Was bleibt noch übrig?

Kaum hat es das Volkstheater-Ensemble geschafft, aus der langen depressiv wirkenden Phase herauszukommen, kaum zeigte es zum Auftakt der Spielzeit mit dem „Tag der offenen Tür“ und der Anatevka-Inszenierung, dass es für seinen Fortbestand als Vierspartentheater kämpfen will und kann, in höchster Qualität, da wird (fast) alles verspielt.

Die beiden kurzen Szenenausschnitte aus „Till Eulenspiegel“ am Tag der offenen Tür ließen die Niveaulosigkeit dieses Stückes schon ahnen, aber die Wirklichkeit ist offensichtlich noch viel schlimmer. „Immer gab es was zu gucken: Vom dreckigen Petting bekloppter Teenager …, von den Vögeleien im Betstuhl bis zum fetten Popel. Es wurde auch gepinkelt und gefurzt“ (Frank Schlösser in www.das-ist-rostock.de).

„Aber im Theater kommt es natürlich auch darauf an, wie etwas gesagt wird. Autorin Paula Fünfeck hat nicht dafür die einfache Sprache, sondern das Geschwätz gewählt. Sie holt den Zuschauer dort ab, wo sie meint, dass er vor ein paar Stunden noch war: vom Fernseher. Nein, nicht arte. Sondern „Shopping Queen“ auf Vox. Ist es mutig, avantgardistisch oder völlig daneben, diese poesiefreien Syntax auf einen Theaterbühne zu transportieren? Was bleibt denn noch übrig, wenn das Theater jetzt auch sein Alleinstellungsmerkmal der starken Bühnensprache wegschmeißt?“ (ebenda).

Und was kann vom Rostocker Volkstheater übrig bleiben, wenn es seine gerade wiedergewonnene Publikumsakzeptanz, seine eben erst demonstrierte hohen künstlerischen Fähigkeiten aller vier Sparten so mächtig-gewaltig ver-spielt?

Nach „Anatevka“ hätte ich gerne die verantwortlichen Politiker gefragt, welche Sparte(n) sie denn einzusparen gedächten, ohne die Qualität der Aufführung merklich beeinträchtigen zu wollen. Nach „Till Eulenspiegel“ sollte man sie besser nicht fragen, denn die Antwort könnte lauten: Alle. Bespieltheater ist eben besser, da kann man erkennbar hochwertige Aufführungen einkaufen…

Nein, wir Zuschauer wollen unser Rostocker Vier-Sparten-Theater behalten. Bitte seid, liebes Theaterensemble, in den kommenden Inszenierungen genau so gut oder noch besser als in Antaveka. Es wird mehr als nur eine sehr gute Inszenierung brauchen, um die negativen Eindrücke vom Eulenspiegel zu kompensieren. Umgekehrt wird nach einem zweiten schlimmen Reinfall das VTR kaum mehr zu retten sein, weil es dann zu viel Vertrauen bei seinem einzigen verlässlichen Partner verliert – dem Publikum. Das allerdings nur so lange verlässlich bleibt, wie es das Theater seinerseits ist in bezug auf Engagement und Qualität.

Zum Gruseln sollte man die vollständige Theaterkritik von Frank Schlößer nachlesen: http://www.das-ist-rostock.de/artikel/49537_2013-09-23_der-proll-in-uns/

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