Es verschlägt einem die Sprache

Diese „Lehrstunden der Demokratie“, praktiziert am Thema Volkstheater, aber auf jeden anderen Bereich übertragbar, sollten wir Betroffenen sehr aufmerksam und keinesfalls passiv zur Kenntnis nehmen.

Lehrende sind vor allem unser Oberbürgermeister, der bei jeder passenden Gelegenheit zu erkennen gibt, dass er Theater für völlig überflüssig hält, vor allem dann, wenn es Geld kostet. Unser aller Bildungsminister, der nur so viel Bildung zuläßt, wie durch den Landeshaushalt bezahlbar ist – egal, wieviel Bruttoinlandsprodukt an anderer Stelle sinnlos oder gar contraproduktiv vergeudet wird, ist leider auch dabei.

Diese beiden haben also mit einigen Fraktionen der Bürgerschaft verhandelt, mit anderen lieber nicht. Weil die anderen sich den geforderten Leistungseinschränkungen für das Volkstheater nicht unterwerfen wollten, sondern zusammen mit dem Theater ein alternatives, kulturfreundlicheres Konzept vertraten – wohlgemerkt ohne Mehrkosten!

Alternative Konzept zu diskutieren ist kein verbindlicher Bestandteil der praktizierten, „repräsentativen“ Demokratie. Statt dessen hörten wir schon des öfteren das von der Landesregierung vertretene Prinzip des „Durchregierens“.

Im Nachhinein erfahren die Ausgeschlossenen dann auch noch Hohn und Spott:

„Die beiden Fraktionen haben sich selbst ausgeschlossen. Frau Bachmann ist nie erschienen, wenn wir über das Thema geredet haben. Gleiches gilt für die Fraktion der Linken: Sie wollten nicht in Richtung Kompromiss denken und verhandeln. Damit haben sie sich selbst aus dem Prozess entfernt. Sie wurden nicht ausgeschlossen. Das zu behaupten ist lächerlich.“ (Malte Philipp, OB-Fraktion).

Richtig, Herr Philipp, wer nicht für uns ist, ist gegen uns und mit dem reden wir erst gar nicht!

Der Beschlussentwurf der wahrhaftigen Demokraten (CDU, SPD, Grüne + UFR/FDP (letztere zeichnen übrigens als Ersteller!) wurde hier veröffentlicht und enthält wundersame Textstellen, z.B. die Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen „vom Grundsatz her“:

Beispiel 1:

„Mit der Umsetzung der Neustrukturierung werden betriebsbedingte Kündigungen vom Grundsatz her ausgeschlossen. Zu deren Vermeidung sind alternative Beschäftigungsmöglichkeiten und tarifliche Regelungen anzubieten. Das Land erklärt sich bereit, die Hansestadt Rostock bei der Suche nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten zu unterstützen“

Man beachte: Es sollen alternative, nicht etwa zumutbare Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Müllmänner (im übrigen nicht schlecht entlohnt), Politessen sind da durchaus denkbar.

Beispiel 2:

„Das Umsetzungskonzept ist allen Rostockerinnen und Rostockern in einem Internetforum zugänglich zu machen. Die Auswertung der Bürgerhinweise erfolgt zwei Monate nach Veröffentlichung des Konzeptes“

Besser als Frau Dr. Bachmann kann man es kaum kommentieren:

„… hier steht der Verrat am Bürger: die Rostocker werden nicht mehr bei der Strukturentscheidung selbst eingebunden, sondern sollen der Geschäftsführung bei der Erarbeitung der Umsetzungskonzeption zur Schließung der beiden Sparten behilflich sein – derart Unverschämtes ist kaum noch fassbar“.

Beispiel 3:

Die Bürgerschaft schließt sich mehrheitlich sogar selbst vom weiteren Entscheidungsprozess aus:

„Der Entwurf des Umsetzungskonzepts ist der Bürgerschaft am 09.09.2015 zur Kenntnisnahme vorzulegen“.

Zur Kenntnisnahme, nicht etwa zur Beratung und Entscheidung! Dr. Bachmann (ebenda): Die Bürgerschaft

„hat nichts mehr zu sagen, das machen die beiden Herren unter sich aus – der Kuhhandel wird perfekt“.

Beispiel 4:

Das ganze natürlich zum Wohl der Kultur und der BürgerInnen:

…damit das Kulturangebot den Einwohnern und Einwohnerinnen der Hansestadt so wie der Umlandgemeinden erhalten bleibt…“

Eine weitere Übung in Sachen „Demokratie“:

Die vier theatertötenden Bürgerschaftsfraktionen gaben eine Pressekonferenz exklusiv nur für zwei Medien, die OZ und die NNN. Frau Eva-Maria Kröger wagte es, als Zuhörerin daran teilzunehmen, denn sie ist nicht nur Fraktionsvorsitzende einer der von dem bisherigen Procedere ausgeschlossenen Fraktionen, sondern auch Vorsitzende der Volkstheater GmbH Rostock:

„Auf Betreiben des ebenfalls anwesenden Kulturministers Mathias Brodkorb sei sie schließlich von den Teilnehmern genötigt worden, den Raum zu verlassen. Oberbürgermeister Roland Methling als Hausherr der spontanen Pressekonferenz sei nicht eingeschritten“ (Schlößer).

„Mit dem Rauswurf von Eva-Maria Kröger aus der heutigen Pressekonferenz der Quadrilla mit Minister und OB haben sich die Beteiligten von jeglichem Anstand verabschiedet“ (Dr. Bachmann, ebenda).

Frank Schlößer kommentiert es (hier nur gekürzt) wie folgt:

„Rostock? Das ist doch die Stadt,… die sich Hansestadt nennt – aber nicht aus Stolz und Selbstbewusstsein. Sondern aus einem protzigen Traditions-Dünkel heraus, der eher zu einem Pissnest passt. Rostock ist die Stadt, in der die Quadratmeterpreise Spitzenpreise erreichen, die größer wird – und deshalb ihr Theater kleiner macht. Damit es besser zu den städtischen Kleingeistern passt, zu den Bonsai-Hanseaten, die sich damit brüsten, schon ewig nicht mehr im Theater gewesen zu sein. Zu den Bonsai-Demokraten, die nur irgendwie endlich eine langwierige Diskussion vom Tisch haben wollen und dafür eine zweite Stadthalle bekommen…“

Und ein Leser fügt hinzu, dabei den Kreis zur Einleitung meiner bescheidenen Zusammenfassung schließend:

Börger M., 26.02.2015 | 11:43:

Aber Herr Schlösser, Rostock und seine demokratisch gewählte Bürgerschaft als Pissnest zu bezeichnen, dass ist schon ein eine klitzekleine Unverfrorenheit.
Und die immer so gehuldigten breiten gesellschaftlichen demokratischen Bündnisse haben beschlossen wozu Sie von den Bürgern gewählt worden sind.
Nun sollten Sie – als (un)abhängiger Journalist – doch hier nicht den schlechten Verlierer geben, sondern im Gegenteil, den Demokraten Beifall für Ihren Mut, Ihre Weitsicht und Ihre Entschlusskraft, spenden – so wie es der Bürger entschieden hat.
Überall breit legitimierte Demokraten, im Landtag und der Landesregierung, in der Bürgerschaft und sogar an der Spitze der Verwaltung.
Genau darum heisst es ja auch: MV tut gut.


 

Sehr viele Detailinformationen finden sich auf den vier Artikeln von das-ist-rostock.de, jeder enthält viele weiterführende und wichtige Links:

20.2.2015 – 34 Prozent der Rostocker Bürgerschaft sind von den derzeitigen Diskussionen um Spartenschließungen am Volkstheater ausgeschlossen.

24.2.2015 – vor der Bürgerschaftssitzung

26.2.2015 – danach

27.2.2015 – Thierse-Brief

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3 Gedanken zu „Es verschlägt einem die Sprache

  1. Da wundert man sich, wie viel Theaterfeinde und „Demokratie“-Freunde es in Rostock gibt – und dann liefert die Redaktion von das-ist-rostock.de eine unglaubliche Erklärung für die Hass-Schwemme:

    Tom Maercker, Redaktion, 27.02.2015 | 9:47:
    Liebe/r „A. Meise“, „Alexej Matjorchek“, „Marion Kunst“, „OZ Demokrat“, „B. Brecht“, „Rad Haus“, „ELBO Bau“, „Josef Nassau“, „Ralf Möhle“, „Ziegelei“, „Heino Sommer“, „Ziegelei – Latschenkiefer“, „Tessiner Baulöwe“, „Rostocker Sozialdemokrat“, „Rostocker“ und „Günther Siegbert“,
    danke dass Sie sich unter so vielen verschieden Namen als theaterhassender Kommentator beteiligen (vielleicht um hier eine Mehrheit zu simulieren?). Wir möchten Sie dennoch bitten, sich auf eine einzige Identität zu beschränken, wie z.B. der Herr M., ziegeler oder Frau Brock das tun. Andernfalls werden wir Telefonica bitten müssen, Ihre IP zu sperren.

    Gefunden bei den Leserkommentaren zu http://www.das-ist-rostock.de/artikel/51189_2015-02-26_mit-klarer-mehrheit-angenommen/
    Die Vielzahl der Pseudonyme und der bemerkenswerte Zeitaufwand spricht für eine Auftragsarbeit… Die IP wird doch nicht etwa auf das Rathaus verweisen?

  2. Die Leserkommentare zu den Schlößer-Artikeln sind mehrheitlich sehr interessant und sollten genau so aufmerksam gelesen werden wie die Artikel selbst. Beweis:

    „Sybille Bachmann, 28.02.2015 | 11:17:
    Die Entscheidung ist nicht mit klarer Mehrheit getroffen worden, sondern mit nur 3 Stimmen, die vorab eine andere Auffassung deutlich gemacht hatten. Hätten sie ihr Ursprungsvotum umgesetzt, wäre es 24:25 gegen die Schließung der zwei Sparten ausgegangen.
    Linke und Rostocker Bund hatten sich zu keinem Zeitpunkt dem Gespräch verweigert, sie wurden bewusst rausgelassen, weil man eine Fachdiskussion nicht wollte und sie offensichtlich die Einzigen waren, die das desaströse Konzept von Minister und OB aus dem Stehgreif hätten auseinandernehmen können. Das genau und nur das war nicht gewollt. Der Beschluss ist wirtschaftlich eine Katastrophe für die Stadt (kostet Millionen, obwohl er nicht nötig war, künstlerisch sowieso. Er wird in dieser Form nicht umsetzbar sein.“

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