Einfach unfassbar

„Heute beschäftigte sich die Bürgerschaft in Rostock im nichtöffentlichen Teil mit der heftigen Kritik an der Rede des Rostocker Theaterintendanten Anfang März auf einer Theater-Demo in Neustrelitz. Dort hatte Sewan Latchinian die Zerstörung von jahrtausendealten Weltkulturerbestätten durch die Terroristen des „Islamischen Staates“ mit der „Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen“ in MV verglichen“, schreibt die NNN in ihrer gestrigen Ausgabe, die auch. ein Interwiev mit Latchinian enthält.

Ähnliche pauschale Aussagen finden sich in der OZ, bei n-tv, auf nachtkritik.de und an anderen Stellen. Was aber der Intendant wirklich gesagt hat, bleibt ausgeblendet. Wieder einmal sollen wir Bürger uns auf Politiker und Medien verlassen. Warum eigentlich? Am konkretesten wird Latchinian selbst im NNN-Interview:

„Mir ging es um einen geschichtlichen Horizont, ohne den Kunst, Kultur und Kulturpolitik nicht gedacht werden können, im Guten wie im Bösen. Das deutsche Kulturverständnis nach 1945 wäre ohne dieses Bewusstsein kaum möglich gewesen…

Gemeint war, dass wir uns gerade angesichts der akuten Zerstörung von Kulturwerten im Irak und in der ehemaligen DDR als Deutsche der Verantwortung erinnern sollten, behutsam mit dem Ererbten umzugehen. Eine Gleichsetzung grundverschiedener Vorgänge war von mir nicht beabsichtigt“

Dem sollte man uneingeschränkt zustimmen können.

Diskussionen und Informationen auch auf Facebook.

Wieder einmal spielte sich ein Denunziant als Retter des „demokratischen Rechtsstaates“ auf:

„Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein Brief von Ex-Landtagsabgeordneten Michael Körner (SPD) aus Neustrelitz, der Latchinian vorwarf „Mörder und fanatische Kulturzerstörer“ mit Repräsentanten des demokratischen Rechtsstaates zu vergleichen.“

Wenn es es dem Herrn Michael Körner wirklich um die Inhalte der Latchinian-Rede gegangen ist, so wäre ein Brief an den Redner angemessen und richtig gewesen. Aber den von Brodkorb (ebenfalls SPD, sagt uns das was?) ungeliebten Intendanten gleich beim Genossen Minister zu denunzieren, zeigt uns deutlich das moralische Niveau heutiger Politiker. Folgt man den Wikipedia-Informationen, ist Herr Klaus-Michael Körner nicht nur Politiker, sondern auch promovierter Theologe. Geht es noch schlimmer?

Update am 28.3.:

Viele und für die Beurteilung des Geschehens wichtige Informationen finden sich auf das-ist-rostock.de, wo die Diskussion wohl noch nicht abgeschlossen ist. Die Situation stellt sich etwas anders das als in den vorstehenden Zeilen, aber nicht besser:

  • Dr. Michael Körner ließ 10 Tage zwischen dem Ereignis (Latchinian-Rede) und Datierung seines Briefes verstreichen, um sich mit anderen abzustimmen.
  • Dr. Michael Körner schickte seinen Brief am Freitag, den 20.3. an den Intendanten, der ihn am Montag, den 23.3. erhielt. Noch bevor er ihn lesen, geschweige denn beantworten konnte, mailte Dr. Michael Körner am Sonntag, den 22.3. den Brief an die OB’s von Schwerin und Rostock und an die Stadtverordneten beider Städte mit der Begründung, „habe ich Herrn Latchinian am 20. März einen Brief (Anlage) geschrieben auf den ich leider noch keine Antwort habe und den ich Ihnen hiermit zur Kenntnis gebe. In diesem Brief habe ich angekündigt, dass ich Sie in meinen Verteiler aufnehme.“ Wie verdreht ist denn das?! Dr. Michael Körner hatte also von vornherein vor, Latchinian in Schwerin und Rostock zu denunzieren – wohlgemerkt ohne die wörtliche Rede von Latchinian beibringen zu können!

Es lohnt sich, vor allem auch das Schreiben von Dr. Körner und den Brief von Dr. Sybille Bachmann (beide auch auf das-ist-rostock.de) sehr sorgfältig zu lesen!

Über den konkreten Vorgang hinaus, der schlimm genug ist, stößt der interessierte Theaterfreund im Zusammenhang mit dem Tun von Dr. Körner auf den Landeskulturrat M-V, dessen Vorsitzender der „Kulturpolitiker und ehemalige Landtagsabgeordnete Dr. Michael Körner ist“. Es lohnt sich, die Mitglieder und ihre Tätigkeitsfelder näher anzusehen. Ein repräsentativer Querschnitt für die kulturellen Akteure in diesem Land erscheint mir das nicht!


Kommentare und Bericht u.a. bei:

 

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4 Gedanken zu „Einfach unfassbar

  1. Liebes Rumpelstilzchen (warum eigentlich dieser Name?),
    es ist leider falsch. Körner hat den Brief an den Intendanten direkt geschrieben.
    Und es geht leider auch nicht nur um diese Aussagen.

  2. Ja, per snailmail direkt an den Intendanten – und bevor der Brief dort ankommen konnte, per email an die Schweriner und Rostocker Oberbürgermeister und Abgeordneten beider Städte. Das nenne ich im Political-correctnes-sprech zutiefst unredlich und im Klartext Denunziation!

  3. Gefunden:
    Kreistag Landkreis Rostock
    Ausschuss für Bildung, Kultur und Jugend

    Pressemitteilung zur Situation des Volkstheaters Rostock

    Die Mitglieder des Ausschusses für Bildung, Kultur und Jugend beim Kreistag Landkreis Rostock appellieren fraktionsübergreifend und einstimmig an den Oberbürgermeister und die Bürgerschaft der Hansestadt Rostock, sich nachhaltig für den Erhalt des Volkstheaters Rostock als Vierspartenhaus mit dem vielfältigen Angebot aus Schauspiel, Orchester, Musiktheater und Tanz einzusetzen. Entscheidungen über die Zukunft des Volkstheaters Rostock betreffen nicht nur die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Hansestadt als kulturelles Zentrum, sondern auch die der gesamten Regiopole Rostock.

    Das Volkstheater Rostock unter dem Intendanten Sewan Latchinian leistet eine hervorragendeArbeit, die überregional anerkannt ist. Die Schließung auch nur einer Sparte bedeutet eine Verarmung des kulturellen Angebotes für Stadt und Land. Kultur ist Lebensmittel; Kultur als Element von Identität und Verortung ist wichtiger Bestandteil des demokratischen Gemeinwesens. Kulturelle Bildung ist Basis für die Zukunft unserer Städte und Gemeinden. Kulturelle Vielfalt bedeutet Reichtum und sollte immer ein zentrales Ziel demokratischer Kulturpolitik sein.

    Dittmar Brandt
    (Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Kultur und Jugend beim Kreistag Landkreis Rostock)

    Quelle: https://www.facebook.com/TheaterLeben/posts/831747943570475?fref=nf

  4. Dies sollte man auch unbedingt lesen:
    * http://theaterleben.info/offener-brief-an-minister-matthias-brodkorb/ (Sibylle Bachmann)
    * http://theaterleben.info/persoenliche-erklaerung-zur-situation-des-volkstheaters-rostock-von-christine-borgward/
    * https://www.facebook.com/theaternetzwerk.mse?fref=ufi:

    Solidarität mit dem Rostocker Theaterintendanten Sewan Latchinian

    Am 9. März d. J. hatte der Rostocker Theaterintendant Sewan Latchinian an einer Demonstration vor dem Neustrelitzer Landestheater teilgenommen. Die Demonstration stand unter dem Motto: „Für den Erhalt des Vier-Sparten-Theaters – Gegen Kultur- und Bildungsabbau“.

    Der Förderverein Landestheater Mecklenburg e.V. und das TheaterNetzwerk.MSE hatten zu dieser Demonstration aufgerufen, und Sewan Latchinian hat sich vor Ort persönlich mit diesem Anliegen solidarisiert. Er hatte am 9. März vor dem Theater zu den Demonstranten gesprochen. Für seine Rede hat er viel Beifall bekommen, weil er sich hoch engagiert für die Theaterkultur in Mecklenburg-Vorpommern eingesetzt hat. Die Versuche des Kultusministeriums, die Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern zu zerschlagen, paßt in eine Reihe von Angriffen gegen das kulturelle Erbe in vielen Ländern dieser Erde.

    Und wenn einem engagierten Theatermann im Kampf für das Theater Beispiele aus anderen Ländern einfallen, dann darf er sie auch benennen! Es wird doch hoffentlich noch das grundgesetzlich verbürgte Recht auf Meinungsfreiheit auch in Mecklenburg-Vorpommern gelten. Islamische Fundamentalisten versuchen in Mali und anderswo durch den Angriff auf eine vormals kulturvolle, tolerante und weltoffene Gesellschaft, ihre Ideologien durchzusetzen. In Mecklenburg-Vorpommern veranstalten bestimmte Politiker (einschl. des Kultusministers) einen Angriff auf das Weltkulturerbe Theater. Wem das Theater am Herzen liegt, versteht sehr gut, was Herr Latchinian gemeint hat.

    Niemand in Deutschland darf wegen seiner Meinungsäußerungen mit Entlassung bedroht werden! Und ein Theaterintendant hat nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, mit allen demokratischen Mitteln – dazu gehört in erster Linie die freie Meinungsäußerung – für das Theater zu streiten!

    Wir solidarisieren uns mit Herrn Latchinian und fordern die unverzügliche Rücknahme der Kündigungsdrohung! Die Rostocker Bürgerschaft fordern wir auf, die absolut unverhältnismäßige Reaktion des Oberbürgermeisters Methling zurück zu weisen!

    Förderverein Landestheater Mecklenburg e.V.
    TheaterNetzwerk.MSE
    Marco Zabel und Rainer Grassmuck

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