem Theater mehr schadet als hilft und dass wir Theatermacher es für sie grundsätzlich nicht richtig machen können.
    Ich freue mich auf morgen Abend.

    • Sicherlich, die Zeitschrift „Theater der Zeit“ kann den Rostocker Kummer in die Lande hinaus tragen. Wird er darum kleiner? Kann einer von außen wirklich helfen? „Wir sollten uns schon danach erkundigen, was eigentlich aus dem Staat als unmittelbaren Auftraggeber geworden ist. Das erbarmungswürdige Barmen um angeblich leere Kassen und daraus abgeleitete Spar-Zwänge schafft geradezu einen Nebelvorhang, hinter dem Sinn und Ziel von Kunst in der Demokratie völlig verschwindet“ (Harald Kretschmar im neuen deutschland vom 7.5.2013, S. 15). Wer zu diesem Generalthema durchgehend schweigt, der kann es allerdings mir und sicher auch anderen Theaterfreunden grundsätzlich nicht recht machen. Siehe auch Peymann, zitiert auf diesem Blog!

    • „Wie sind Texte zu verstehen, wie Sprache überhaupt? Weiter und ganz allgemein gefasst: Warum verstehen sich die Menschen mehr schlecht als recht – oder gar nicht? Das sind Fragen, die uns immerfort beunruhigen.
      Wenn wenigstens, was schwarz auf weiß geschrieben steht, richtig aufgefasst würde. Aber was ist ‚richtig‘?
      … es käme doch nur darauf an, genau zu lesen. Wenn es allein das wäre!… In praxi zeigt sich, dass schon Genau-Lesen geübt sein will, weil das erregte Gemüt mitunter leichtfertig über die eigentlich banale Forderung hinweggeht. Dann verleiten Assoziationen zu falscher oder übertriebener Interpretation… die mit dem Gesagten nichts zu tun haben.
      … zunächst unabhängig von der Person des Autors und dem eigenen Befinden, das zur Kenntnis nehmen, was geschrieben steht. Die Verführung zu irrtümlicher Rezeption kann verheerende Folgen haben…“
      Zitiert aus dem Artikel von Jens Grandt, Die Krux der wahren Worte“, neues deutschland 11./12. Mai 2013

  2. Mein Leserbrief zum SVZ-Artikel „Die Krise als Alltag“ (http://www.svz.de/nachrichten/lokales/rostock/artikeldetails/artikel/volkstheater-die-krise-als-alltag.html), bislang nicht freigeschaltet:

    Endlich mal eine, die sich traut!

    Erfreulich, dass Frau Schmitz die „Empfehlung“ der Theaterleitung an das Theaterensemble, sich zur Theaterproblematik nicht zu äußern, ignoriert. An der Feigheit der übrigen Betroffenen wird das Theater zugrunde gehen, nicht an den Rostockern Bürgern. Und die heute im Podium sitzen, können das nicht ändern, denn es sind mehrheitlich Auswärtige, mit wenig Kenntnis über die Rostocker Befindlichkeiten und keinen Möglichkeiten, etwas zu verändern – da stimme ich dem Beitrag auf vtrblog.hux.de zu. Wo bleibt die Theaterleitung selbst, der Intendant, der Generalmusikdirektor, der Chef des Tanzballetts und der Schauspieldirektor? Wo bleibt der Oberbürgermeister, dessen theaterfeindliche Politik dem Volkstheater seit Jahren zusetzt? Diese Personen zusammen mit Herrn Brodkorb gehören ins Podium, um sich den Fragen des Publikus zu stellen!

  3. Gutes Timing, was die heutige Podiumsdiskussion angeht: In der Wochenendausgabe der Ostsee-Zeitung erfahren wir, dass die Stadt unermüdlich den Theaterneubau vorantreibt. Das ist ja auch logisch – kein Geld, um das bestehende Theater zu erhalten, aber 56 Mio. Euro für einen Neubau für möglich halten! Im Stadthafen natürlich „mit Querungsmöglichkeiten der L22 und der Nutzung von Flächen für Großveranstaltungen wie der Hanse Sail“. Da freuen sich aber die Baukonzerne genau so wie die Immobilienwirtschaft!
    Die Theaterfreunde dürfte es weniger freuen, weil selbst wenn irgendwann einmal ein Neubau zustande gekommen sein sollte, es schon lange keine Theaterkultur mehr geben wird. Nur noch „Events“. Aber die können wir auch in der Stadthalle erleben, die liegt wenigstens verkehrsgünstiger als der Stadthafen.

  4. Manchmal ist man enttäuscht, wenn sich Ahnungen erfüllen. So ging es mir auf der Veranstaltung „Gegenwart verstehen“.

    Das Positive zuerst: Die Veranstaltung wurde vom Intendanten eröffnet, mit klaren, klugen, zielführenden Worten (das ist leider viel zu selten). Zudem gab es entgegen der Ankündigung vor der Podiumsdiskussion Vorträge, die in ihrem Engagement, ihrer Sachlichkeit und hohen fachlichen Kompetenz wesentlich die Qualität des Abends prägten: Dr. Pietschmann korrigierte in seinem Vortrag die gleichermaßen fehlerhaften wie irritierenden Aussagen zu Perten und die sieben Thesen von Frau Dr. Bachmann (http://www.das-ist-rostock.de/fileadmin/user_upload/bachmann-politik-und-theater-07-05-13.pdf) erhielten zu recht lang anhaltenden Beifall.

    Aber dann begann die Podiumsdiskussion. „Gunnar Decker erwies sich schnell als die Fehlbesetzung des Abends“, schreibt Frank Schlößer in seinem Artikel, den er treffend „Im Monolog mit dem Publikum“ überschrieb und den ich für einen guten Bericht über die Veranstaltung halte (http://www.das-ist-rostock.de/artikel/49141_2013-05-08_im-monolog-mit-dem-publikum/).

    Wer vom VTR hat wohl um alles in der Welt gerade Decker als Moderator ausgewählt, wer hat durch die Auswahl der höchst königlichen Sitzmöbel schon optisch signalisiert, dass an diesem Abend nur die Podiumsmitglieder reden dürfen und das gemeine Volk im Saal ergebenst lauschen darf?

    Dennoch gab es während der Podiumsdiskussion viele interessante Fakten und Sichten, die nicht verloren gehen sollten. Andere arbeiten solche Aussagen oft zu einer schriftlichen Dokumentation auf. Das VTR sollte das auch tun. Einen Mitschnitt des Gesprochenen dürfte es geben. Wenn das Theater selbst nicht die ausreichende personelle Kapazität für diese Arbeit hat, würden sicherlich der Theaterförderverein und engagierte Theaterfreunde helfen wollen. Vielleicht sollten sich Hilfsbereite einfach hier oder auch direkt beim Intendanten melden…

  5. Lieber Günter Hering, liebe Mitlesende, einen Mitschnitt kann man heute auf NDR-1 Radio MV – Forum aktuell um 20:15 Uhr hören und in der Juniausgabe der Zeitschrift Theater der Zeit gibt es einen Beitrag zu unserer Podiumsdiskussion. Übrigens hier sagt schon der Name, wer diskutiert, das Podium. Viel Spaß beim Hören und Lesen.

    • „Übrigens hier sagt schon der Name, wer diskutiert, das Podium.“
      Das klingt etwas arrogant, ist aber vielleicht nicht so gemeint.
      Germanisten, Pädagogen, Dramaturgen usw. wissen davon, dass es nicht einfach ist mit Definitionen, sofern man sich in die Gefilde von Semantik/Semiotik/Linguistik begibt.
      Aber es geht auch ganz pragmatisch: Wer diskutiert? Das Podium. Aber mit wem? Da gibt es drei Varianten:
      1. Nur die Podiumsteilnehmer unter sich.
      2. Vorzugsweise die Podiumsteilnehmer unter Bezugnahme auf Fragen und Anmerkungen mit dem Publikum.
      3. Die Podiumsteilnehmer mit dem Publikum.
      Variante (1) ist zweifellos die arroganteste. Das Publikum sieht sich Verkündigungen ausgesetzt und kann sich selbst bestenfalls mit Beifall oder Mißfallensbekundungen einbringen.
      Die Organisatoren von „Gegenwart verstehen“ haben sich ausgerechnet für diese Variante entschieden. Warum nur? Aus Angst vor kritischen Fragen? Aus Angst ausgerechnet vor demjenigen Partner, der für ein Theater so unverzichtbar ist wie kein anderer – vor seinem Publikum? Wie kann ein Theater sich nur so unsensibel verhalten?
      Persönlich habe ich schon viele Podiumsdiskussionen erlebt, einige auch selbst organisiert. Diese war die erste, die das Publikum rigeros ausschloß. Wem das nützt, ist klar. Offen bleibt aber (zumindest für mich), warum das Theater aktive Sterbehilfe an sich selbst leistet, statt seine Anhänger immer wieder neu zu motivieren.

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