Die Stadt – das bin ICH!

Seit wenigen Tagen gibt es einen Gesellschafterbeschluss – und nicht nur ich bin ziemlich verwirrt, wie wir so schnell in den Absolutismus zurückfallen konnten.

Eigentlich begann meine Verwirrtheit schon, als das VTR in eine GmbH umgewandelt wurde. So eine Firma gründet man vorzugsweise zum Zweck der Gewinnerzielung, was ja bei einem Stadttheater bekanntlich kaum möglich ist. Zwar sind als Zweck auch künstlerische Ziele erlaubt, aber was bringt das im konkreten Fall? Die begrenzte Haftung schützt ja bei Überschuldung nur vor externen Gläubigern, aber die kamen und kommen im konkreten Fall nicht vor. Außer man will sich bei abrupter Schließung des VTR vor den Gehalts- und Lohnforderungen der Beschäftigten schützen. Ob das allerdings funktionieren würde, bleibt offen, denn der einzige Gesellschafter der VTR-GmbH ist nun mal die Stadt Rostock und jede Kommune hat eine Fürsorgepflicht für ihre Bürger…

Jetzt also ein „Gesellschafterbeschluss“, bekannt gegeben drei Tage vor einer außerordentlichen Sitzung der rostocker Bürgerschaft zu eben diesem Thema. Da fragt man sich doch, wer ist der wirkliche Souverän in dieser Stadt?

Wikipedia meint: In der Theorie ist das Volk Inhaber der Souveränität (→ Volkssouveränität). Doch je nach Verfassung hat das Volk mehr oder weniger die Souveränität oder Staatsgewalt an Staatsoberhaupt und Parlament delegiert.

In Rostock sind die Einwohner eindeutig nicht der Souverän. Ihre „Souveränität“ beschränkt sich darauf, die Mitglieder der Bürgerschaft wählen zu dürfen, brav Steuern. Gebühren und Abgaben zu bezahlen und den Beschlüssen des wirklichen Souveräns zu folgen.

Die Bewohner Rostocks haben also ihre Mündigkeit an die Bürgerschaft abgetreten. Sie stellt das oberste politische Gremium dar – liest man zumindest auf der offiziellen Webseite der Stadt.

In praxi aber formuliert der Oberbürgermeister im Alleingang einen „Gesellschafterbeschluß“, so als würde ihm die VTR-GmbH wirklich ganz alleine gehören. Das ist schlimm. Viel schlimmer aber erscheint mir, dass die Bürgerschaft auf ihre für den 3.2. angesetzte Sondersitzung verzichtet, statt diesen Termin zu nutzen, um dem Herrn Oberbürgermeister gehörig die Hosen herunter zu ziehen. Wohlgemerkt alle Fraktionen haben beantragt, die Sitzung nicht durchzuführen! Womit die Frage entschieden ist, wer in der rauhen Wirklichkeit der Souverän in dieser Stadt ist.

Wozu brauchen wir unter diesen Bedingungen noch eine Bürgerschaft? Was wäre, wenn wir statt der einzusparenden Theatersparten die Bürgerschaft einsparen und die so frei werdenden Gelder dem Theater zugestehen würden?

Richtige Demokratie müsste darunter nicht leiden. Denn das Theater ist jetzt schon zu einem Ort der Meinungsbildung geworden und 15 rostocker Bürgerinitiativen schaffen sich gerade eine gemeinsames „Dach“.

Zur gesellschaftlichen Funktion gerade des Schauspiels hier nur einige Zitate:

Gundula: Musiktheater ist zweifelsohne toll. Es berührt, entspannt, begeistert, lädt zum Träumen ein. Aber: es tut auch keinem weh. Es ist nicht wie das Schauspiel in der Lage, aufzurütteln, sich in die politische Diskussion einzumischen, zu bilden, gesellschaftliche Problem aufzuzeigen. Musiktheater tut keinem weh. Und darum fällt ein OB auch solch eine Entscheidung.

Regine Schreier: Das gesprochene Wort erreicht als erstes den Zuschauer…

… und manchmal mischt sich sogar das Publikum ein, ganz politisch, ganz konstruktiv – siehe die „Volksfeind“-Aufführungen!

Der Souverän Methling I. macht einen grundsätzlichen Denkfehler, der zwar formal in einer sogenannten „repräsentativen Demokratie“ erlaubt, aber dennoch grundfalsch ist: Wir Bürger dieser Stadt sind nicht nur „Stakeholder“, also Anspruchsgruppen, sondern im weiteren Sinn auch „Shareholder“, also Mitbesitzer der juristischen Person Stadt Rostock. Denn ohne uns Einwohner gäbe es diese juristische Person nicht. Wir finanzieren sie – ohne uns Steuerzahler (Firmen einbegriffen) wäre sie schon längst pleite. Was also macht ein kluger Souverän? Er kümmert sich um seine Bürger, achtet ihre Sorgen und Ansprüche – und kommuniziert mit ihnen. Und was macht ein sehr unkluger Souverän? Er kümmert sich ums Bauen, Bauen, Bauen und erlässt einen „Gesellschafterbeschluß“.

Inga Wolff: Es geht hier ausschliesslich um Immobiliendeals (zwei) und die gehen nur, wenn das Theater den Standort räumt und in ein neues Haus zieht. Gelder werden aber nur für ein kleines Haus bewilligt, also reduzieren… Was wegfällt ist den Entscheidern egal. Aber entscheiden müssen sie. “Was wollen Sie für die Bürger Rostocks?” wäre die richtige Frage. Das was jetzt passiert, ist eine relativ schnelle, einfache und kurzfristig billigere Lösung um die Immobiliendeals endlich einzutüten.

Weil man das Recht nicht finden konnte, hat man die Macht gefunden (Unbekannt).

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7 Gedanken zu „Die Stadt – das bin ICH!

  1. Heute in der „jungen Welt“ in einer Rezension über »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« (http://www.jungewelt.de/2016/02-08/040.php):
    „Eingedenk des Veränderten, des inzwischen Geänderten, sind die Wiedererkennungswerte hoch. Es bedarf hier weder eines Syrers auf der Bühne, noch der Wohnküche oder des Penthouse-Designs, um »heutig« genug zu sein, denn es ist Theater. Es ist Kunst.“ Konkret: Svchauspielkunst. Bitte begreifen Sie das endlich, Herr Oberbürgermeister Methling!

  2. Gilt auch für das Theaterproblem:

    „Wir, das Volk, leben in einer unvergleichlichen Abhängigkeit. Es gibt Wahlen, Parteien bestimmen Menschen zu ihren Führungspersonen, ob sie es können oder nicht. Reden ist der Maßstab und das in allen Ländern. Sie merken, Macht ist schön und entfernen sich immer mehr von den Menschen,die sie gewählt haben und die ihnen vertraut haben. Dann gibt es Machtspiele,Rohstoffe sind wichtig und Beziehungen zu den Großen,ohne die sie nicht weiter an der Macht bleiben könnte.

    Ist es nicht schlimm, dass solche unfähigen Menschen über uns bestimmen, ist es nicht furchtbar,dass diese Marionetten schließlich drüber entscheiden,ob es Krieg gibt oder nicht? Was haben wir nur aus unserem Leben gemacht.Gute Nacht.Wir alle sehen zu. Jeder denkt nur noch an sich, nur ich nicht, ich denk an mich.“
    Frida Berger, Ostseezeitung 13.02.2016

  3. „Wo sollen denn die Schulklassen hingehen, als Ergänzung der Lektüre von Ibsen, Brecht, Goethe und Co?

    Zur HMT? – keine Chance, wir machen hier eine Ausbildung und lassen uns nicht als billige Arbeitskräfte vor den Karren von Kulturbanausen spannen.
    Zu den Freigeistern? – Auch nur Studierende. Andere Fachrichtung. nächster Vorschlag!
    (Brodkorbs Idee)Das Schauspiel mit Schultheatervorstellungen auffüllen? – Entschuldigung, aber die Idee ist so absurd wie nur was. kein Kommentar.

    Eine meiner Kolleginnen hat das Ganze sehr passend beschrieben:
    DAS IST ALS OB MAN IM KRANKENHAUS DIE ÄRZTE FEUERN WÜRDE, UND IHRE STELLEN MIT STUDIERENDEN UND ABITURIENTEN, DIE ÜBERLEGEN SPÄTER VIELLEICHT AUCH MAL MEDIZIN ZU MACHEN; ZU BESETZEN.

    Was übrig bleibt ist, dass das nächste interessante Theater in Berlin und Hamburg stattfinden wird. Und fertig.

    Als ich vorsprechen war, konnte ich entscheiden zwischen einem Platz in Rostock und einem in Leipzig. Ich habe mich damals für Rostock entschieden, weil ich das Gefühl hatte, dass die Leute hier besser geerdet seien. Nach anderthalb Jahren muss ich konstatieren, dass die Politik alles außer Bodenhaftung hat (stimmts lieber Thoralf Sens).
    Wenn jetzt bei den anstehenden Eignungsprüfungen jemand zu mir kommt und nach meinem Rat fragt, werde ich ihm sagen müssen, DASS ER NICHT NACH ROSTOCK KOMMEN SOLL, WEIL ES ABSOLUT KEINEN SINN ERGIBT, IN EINER STADT ZU STUDIEREN, DIE IHR SCHAUSPIEL ABSCHAFFT UND DANN IMMERNOCH BEHAUPTET, DAS WÄRE EINE VERBESSERUNG DER LAGE!!!“

    Luke Neite, gefunden auf der Facebook-Seite „Initiative Volkstheater“ (https://www.facebook.com/groups/1553224471592219/1703453213236010/)

  4. Pingback: Ohne lebendige Kultur hat auch die Warnowregion keine Chancen | Die Warnowregion

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