Geld wäre genug da…

Am Wochenende las ich in einer Zeitung: Ein Spanier (Rodrigo Rato)

  • war 2000 – 2004 spanischer Wirtschaftsminister und Vizeministerpräsident Spanien,
  • stand 2004 – 2007 dem Internationalen Währungsfonds vor,
  • übernahm 2010 die gerade erst (durch Zusammenschluss von 7 spanische Banken) gegründete Bankia-Bank.

Bankia war wohl von Anfang an pleite, ihre Bücher gefälscht (2012 wurde ein knapper Gewinn ausgewiesen, in Wirklichkeit gab es einen Verlust von 19 Milliarden).

Dieser Sachverhalt hinderte Rato und seinen Mit-Chef Blesa nicht daran, sich und 84 weitere Begünstigte mit Kreditkarten auszustatten. Die darüber abgewickelten Zahlungen wurden als „Computerfehler“ verbucht. Nicht nur Konservative, auch Gewerkschafter, Sozialdemokreaten und Linke griffen zu… (nd 18./19.10.14) – insgesamt für 15,5 Millionen.

2012 trat Rato überraschend vom Chefposten zurück. Zwei Tage später verstaatlichte Spanien die Bank. Und Spanien wurde „Rettungskandidat“. Die EU „rettete“ mit 41 Milliarden, 23 Milliarden flossen allein in Bankia. Statt in Soziales, Bildung und Kultur… Dort fehlen sie jetzt, die „Rettungsgelder“.

Wenn selbst ein IWF-Chef zu derartigem Handeln fähig ist und alle anderen Spitzenpolitiker zur „Rettung“ herbeieilen, müssen wir wohl nicht mehr die Verweise auf leere Kassen akzeptieren. Zumal Spanien nicht der einzige zu „rettende“ Staat, Bankia nicht die einzige zu „rettende“ Bank ist…

Das ganze wäre ein Thema auch für ein Bühnenspektakel der ganz besonderen Art. Aber was macht unser Volkstheater? Es bringt Uwe Johnson auf die Bühne und versucht, Lenins Text lächerlich zu machen:

„Herrschaft des Finanzkapitals über Arbeiter, Bauern und Angestellte bei gleichzeitiger Ausbeutung der armen Kolonialnationen durch die reichen Industriestaaten sowie die Unterwerfung der bürgerlichen Freiheiten unter die Interessen der Banken und Großkonzerne bei zunehmender Kriegsgefahr. Blablabla.“

„Was soll das sein? Eine Phrasen-Zukunft? Langweilig.“ Vermittelt das VTR, schreibt Frank Schlösser.

Und sie merken nicht einmal, dass das große Blablabla schon längst über uns gekommen ist, die Herrschaft des Finanzkapitals, die Unterwerfung der bürgerlichen Freiheiten (wozu ja nun unverzichtbar auch Bildung und Kultur zu rechnen sind) unter die Interessen der Banken und Großkonzerne wie auch die aktuell immer mehr zunehmende Kriegsgefahr.

Wieder einmal bewahrheitet sich: „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen“ (Eberhard Esche).

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2 Gedanken zu „Geld wäre genug da…

  1. Wieviel Geld dasjenige Geld ist, das für eine „Bankenrettung“ verbraucht wird, zeigt eine Initiative von Studenten der Wiener Technischen Universität (https://www.jungewelt.de/kapital-arbeit/willkommen-hypotopia). Sie haben im öffentlichen Raum die Stadt „Hypotopia“ als Modell aufgebaut: „eine Stadt für rund 100.000 Einwohner, komplett mit Infrastruktur, öffentlichem Verkehr, Spital und Energieversorgung. Große Grünschneisen reichen weit bis ins Zentrum, sie ist weitgehend autofrei und energieautark. Kurz: Hypotopia ist eine sehr lebenswerte Stadt.“ Sie aus dem Nichts zu errichten würde 19 Milliarden € kosten, so viel wie die „Rettung“ der Hypo Alpe Adria.

  2. Weithin Konsens. Auch über Johnsons (alte) Sicht (im Rahmen seiner objektiv und sicherlich auch subjektiv begrenzten Möglichkeiten) kann man streiten. Dass sich genau beim Lenin-Zitat keiner traut heute kontrastierend im VTR zu klatschen, kann man nicht dem Theater vorwerfen, welches sich selbst ja jahrelang entlang des politischen Kleingeistes in Rostocks verbogen hat. Die neue Ängstlichkeit des nun 25 Jahre „frei verbogenen“ Bürgers bis hin zu Nihilismus und – noch schlimmerer – z.T. größerer Feigheit als in der DDR. Keine Meinung ist schon wieder die beste Meinung, um sich bei jeder Gelegenheit stromlinienförmig in das laue Lüftchen zu stellen, welches durch diese Stadt überhaupt noch in den Köpfen fächelt. Ich gehe fest davon aus, dass 50% der Theaterbesucher bei Lenins Zitat wohl assoziieren, dass wir praktisch in dieser Realität leben. Dass sie den Weihrauch um Johnson in dem Stück nicht mit Beifall wegblasen – mit Blick auf die Jungen im Saal, ist es auch ein historisches Dokument, und Respekt gegenüber denen, die ihre Jugend in diesen Zeiten leben und opfern gelernt haben, spielt hier auch eine Rolle. Nicht zuletzt, was in der realpolitischen Umkränzung dieses Zitats damals mit und bei Menschen angerichtet wurde.
    Richtig spannend wird es, wenn im nächsten Jahr ein komplementäres Stück zu den 1950igern in der BRD auf die Bühne käme. Diese dunkle Geschichte dieses scheinbar „demokratisch beschenkten“ Landes kennt das Bildungsbürgertum allerdings noch gar nicht. In den Schulbüchern gähnende Lehre – geschichtspolitische Zensur, jetzt glaub schon jeder fast, die Geschichte wäre dort so schön wirtschaftsverwundert gelaugen. (Von Andeutungen in Tatort-Produktionen einmal abgesehen). Dann lasst uns doch bei der nächsten Aufführung mal bei Lenins-Zitat klatschen und den Intendanten bitten, nächstes Jahr 1950iger-West komplementär auf die Bühne zu bringen. Das ist nur Arbeit, weil kaum jemand Bücher darüber geschrieben hat, wie McCarthy hier mit „deutscher Gründlichkeit“ und „deutschem Weggucken“ richtig durchgezogen wurde, als von freier Presse im Westen auch noch kaum eine Rede war…

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