Verlängerter Schwebezustand

Der Oberbürgermeister hat gesprochen:

Ich habe mir die Entscheidung, Widerspruch einzulegen, daher auch nicht leicht gemacht. Jedoch wird sich dadurch die Bürgerschaft noch einmal während ihrer nächsten Sitzung, also schon in der kommenden Woche, mit der Angelegenheit befassen müssen.

Dies könnte man als Einlenken interpretieren, gäbe es nicht den nachfolgenden Satz, der wie eine Drohung zu klingen scheint:

Ich hoffe sehr, dass der Beschluss dann so geändert wird, dass er Vertrauen ermöglicht und nicht mehr das Wohl Rostocks gefährdet.

Und weiter:

„Polemik und Provokation dürfen nicht die Sachdiskussion um die Zukunft des Volkstheaters verdrängen. Wenn wir in der Bürgerschaft beschlossen haben, den Zuschuss für das Volkstheater Rostock bis zum Jahr 2019 auf dem jetzt hohen Niveau konstant zu halten, erwarte ich dafür auch Akzeptanz beim Intendanten und bei jenen Mitgliedern der Bürgerschaft, die sich mit ihren Auffassungen nicht durchsetzen konnten.“

Also doch 2+2 um jeden Preis, sei es mit oder ohne Latchinian…

Alternative Aussagen über unverzichtbar positive Wirkungen ausreichender Kultur- und insbesondere Theaterförderung hat unser aller OB bislang offenbar nicht zur Kenntnis genommen:

Wie aber, wenn kein Geld da ist, kommt es als Echo für gewöhnlich aus Ländern und Gemeinden. Rolf Bolwin, der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, rechnet anders: Zwar kosten Theater und Orchester unseres Landes die öffentliche Hand jährlich zirka zwei Milliarden Euro. „Das sind rund 0,2 Prozent aller öffentlichen Budgets. Glaubt jemand wirklich, man könne mit der Reduzierung dieses Betrages, sagen wir einmal auf 0,18 Prozent, die öffentlichen Haushalte sanieren?“ Dass im Gegenteil Theater mehr Geld generiert als es kostet, hat die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig 2014 in einer Studie zur Umwegrentabilität nachgewiesen. Mindestens 1,03 Euro, im optimistischen Szenario 2,04 Euro bringt demnach zum Beispiel jeder für die Leipziger Oper eingesetzte städtische Euro vor allem durch Tourismus, Aufträge an die ortsansässige Wirtschaft und Steuern.

Vielleicht schaffen es ja die Bürgerschaftsabgeordneten, sich das entsprechende Wissen bis zur nächsten Sitzung anzueignen.

Siehe auch die Beiträge von Frau Dr. Bachmann zum Thema.

Kurz und bündig

„… Schernikau, weil er die Sache so wunderbar auf den Punkt bringt: machen wir uns nichts vor: staatspolitik ist militärpolitik, kultur­politik ist wirtschaftspolitik, bürger­initiativen sind pipifax.“

Gefunden in einer klugen Imperialismusanalyse. Die Hervorhebung ist von mir. Doch will ich nichts weniger als mit dem Schernikau-Zitat Mutlosigkeit auslösen, im Gegenteil. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass all unser Engagement (das „Pipifax“) immer nur befristet und und anteilig Erfolg haben kann, so lange wir in dieser Gesellschaftsordnung leben. Aber ohne Pipifax würde das gegenwärtige Leben noch trauriger, also lasst uns kräftig und klug weiter pipifaxen!

Am Anfang steht das Wort – und das Wort ist falsch!

der kulturpolitische reporter

Stadttheater, Opernhäuser und Bibliotheken in Deutschland erhalten keine „Subventionen“. Die permanente Behauptung des Gegenteils in den Medien der Republik zeigt nur, wie wenig Journalismus oft im Feuilleton steckt.

„Wer wie viel bekommt – und was die Karten ohne Subventionen kosten würden“, so leitet Dominik Hutter einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom letzten Wochenende ein (Sorry, schon wieder ist die SZ Ausgangspunkt eines Blogbeitrags, aber besser auf die Großen als auf die Kleinen). Dann listet er auf, welcher Kulturbetrieb in der bayerischen Landeshauptstadt in welcher Höhe vom Staat bezuschusst wird: Pinakotheken und Kammerspiele, die Oper und die Philharmoniker. „Spitzenreiter im städtischen Subventionszirkus ist die Stadtbibliothek“, lässt Hutter den Artikel dann nicht nur in ein bemerkenswert schräges Bild abdriften, sondern auch vollends in die neoliberale Propaganda.

„Kultur“ ist in der Bundesrepublik Deutschland laut Grundgesetz Ländersache. Zu denen gehören im Staatskonstrukt formaljuristisch auch die Kommunen. Beide Ebenen zusammen sind – in…

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ISIS an der Ostsee

warumesregnet

Der Intendant des Rostocker Volkstheaters, Sewan Latchinian, ist fristlos entlassen worden. Der Grund: Er hat auf einer Kundgebung die Kulturpolitik der Stadtverwaltung mit der des IS verglichen, der im Irak gerade die Weltkulturerbestätten Lamassus sprengt. Das Rostocker Volkstheater ist ein Vierspartenhaus in Geldnot, das heißt ein ganz gewöhnliches deutsches Stadttheater. Es wird vermutlich nie den Stellenwert der dreitausend Jahre alten Lamassu-Statuen erreichen und die Stadtverwaltung Rostocks hat ganz andere und auch bescheidenere Ziele als die gewaltsame Gründung eines Gottesstaates. Man könnte sagen: Auch wenn die Stadtverwaltung nun Latchinians Kopf fordert, ist der IS doch ungemein gefährlicher. Der Vergleich hinkt, im Grunde ist aber auch nicht wirklich was passiert.

Der Intendant stand seit Beginn seiner jungen Amtszeit in Konflikt mit der Stadt, weil diese gleich zwei Sparten des Theaters streichen wollte. So erscheint der IS-Vergleich nur als Anlass für seine Entlassung. Man darf eben nicht alles mit allem verglichen. Nur, warum…

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Dafür @ Dagegen

Latchinian hat in Neustrelitz angeblich etwas Böses gesagt. Was genau, ist bis heute nicht präzise überliefert, aber es reicht zum persönlichen Beleidigtsein unseres Oberbürgermeisters und damit zur sofortigen Entlassung des Intendanten.

Unser Herr OB glaubt folgendes zu wissen und brachte es so in die Beschlussvorlage für den Hauptausschuss ein:

Herr Latchinian hat mit Blick auf den Strukturwandel bei Theatern in M-V am 09.03.2015 in Neustrelitz im Rahmen einer öffentlichen Rede erklärt, dass „diese Pläne“ „in ihren Konsequenzen auf einer unseligen Traditionslinie von Vandalismus, die Jahrtausende alt“ sei, liege.

„ln seiner bisherigen persönlichen Lebenszeit habe dieser Vandalismus in den 60er Jahren zum Beispiel zur Sprengung der jahrhundertealten Leipziger Universitätskirche geführt, damals im Namen einer Ideologie“. „Seit Wochen zerstören in dieser Weise IS-Schergen im Irak die jahrtausendalten Weltkulturerbestätten Nimrud und Kirkuk, aus religiösen Vorwänden“. „Und hier bei uns in Mecklenburg-Vorpommern – ich setze das nicht gleich, aber vergleichen dürfen muss man das schon – hat momentan im Namen des Geldes die Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen begonnen“.

Also ich bin dafür & dagegen.

Dafür:

Ganz selbstverständlich bin auch ich dafür, dass man vergleichen darf. Dass zugleich jeder Vergleich hinkt, ist sprichwörtlich, dass er zugleich zum Nachdenken anregt, ergibt seinen Sinn.

Latchinian vergleicht Sachverhalte von Vandalismus im Namen einer Ideologie, aus religiösen Vorwänden und im Namen des Geldes miteinander.

Von einem Oberbürgermeister ist nicht die Rede. Wenn der sich die Jacke anzieht, die von der Kritik an zerstörerischen Wirkungen im Namen des Geldes, outet er sich in erschreckender Weise selbst.

Darüber, dass man vergleichen darf, ist im Zusammenhang mit Latchinian schon so viel geschrieben worden, dass ich mir eigene Argumente ersparen kann.

Dagegen:

Weil der zitierte Text zu implizieren scheint, dass die Sprengung der Leipziger Universitätskirche symbolhaft für die DDR-Kulturpolitik stehe und deshalb mit den heutigen Theaterzerstörungen nicht nur in Rostock zu vergleichen sei, dann bin ich heftig dagegen. Nicht nur, weil sich der Verlust an historisch wertvollen Baudenkmälern nach der Wende in erschreckendem Umfang fortsetzt (wenngleich jetzt „nur“ im Namen des Geldes) und ein eigenes Thema wert wäre, sondern vor allem, weil dieser Vergleich der Kulturpolitik der DDR in keiner Weise gerecht wird.

Dieses bitterarme Land hat in einem unvergleichlich großen Umfang in die Kultur investiert, die Theater einbegriffen. Ich hatte das Glück, im magischen Dreieck Deutsches Theater – Komische Oper – Berliner Ensemble aufzuwachsen, die anderen (ost-) berliner Spielstätten nicht zu vergessen.

Als Kriegskind lernte ich früh, wie wichtig Theater ist. Nach den vielen traumatischen Erlebnissen bis zum Mai 1945 erlebte ich einem kleinen, schmalen Kino das Metropol-Theater mit „Feuerwerk“. Das Lied „oh mein Papa“, ganz unoperettenhaft und schlicht gesungen, vertrieb alle Nazi-Propagandabilder vom nordisch-blonden Herrenmenschen, hart wie Kruppstahl etc. – der kleine Clown hoch auf dem Seil gewann mühelos. Zumal er nicht allein blieb, im Deutschen Theater lief „Nathan“ mit dem greisen Eduard Winterstein in der Titelrolle. Da hatte die Naziideologie keine Chance mehr. Bei der „Courage“ fanden wir unsere eigenen schlimmen Erlebnisse angesprochen und teilten kompromisslos die Erfahrungen und Konsequenzen.

So war es kein Wunder, dass wir jeweils am 1. Mai die obligatorische Demo in unserem Heimatort schwänzten, nach Berlin fuhren und am Rand des Demonstrationszuges warteten, bis das Berliner Ensemble kam – mit dem Planwagen der Mutter Courage, dahinter die Weigel, Brecht und alle anderen Ensemblemitglieder. Danach blieben wir nicht mehr am Rand stehen, sondern reihten uns ein, hinter unserem Theater, das so unverzichtbar zu unserem Leben gehörte.

So war es und so blieb es bis zur „Wende“. Heute gibt es Seelsorger für fast jedwedes großes Ungemach, damals waren es die Theater, die Musik und die Bücher, die erlittene Traumata heilten.

Ganz sehr dafür!

Keiner kann behaupten, heutzutage gäbe es keine ernsthaften seelischen Verletzungen mehr, Theater im besonderen und Kultur überhaupt sei deshalb weitgehend entbehrlich. Im Namen des Geldes sind Verletzungen für viele sehr alltäglich, von den Sorgen und Ängsten angesichts der vielfältigen Kriegen und Kriegsgefahren ganz abgesehen.

Eine derjenigen Inszenierungen am Deutschen Theater, die mich besonders beeindruckt hat, war „Der Drache“. Ich habe mich immer gewundert, warum Leonard und Latchinian das Stück nicht auf die Rostocker Bühne gebracht haben. Leonard mag es nicht gekannt haben, aber Latchinian?

Jetzt müssen wohl wir Betroffenen das Stück geben – die Fabel ist ja ganz einfach: Ein Drachentöter zog durchs Land und kam zu einer Stadt, die von einem mehrköpfigen Drachen beherrscht wurde. Er forderte jedes Jahr eine Jungfrau als Opfer. Dem wollte der Drachentöter ein Ende bereiten, aber eine Abordnung der Bürgerschaft zog ihm entgegen und beschwor ihn, von seinem Vorhaben abzulassen. Insgesamt gehe es doch ganz gut unter dem Herrn Drachen, das kleine Ungemach mit einer einzigen Jungfrau pro Jahr müsse man halt in Kauf nehmen. Die berliner Aufführung legte den Schwerpunkt des Zusammenspiels von Tyrannei und knechtseligem Untertanengeist auf den letzteren – was wir Zuschauer sehr richtig fanden: 580 Aufführungen am DT sprechen für sich.

Wie lange werden wir Betroffene es spielen müssen, bevor es wieder auf einer (Vier-Sparten-) Bühne für uns erlebbar ist und keine Jungfrauen, keine Sparten mehr geopfert werden?

Aufruf der „Initiative Volkstheater“

AUFRUF!

An alle Theaterfördervereine von Oper, Schauspiel, Tanztheater, Orchester und Puppentheater, an alle Kulturfördervereine, an alle Theater-Ensembles in ganz Deutschland!
Wir, die Initiative Volkstheater, laden Euch alle ein, am 12. und 13. April zu einer von uns einberufenen Zuschauerkonferenz nach Rostock zu kommen, das Volkstheater zu besetzen, damit wir unabhängig und selbständig über unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse beraten und damit wir im Anschluss unsere Belange bundesweit vertreten können. Wir werden Arbeitsgruppen bilden, um Erfahrungen auszutauschen und diese in Entschließungen zu gießen, mit denen wir einen Forderungskatalog formulieren, den wir dann an die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik übergeben. Unsere Steuergelder werden offensichtlich von kulturell ungebildeten Politikern verwaltet und verteilt. Wohin aber die Reise unserer Kulturnation in einer globalisierten Welt gehen soll, das sollten wir Theater-Zuschauer-Bürger in Deutschland mitbestimmen und durchsetzen.
Die Initiative Volkstheater Rostock und viele Zuschauer-bürger, werden Übernachtungen für Euch bereitstellen. Wir wollen eine starke außerparlamentarische Bürger-Phalanx bilden, um vor der Dringlichkeitssitzung der Rostocker Bürgerschaft gegen die stattgefundene Abberufung des Intendanten Sewan Latchinian zu demonstrieren!
Also: Busse über Busse nach Rostock, um ein Kultur- und Bildungshappening noch nie gesehenen Ausmaßes erstehen zu lassen.

Sonntag 12.04.15: Anreise, 17.00 Uhr Besetzung des Volkstheaters + Konferenz
Montag 13.04.15: 10.00 Uhr Besetzung des Volkstheaters + Konferenz + Einladung Politiker;
Montag 13.04.15: 17.00 Uhr Demonstration vor dem Rathaus, Neuer Markt, Rostock

Eingeladen hierzu: Dr. Wolfgang Thierse (SPD)

Unsere Künstler brauchen uns jetzt!
Es geht um unsere, die Würde der Bürger in den Ländern, Städten und Gemeinden für eine klügere und bessere Welt!

Anmeldung unter:
sandra-uma.schmitz@web.de / 0172-617 95 32 oder
baria.drischler@googlemail.com / 0176-24 27 94 68

Infos, Kontakt + Dialog ist über unsere Facebook-Gruppe „Initiative Volkstheater Rostock“ möglich!
Videobotschaften und offene Briefe unserer prominenten Unterstützer gibt’s auf http://www.de-drom.de

Update vom 10.4. der Abläufe: 150410-pressemitteilung der initiative volkstheater rostock!


Liebe Theater- und Kulturfreunde in Deutschland,

in besonderem Maße geht es den Theatern im Osten unserer Republik zusehens an die Krägen!

Die verantwortlichen Stadt-, und Landespolitiker wüten! Undemokratisch, kultur- und bildungsfern und leider auch ungebremst!

Seit Dezember 2014 gibt es die Initiative Volkstheater Rostock mit einer Facebook-Seite, Netzwerk und großer prominenter Unterstützung,in die Sie auf der Webseite http://www.de-drom.de Einblick bekommen können. Eine eigene Homepage folgt in Kürze. Weitere Demonstrationen!

Bitte nehmen Sie Kontakt zu uns auf, bitte folgen Sie, so Sie können, unserem Aufruf und verbreiten ihn!

Dank + beste Grüße, Jan-Ole Ziegeler


Wenn Kunst und Kultur nicht via Grundgesetz von Staates wegen geregelt und geschützt werden, dann braucht es starke und gebildete Politiker, um dieses Grundbedürfnis durchzusetzen. Aber der Kulturbegriff wird mangels Bildung immer mehr verzerrt und gefährdet und Schritt für Schritt dem Kommerz geopfert. Die skandalöse und völlig überzogene Amtsenthebung des Intendanten des Volkstheaters Rostock Sewan Latchinian aufgrund politisch durchaus unkorrekter Äußerungen senkt die Hemmschwelle für politische Willkür in den Ländern weiter und macht es vielen leidenschaftslosen Verwaltern der Länder und Gemeinden leicht und leichter, unsere, in der Welt einzigartige Theaterlandschaft zu zerstören. Rostock ist aktuell bedroht durch die seit längerer Zeit perfide Ratspolitik.

Rostock geht uns alle an! Sonst sind wir alle bald nur noch Rostock!