Kultur oder brutale Ökonomie?

Unter der Überschrift „Theater sollten wirklich kooperieren“ schrieb Malte Rüther einen sehr lesenswerten Gastbeitrag in der „Ostsee-Zeitung„. Das löste auf der Facebook-Seite der Initiative Volkstheater eine lebenhafte Diskussion aus. Beides, den Artikel und wie auch die Diskussionen,  kann man dort vollständig nachlesen. Nur zum Appetitmachen hier einige Zitate:

warum soll Rostock warum sollen sich seine Bürger wieder klein machen, schreiben und reden lassen… aber Hallo! Rostock ist ne geile Stadt und Rostock hat ein sehr gutes Theater – und frag mal einer ob die Staatsoper in Berlin oder die Semperoper Gewinn machen – never! Das Kulturgut Theater kann man nicht auf Gewinnmaximierung und Profitabilität reduzieren, das sind pubertäre frühkapitalistische Sichtweisen…


VTR ist eine GmbH und muss wirtschaftlich, auch wenn ihr Ziel ein andere ist, agieren… Und auch ein Kommunalbetrieb ist der Wirtschaftlichkeit unterworfen…

… Mich interessiert nicht wie viele Intendanten und Geschäftsführer gekommen und gegangen sind…


Theater ist geistige Bildung, Lebensqualität und damit ein weicher Standortfaktor . Die Finanzierung von Theatern nennt man nicht Subvention, sondern Zuschuss. Schulen und Bibliotheken rechnen sich auch nicht nach Kosten und Ertrag. Ich kann Ihre Agumentation nicht nachvollziehen..

Theaterkultur in Rostock wurde schon von sehr langer Hand zu einem verzichtbaren Bestandteil degradiert. Das beginnt mit einem adäquaten Gebäude, was seit 20 jahren entstehen soll und geht weiter über die fehlende Dynamisierung der Zuschüsse und die damit einhergehende Ausdünnung der Ensemble. Und es zielte darauf, dass man nun endlich den Gnadenschuss setzen könnte.


Würde es so einfach sein, wie … es beschreibt,… Die BRD, unsere Heimat, wäre im Augenblick pleite. Fakt, angesichts von Billionen! Staatsschulden? Was machen wir nun? Der Staat sind wir selbst. Entlassen sollten wir uns. Und dann? … Theater sind eben nicht im „Freien Markt“ unterwegs. Die „Freien Kulturträger“ übrigens auch nicht. … wo sehen Sie den Unterschied zwischen „Freien Kulturträgern“ und, demzufolge „Unfreien Theatern“? Welchen Stellenwert geben Sie Theatern als Pflichtbestandteil des Bildungssystems in unserer Gesellschaft? Ich hoffe, den von Straßen und Schienen… Stellen Sie diese unrentablen Infrastruktursysteme, die Riesen unter den gestützten Systemen unserer Gesellschaft, auch und gleichsam in Frage? Wenn Nein, warum nicht?


Ob man die Finanzierung von Theater nun Subvention oder Zuschuss nennt ist mir egal. Reine Wortklauberei. Natürlich werden auch Schulen/Bibliotheken nach Kosten und Ertrag gerechnet. Zu wenig Schülerzahlen wird die Schule geschlossen. Allein seit 2004 wurden im ganzen Land knapp 200 Schulen dicht gemacht. Seit 2005 wurden knapp 70 Öffentliche Biblliotheken im Land geschlossen.


Es ist schon komisch von ein VTR auf die Struktur der BRD zu kommen. Sehr Fraglich….


Theater ist ein öffentliches Gut, volkswirtschaftlich genannt „meritorisches Gut“. Der Staat stellt derartige Güter zur Verfügung, weil der freie Markt sie mangels möglicher Rentabilität nicht erbringen würde, die Gesellschaft aber dennoch einen Bedarf für sie sieht – hier wegen der unschätzbaren kulturellen Bedeutung der Stadttheater, von Musiktheater, klassischer Musik, Schauspiel und Tanz, einem von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Kulturgut, für unsere Gesellschaft. Das einzigartige an der deutschen Tradition der Stadttheater ist, dass es diese Art von Kultur auch in mittelgroßen Städten wie Rostock gibt und nicht nur in Berlin, Hamburg und auf 3Sat. Ob und in welchem Umfang die öffentliche Hand dieses öffenliche Gut finanziert, ist eine urdemokratische Entscheidung, und deshalb diskutieren wir hier.


Wie es scheint, lässt das kommende TTIP schon mal grüßen.

Solidarität ist keine Einbahnstrasse

Hut ab vor – Till Schweiter und FSF!

„Man muss Til Schweiger nicht mögen. Wirklich nicht. Nun aber hat sich der Schauspieler aus guten Gründen mit den eigenen Fans anlegen müssen. Auf seinem Facebook-Profil hatte er zu einer Charity-Aktion zugunsten von Flüchtlingen aufgerufen, was den digitalen Mob zu wüsten rassistischen Kommentaren anstachelte. Schweiger reichte es irgendwann: »Ihr seid zum Kotzen! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack!«

Hut ab dafür, und: Wo ist sie eigentlich, die ganze Kunst- und Kulturbagage, die sonst kein Mikrofon, keine Kamera auslässt? Warum macht nur Schweiger den Mund auf, während eine Hasswelle wie in den düsteren 90ern durch das Land fegt? Auf einmal sind die Leinwandhelden öffentlichkeitsscheu, die üblichen Großmäuler kleinlaut geworden. Ein Eintreten für die Ärmsten und Schwächsten, und sei es in der wohlgefälligen Form eines Spendenaufrufes, ist momentan eben nicht karrierefördernd“, schreibt die „junge Welt„.

„Das-ist-rostock“ berichtet in einem Interview mit Jan Gorkow („Feine Sahne Fischfilet“) von solidarischem Engagement für die Syrer:

Jan Gorkow: Es ist wichtig, nicht nur empört zu sein, sondern auch praktische Solidarität zu leisten. Und dabei vor Ort zu sein, um den Menschen dort zu zeigen, dass wir ihren Kampf  gegen die Faschisten des Islamischen Staates unterstützen. Denn der IS hat klar angekündigt, sich in Europa ausbreiten zu wollen. Die Lage ist durch die vielen Kriegsparteien undurchsichtig, aber grundsätzlich ist der Kampf gegen den Islamischen Staat auch unser Kampf..

Man muss kein Profi sein, um helfen zu können. Man muss einfach nur anfangen. Wir haben auch vor einem halben Jahr nicht im Ansatz daran gedacht, dass wir es schaffen würden, fünf LKW mit Hilfsgütern nach Kobane bringen zu können. Heute stehen wir mit den Leuten vor Ort in ständigem Kontakt. Wir sind 10 bis 15 Leute, Lehrer, Anwälte, Erwerbslose, Künstler – und wir können alle miteinander etwas bewirken…

Auch er erntet Hassbekundungen (enngleich nicht nur): „Warum bietet man linksextremer Propaganda eine Plattform?“. „Also es ist doch einfach unglaublich. Wie kann diese Person dort den IS als „rechtsextrem“ bezeichnen oder gar dem Faschismus zuordnen? Beides hat mit diesem religiös verblendeten Menschentum nicht das Geringste zu tun…Wenn Herr Gorkow den IS als expanives, extrem einseitig orientiertes und menschenverachtendes System anprangert, dann könnte sich das auch auf jene Ideologie übertragen lassen, der der feine Herr selbst anhängt.“   DAS ist Rostock? Auch?
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Vor allem aber: Wo bleibt die Rostocker Kunst- und Kulturszene? Lessings „Nathan“ im September und als „Spektakel“, ist das nicht ein wenig wenig?

Lasst Euch nichts vormachen

Lasst euch nichts vormachen: Das Volkstheater nach dem „2+2“-Kahlschlag wäre kein lebendiges Stadttheater mehr, das schöne teure leere neue Gebäude wäre dann eine leere Hülse und Steuergeldverschwendung.

Auszüge aus dem Ergebnisbericht – Ergänzende Aufgabenstellung zum Ergebnis des Berichtes der Strukturuntersuchung des Volkstheaters Rostock vom Januar 2014 actori GmbH:

„5. Szenarien 2 und 3 – Schließung von Tanz und Musiktheater

Die nichtmonetären Auswirkungen einer Realisierung von Szenario 2 oder Szenario 3 wären massiv. Diese beiden Szenarien bedeuten nicht nur einen strukturellen Eingriff in ein bestehendes Haus, sondern nach dem Verlust von Tanz- und Musiktheatersparte das Ende des VTR in der heutigen Form als Mehrspartenhaus, das durch ein Schauspielhaus mit lose angebundenem Orchester ersetzt würde. Dies würde das Ende der bestehenden Theatertradition bedeuten und einen weitgehenden konzeptionellen und künstlerischen Neuanfang notwendig machen.
Durch die teilweise oder gänzliche Streichung eigener Produktionen in den Sparten würde sich die Zahl der Vorstellungen in den betroffenen Sparten um bis zu 70% verringern – dies zeigt, dass auch der quantitative Einschnitt in den Sparten massiv ist und nicht durch Gastspiele ausgeglichen werden kann. Zusätzlich ist der qualitative Verlust zu beachten, dass Rostock in Szenario 2 und 3 nicht mehr selbständige Produktionsstätte für die Kunstform Musiktheater und Tanz sein würde; eingekaufte Vorstellungen werden in viel geringerem Maße auf spezifische Problemstellungen und Erwartungen des Publikums in Rostock eingehen können. Das Orchester verlöre mit dem Musiktheater einen Großteil seiner bisherigen Aufgaben; 41% der Orchesterdienste werden heute für das Musiktheater verwendet. Eine Neudefinition seiner Tätigkeiten wäre notwendig und es ist fraglich, ob etwa durch Tourneen eine ähnlich hohe Auslastung der Kapazitäten erreicht werden kann.

Langfristig könnte dies die Existenz des Orchesters bedrohen. Die sozialen Auswirkungen wären ebenfalls erheblich; das VTR würde je nach Ausgestaltung des Szenarios rund 80 Mitarbeiter verlieren – d.h. mehr als 30% der heutigen Belegschaft. (…)

Die Einsparungen in den beiden Szenarien ergeben sich hauptsächlich durch die Auflösung der beiden Ensembles, des Chores sowie durch den Abbau aller weiteren Stellen in den beiden Sparten. Neben diesen Personalkosten, die eindeutig den beiden Sparten zuzuordnen sind, fallen anteilig auch fixe Personalkosten in allgemeinen Bereichen weg, u.a. in Veranstaltungstechnik oder beim Hauspersonal. Einnahmeverluste für die rund 100 wegfallenden Vorstellungen in den beiden Sparten werden von den Einsparungen abgezogen. Ebenso wird ein zu erwartender Rückgang der Sponsoringeinnahmen miteinkalkuliert. (…)

Insgesamt zeigen die Verluste bei Vorstellungen und bei Besuchern bei Tanz (rund 50% weniger Vorstellungen), bei Musiktheater (rund 70% weniger Vorstellungen) und Kinder- und Jugendtheater (rund 50% der Zuschauer) den Verlust im kulturellen Angebot. Für die Stadt Rostock kommt ein Identitätsverlust hinzu: Rostock scheidet bei Szenario 2 und 3 aus dem Kreis der Städte mit einer eigenen Kunstproduktion in diesen Sparten aus.“

Ergänzung aus der Fußnote (10): „Tatsächlich zeigt sich in vielen Städten, dass ein Opernpublikum durch ein regelmäßiges Angebot erst „herangezogen“ werden muss – bei einem stark ausgedünnten Angebot besteht die Gefahr, dass das Theater in dieser Sparte überhaupt nicht mehr ins Bewusstsein rückt und dann selbst die verbleibenden Vorstellungen mit geringen Auslastungen konfrontiert würden.“

Es es ist eine Wiederholung, aber ich wiederhole es eben: Auf der Streichliste stehen 21 der 26 ausländischen Ensemblemitglieder des Volkstheaters, vor allem des Opernchors des Tanztheaters: Fast alle Ausländer im Theater sollen gefeuert werden – Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten mit ihren Familien in Rostock leben, arbeiten, Steuern bezahlen und unsere Stadt sowie ihre Kultur bereichern. Ein Armutszeugnis für Rostock und ein Verlust für eine Stadt, die interkulturell sein wollen sollte. Dank der Stimmen von Grünen, CDU, SPD und UFR/FDP in der Rostocker Bürgerschaft.

Rostock. Mikis Theodorakis. Zwei Welten

„Mikis Theodorakis wurde am 29. Juli 1925 auf der Insel Chios geboren. Er feiert heute seinen 90. Geburtstag – und mit ihm ganz Griechenland und Freunde in aller Welt. Das riesige Werk des Komponisten machte griechische Musik international bekannt. Berühmt wurde er als Schöpfer vieler hundert Lieder, die in seiner Heimat längst Volksgut sind. Er vertonte griechische, französische und lateinamerikanische Poesie, darunter die Werke der Nobelpreisträger Giorgos Seferis, Odysseas Elytis und Pablo Neruda…

Wichtige Werke des Komponisten sind die zwischen 1974 und 1981 entstandene Vertonung von Nerudas Lateinamerika-Ballade »Canto General«, des Mauthausen-Zyklus von Iakovos Kambanellis, das Oratorium »Axion Esti« nach der gleichnamigen Dichtung von Elytis und die musikalische Umsetzung des Poems »Epitaphios« von Giannis Ritsos. Zu den hochgelobten Werken klassischer symphonischer Musik zählen »Das Fest von Asi-Gonià«, die 3. Symphonie mit Texten von Dionysios Solomos und Konstantinos Kavafis sowie die »Frühlingssymphonie« mit Texten von Ritsos und Giorgos Koukoulis. Hinzu kommen zahlreiche Werke für Ballett, Oper, Theater und Film. Berühmt wurde die Musik für Michalis Kakogiannis’ »Zorba the Greek« und Costa-Gavras’ »Z«“

Mehr dazu hier – aber doch nicht im VTR, nicht in Rostock…

In Berlin gibt es ein Geburtstagskonzert, in Rothenburg ob der Tauber spielt die Russische Kammerphilharmonie Werke von Thodorakis, in Brandenburg gibt es die „25. Brandenburgische Sommerkonzerte: Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag“ und in Leipzig spielt Anonimi unter dem Titel „Griechische Weltmusik“ Werke des Komponisten.

Der Komponist hat es verdient, geehrt zu werden ob seiner musikalischen Werke und seines persönlichen Engagements für Freiheit und Gleichheit. Und das griechische Volk hat unsere volle Aufmerksamkeit verdient – aber doch nicht in Rostock, auch nicht am VTR. Hier wie dort scheint Nabelschau angesagt. Ob das unter Florian Krumpöck auch passiert wäre?

Was schreibt die Stadtverwaltung Rostock auf ihrer Webseite: „Kulturbegeisterte kommen in den Museen und Theaterhäusern in Rostock und Warnemünde auf ihre Kosten… Rostock hat auch für alle Theater-Fans das Beste vom Besten zu bieten. Im Volkstheater der Stadt können Sie von Musik- und Tanztheater über Schauspiel bis hin zu Orchesterwerken alles erleben…“ Schön wär’s ja!

 

„Kunst verbindet alle Menschen“ ?

„Theater wird überall international gespielt, Ballett sowieso, und es lebt und gewinnt von den Impulsen, die Tänzer verschiedener Nationalität einbringen. Es stimmt tatsächlich: Kunst verbindet alle Menschen.“

So zitiert die Schweriner Volkszeitung den Schweriner Ballettdirektor Sergej Gordienko.

Er hat ja recht, aber nur mit zwei Einschränkungen:

  1. „Kunst verbindet alle Menschen mit Ausnahme derjenigen, die über die Finanzierung von Kunst zu befinden haben… Den Geld wäre genug da, wie auch auf dieser Webseite an wenigen Beispielen gezeigt werden konnte…
  2. „Theater wird überall international gespielt“ – wenn es denn überhaupt noch gespielt werden kann infolge grausamer Mittelkürzungen.