Alles nur Zufall?

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Das Volkstheater ist in Seenot. Die „Georg Büchner“ nicht mehr: Sie sank am Donnerstag, den 30. Mail 2013 abends gegen 20:20 Uhr.

Auf die Titelseite der Ostsee-Zeitung (OZ) schaffte es die Meldung zum Untergang der „Georg Büchner“ aber erst bei der Wochenendausgabe (1./2.6.2013) – zusammen mit der „Vision vom Volkstheater mit Zauberhut auf dem Wasser“. Da kommt man doch ins Grübeln. Fällt die Fertigstellung des Zauberhutes wirklich ganz zufällig mit dem Bücher-Untergang zusammen? Bei einem Projektentwickler, der als „noch immer blond gelockter Prachtkerl sein Leben eher nach dem Prinzip »blauäugiger Durchtriebenheit« organisiert… Er ist einfach in seine Inszenierungen verliebt“ (http://haraldlochotzke.de/about) fällt es schwer, an einen Zufall zu glauben.

Der Zauberhut ist noch nicht auf der Webseite von Dr. Harald Lochotzkie zu finden (http://haraldlochotzke.de/portfolio). Doch der Pressespiegel auf dieser Webseite endet bereits 2004 (http://haraldlochotzke.de/archives/category/pressespiegel). Ähnliches gilt vielleicht für die vorgestellten Projekte. Da blieb also nach 2004 viel Zeit, um das Zauberhut-Projekt entwickeln zu lassen und eine günstige Gelegenheit für die Präsentation abzuwarten.

Egal, ob geplant oder zufällig: Es funktioniert! Die Leserbriefe beschäftigen sich vor allem mit dem Untergang der „Büchner“, zum „Zauberhut“ gab es bislang noch keine einzige Meinungsäußerung. Bis auf unsere Bürgerschaft. „Der neue Stoff in der Debatte um Standort und Aussehen eines Theaterneubaus kommt in der Bürgerschaft an“ (OZ). Dabei geht es überhaupt nicht um einen THEATER-Neubau: Der Zauberhut „soll Platz bieten für Eigentumswohnungen, Restaurants, Entertainment“ (OZ). Vom klassischen Theater ist nicht die Rede.

Fürs „Events“ und „Entertainment“ haben wir die Stadthalle. Ursprünglich sollte auch die neue Messehalle dafür geeignet sein. Von mir aus baut auch einen Zauberhut für diese Arten von Volksbelustigung – damit es schön teuer wird, sogar in die Warnow. Aber bitte vermenguliert das nicht mit einem THEATER-Neubau!

Von einem Theater-NEUBAU sollte ohnehin erst dann ernsthaft geredet werden, wenn der sichere Erhalt des jetzigen Vier-Sparten-Theater-Ensembles finanziell gewährleistet ist. Es erscheint mir absurd, von einem Theaterneubau mit Kosten „bis zu 80 Mio. Euro“ (OB Methling) zu reden, wenn dem Theater aktuell nicht einmal 0,5 Mio. € zur Verfügung gestellt werden können und daher zum Jahresende die Schließung des Theaters am Stadthafen notwendig wird.

Vermutlich ist auch die Schizophrenie von unzureichender aktueller Finanzierung des Volkstheaters und üppigen Neubauplänen alles andere als ein Zufall.

Verschwörungstheoretisch Interessierte finden ohnehin viele Analogien bei „Büchner“ und Volkstheater, bis hin zum vergleichbaren Desinteresse (vorsichtig ausgedrückt) auch auf Landesebene und zur DDR-Denunziationswut. Hieß es bei der Ankündigung der VTR-Veranstaltung „Gegenwart verstehen“, man „könnte man fast von einem spezifischen ‘postsozialistischen Trauma’ sprechen, das die Hansestadt im Verhältnis zu ihrem Theater zu lähmen scheint“, so schreibt jetzt OZ-Leser Jörg Plath aus Rostock (05.06.2013 22:54 Uhr): „Warum so eine Aufregung um diese postkommunistische Relique? Ich bin froh, dass das Schiff nicht mehr das Stadtbild verschandelt.“

Die „Georg Büchner“ war zwar ursprünglich als „Kongo-Boot“ Repräsentant einer barbarischen Kolonialpolitik und nach dem Ankauf durch die DSR keinesfalls „Reliquie“, sondern Ausbildungsschiff, aber das macht ja alles gar nichts! So ein Quatsch wird gedruckt, weil er für arglose Gemüter zusätzlichen Nebel liefert. Verschwörungstheoretiker sind allerdings zumeist alles andere als arglos und bleiben daher aufmerksam, auch wenn es schwer ist, im dichten Milieu-Filz der Macher und Mitentscheider etwas zu erkennen.

Für mich bleibt es bei der Grundaussage: „Das Finanzdesaster des Rostocker Volkstheaters ist nicht zu trennen von der generellen Unterfinanzierung von Kunst und Kultur. Theater muss sein!

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