Eine zentrale Botschaft

Wenn der stellvertretende Chefredakteur der WELT-Zeitungsgruppe zur Feder greift, will er eine zentrale Botschaft vermitteln. In diesem Fall lautet sie:

„Fack ju Subvention!

Die durchsubventionierte deutsche Kulturlandschaft produziert nur gremienverhunzte Konsensbrühe. Künstler müssen sich endlich entscheiden, ob sie Staatsflittchen sein oder Kunst hervorbringen wollen.“

Sehen wir mal vom Stil dieser Schreibe ab, den der Herr Poschart als WELT-Bürger pflegt, und schauen auf den Inhalt.

Als erstes fällt

der inflationäre Gebrauch des Wortes „Subvention“

auf, obwohl kluge Leute mehr als einmal und wohlbegründet darauf hingewiesen haben, dass dieser Begriff in bezug auf jegliche Kulturförderung völlig unangemessen ist. Muss man aber als Mann von WELT nicht wissen. Daher enthält der WELT-Artikel 17 mal das Wort Subvention, das sind 3 % aller Worte im Artikel. Offenbar glaubt der Autor selbst nicht so recht, dass wir ihm seinen Text glauben, und versucht es daher mit Wort-Stalking.

Als zweites sticht

die durchgehende Denunziation engagierter Künstler

ins Auge. Fürs Theater liest sich das unter anderem so:

„Die Freundeskreise besonders avantgardistischer, vermeintlich linker Kulturinstitutionen sind bourgeoiser als jeder Rotary Club. So geht bürgerliche Kultur, und deswegen ist die Lobby für ihre Subventionierung so groß.“

„Im Berlin tobt ein Theaterstreit, in dessen Zentrum eine Elite von Theaterfürsten steht. Das sauer verdiente Steuergeld, das ihnen die öffentliche Hand rüberschubst, erachten sie als selbstverständlich. Es sind oft dieselben, die am Kapitalismus, der BRD, dem Spießer kein gutes Haar lassen, die all das verachten, was sie ermöglicht. Für diese Verachtung werden sie bezahlt.“

„Es gehört wie im Theater zur inneren Logik der Subvention, dass man deren Gestus der Spende als Demütigung versteht und mit Respektlosigkeit erwidert. Man spuckt auf die öffentliche Hand, die zahlt.“

Kurz und knapp: Unser stellvertretender Ober-WELT-Bürger hat messerscharf erkannt, dass die Theatermacher das alles um so weniger ernst meinen, je engagierter und gesellschaftskritischer sie es darstellen. Staatsflittchen eben.

Den Literaten, bildenden Künstlern und Filmemachern ergeht es nicht besser.

Als drittes folgt

die absolute Verarsche aller kunstinteressierten Menschen,

indem der stellvertretender Ober-WELT-Bürger die Welt mal schnell auf den Kopf stellt: „Die kulturellen Leitmedien im Fernsehen, die Serien, kommen in der Regel auch ohne Subvention zur Aufführung. Wer etwas sagen muss, weil es für ihn keine andere Option gibt, als Kunst zu machen, wird dies immer auch ohne finanzielle Unterstützung tun.“

Eben. Wir finanzieren alle das unsäglich seicht gewordene öffentlich-rechtliche Fernsehen mit einer unvermeidbaren Zwangsabgabe – aber „Subvention“ ist das natürlich nicht!

Die zentrale Botschaft,

auf die der stellvertretende Chefredakteur der WELT-Zeitungsgruppe so „überzeugend“ hingearbeitet hat, ist wenigstens konsequent und frei von jeglicher Eierei:

„Es wäre kein Problem, Kultursubventionen komplett einzustellen. Folgt man der Hegel’schen Idee der Kultur als Fortschritt im Geiste der Freiheit, dann gibt es kaum etwas, das sinnvollerweise zu fördern wäre.“

„DIE WELT“ ist kein beliebiges Blättchen, sondern ein Sprachrohr der Herrschenden. Aus diesem Blickwinkel wird sehr deutlich, warum das Theatersterben und andere Beschneidungen von kulturellen Aktivitäten nicht vorrangig den Kommunen und Landesregierungen anzulasten sind, warum unser kluger und integrer Ministerpräsident so hartnäckig schweigt und sich sein Kultusminister so zum Affen machen muss – es ist Staatsraison! Und als solche ein nur ein Element von vielen, die ein einziges Ziel haben: Den Bürgern das Denken abzugewöhnen, sie zu entmündigen bis hin zur Rechtlosigkeit. Nicht ohne Grund wettert der stellvertrende WELT-Mensch:

„richtig übel ist die Polemik dieser Subventionsfürsten, die jetzt gegen TTIP agitieren, gerne mit nationalen Ressentiments gegen den amerikanischen Kulturimperialismus. Motto: Kommt TTIP, kommt eine Hollywood-Monokultur.“

Kommt TTIP, kommt nicht nur USA-Monokultur, ungebremste Gen-Food, USA-Ideologie auf allen Bereichen, Aushebelung fast aller bürgerlicher Rechte, sofern sie Investoreninteressen entgegenstehen usw. usf.

Und neben TTIP kommt die schnelle Eingreiftruppe, kommen noch mehr militärische Aktivitäten an Russlands und Chinas Grenzen, erfolgt eine „Modernisierung“ der Bundeswehr sowie der ganzen NATO ohne absehbares Ende – es wäre noch viel aufzuzählen.

Auf einem anderen Blog fand ich ein Gedicht, das auch hierher zu gehören scheint:

Darum laßt uns alles wagen,
nimmer rasten, nimmer ruhn,
nur nicht dumpf, so gar nichts sagen,
und so gar nichts woll’n und tun.

Nur nicht brütend hingegangen
ängstlich in dem niedern Joch,
denn das Sehnen und Verlangen
und die Tat, sie bleibt uns doch!

Karl Marx

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

4 Gedanken zu „Eine zentrale Botschaft

  1. Wenn wir Humanismus als Streben nach Menschlichkeit (Humanität) verstehen, „nach menschenwürdiger Daseinsgestaltung. Im weiteren Sinne die Gesamtheit jener Ideen und Bestrebungen in der Geschichte der Menschheit, die von der Bildung und Entwicklungsfähigkeit des Menschen. von der Achtung seiner Würde und Persönlichkeit ausgehen und auf die allseitige Ausbildung, die freie Betätigung und Entfaltung seiner schöpferischen Kräfte und Fähigkeiten sowie auf die Höherentwicklung der menschlichen Gesellschaft, auf immer größere Vervollkommnung und Freiheit des Menschengeschlechts gerichtet sind“ (https://sascha313.wordpress.com/2015/05/03/was-verstehen-wir-unter-humanismus/), dann sind Kultur im Allgemeinen und Theater im Besonderen unverzichtbare Bestandteile.

    Aber „im Imperialismus offenbarten sich die antihumanen Züge und Ziele des Kapitals immer stärker, was besonders in der Politik der Hochrüstung, der Ideologie des Chauvinismus und Rassismus usw. zum Ausdruck kommt. Mit seinem allgemeinmenschlichen Anspruch dient der bürgerliche Humanismus heute einerseits den Ideologen der Bourgeoisie als Mittel zur Verschleierung ihrer egoistischen Klasseninteressen, andererseits wurden die früheren humanistischen Ideen auch offen zurückgenommen und antihumanistische Ideologien entwickelt“ (ebenda) – was der WELT-Artikel trefflich illustriert!

  2. Wie krank ist dieser Mann mit einer solchen perversen Sprache? – Ein wandelnder Teerklumpen mit Schädel drumherum…, so kann man bei der WELT offenbar was werden. Ich glaube aber eher, dass die Journalisten so in ihrer dümmlichen Soße des Alltags feststecken, dass sie absolut keine klaren Bilder mehr sehen. Völlig überrannte Menschen, die nur noch dicken Finanzbrei aus Ihrem völlig verwirrten Kopf absondern… Traumatisierte aller Länder vereinigt euch – bei der WELT…

  3. Erasmus Schöfer hielt auf der Tagung »Richtige Literatur im Falschen« (17./18. April 2015) im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin einen Vortrag – zum gleichen Thema, an dem sich der WELT-Mann abarbeitet, aber was für ein Unterschied im kulturellen Niveau! Wichtig und erschreckend zugleich ist die Übereinstimmung in der Grundaussage: Künstler sind zurückgeworfen „auf die alte Rolle der Hofnarren“!

    „Vielen Autorinnen und Autoren, die sich in den 40 Nachkriegsjahren in diesem Land als engagierte verstanden und bezeichnen ließen, haben der Gesellschaft in kenntnisreicher Empörung ihre wachsenden demokratischen Defizite und ihre monströsen Verbrechen unter die Nase gerieben, aber der Alligator hat sie leben und schreiben lassen in seinem zähnestarrenden Maul, wie die Krokodile das eben mit ihren Kindern so machen. Da gilt die nicht mehr ganz frische Wahrheit, dass die menschenfressenden Panzerechsen sehr zärtlich mit denen umgehen können, die ihnen zum Ausweis ihrer Toleranz verhelfen. Was heißt, diese Sorte verbalen kritischen Engagements wird in unserm so lange saturierten kapitalistischen Staatensystem eher als nützlich denn als gefährlich verstanden, nämlich dienstbar seiner Verbrämung. Und das heißt seiner Erhaltung. In einer fatalen negativen Dialektik ihrer kritischen Absicht werden die Kritiker zu Stützen der angegriffenen Gesellschaft, wertvoller für sie als jene Tuis, die ihre Einsichten ergeben nach den Wünschen der Zahlmeister formen…

    Ein deprimierendes Fazit: Die Veränderungsabsichten des kritischen Schreibens bleiben in unsrer politischen Kultur offenbar wirkungslos. In der liberal drapierten westeuropäischen Festung des Kapitals sind wir zurückgeworfen auf die alte Rolle der Hofnarren.

    Ich appelliere an die Kinder des Sisyfos, die den niederschmetternden Felsen nicht resignierend zwischen den Trümmern liegen lassen wollen, sondern ihn weiterwälzen, so lange, bis er als Staubkorn im Sturmwind der Geschichte vom Gipfel des Bergs für immer davonfliegt.“

    http://www.jungewelt.de/2015/05-04/001.php

  4. Das Lügenhafte dieser Polemik des Herrn Poschart besteht ja gerade darin, daß er sich (in ein „linkes Mäntelchen“ gehüllt) ausgerechnet gegen diejenigen wendet, die die Reste dieser bürgerlichen Demokratie benötigen und sie verteidigen, um überhaupt existieren zu können. Diese scheinlinke Rhetorik (in Formulierungen etwa, wie: „…vermeintlich linker Kulturinstitutionen sind bourgeoiser als jeder Rotary Club. So geht bürgerliche Kultur…“) will den Eindruck erwecken, es ginge ihr um die Abschaffung der „bürgerlichen Kultur“, so als stünde sie auf der Seite des gesellschaftlichen Fortschritts. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Nichts ist reaktionärer als das!

    Nun kommt es darauf an, diesen bürgerlichen Speichelleckern nicht auf den Leim zu kriechen: Was sind denn die Künstler, wenn ihnen diese Basis – das Theater – entzogen wird? Können sie dann besser „Kunst hervorbringen“ oder werden sie zu einer Art Freiwild – ausgesetzt den kalten Rentabilitätsberechnungen des Marktes?

    Und weiter: „Das sauer verdiente Steuergeld, das ihnen die öffentliche Hand rüberschubst, erachten sie als selbstverständlich.“ Ja, bitte: Wer erzeugt denn die so „sauer verdienten“ Steuergroschen? Und wer profitiert denn von der Arbeit der anderen, derer nämlich, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen? Wer sorgt denn dafür, daß dieser Preis möglichst niedrig ist? Die Künstler etwa? Sind vielleicht die Künstler daran schuld, wenn Kunst nicht profitabel ist und der Unterstützung bedarf? Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: Profitieren tun immer nur diejenigen, denen die Produktionsmittel gehören – die Betriebe, die Banken, die Theater, die Transportmittel… Und was da so großzügig „rübergeschubst“ wird, gehört ganz und gar nicht denen, die es so „großzügig“ verteilen. Sie haben es sich angeeignet und maßen sich nun an, darüber zu bestimmen, wer davon etwas zurückbekommt und wer nicht.

    Bürgerliche Lakaien schreiben ohnehin nur das, wofür sie bezahlt werden. So ist die Poschartsche Polemik keinen Pfifferling wert, da es hier um die Erhaltung kultureller Werte geht, und nicht um die „Freiheit“ der Künstler – nämlich: frei zu sein von allem, vogelfrei sozusagen, und so frei wie schon Millionen anderer, die vom Markt nicht mehr gebraucht werden…

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s