Schlimmer geht’s nimmer? DOCH!

Schlimmer kann es nicht mehr kommen? DOCH!

Vor Jahrzehnten brachte mein damaliger Chef von einer Polenreise folgenden Witz mit:

Treffen sich ein Pessimist und ein Optimist. Der Optimist klagt und jammert: Es ist wirklich schlimm, ganz ganz schlimm, schlimmer kann es wirklich nicht mehr kommen! Erwidert der Pessimist kurz und knapp: DOCH!

Die Ostsee-Zeitung vermeldet am 16. Februar 2016,

Latchinian soll gehen… Die Rostocker Politik hat entschieden: Der Volkstheater-Intendant soll vorzeitig seinen Hut nehmen. Als Abfindung sind 150 000 Euro im Gespräch… Der Hauptausschuss der Bürgerschaft gab für diesen Schritt am Dienstagabend „grünes Licht“ und beauftragte das Rathaus, eine „gütliche Trennung“ herbeizuführen… Auch der kaufmännische Geschäftsführer, Stefan Rosinski, soll seinen Stuhl vorzeitig räumen. Er wechselt im Sommer als neuer Theater-Chef nach Halle. Ein Mitarbeiter von Methling habe ihm angeboten, sofort zu gehen – bei vollen Bezügen bis Vertragsende. Das berichten Aufsichtsräte.

Geld ist also genug da, entgegen allem bisherigen Lamento aus dem Rathaus. Die von der Stadt für den Erhalt der Mühlendammschleuse aufzubringenden 200.000 € fehlten angeblich im Stadtsäckel. Logisch, denn würden sie aufgebracht, könnte ein Kulturgut erhalten und genutzt werden. Jetzt ist (im Haushalt nicht geplantes!) Geld in vergleichbarer Größenordnung plötzlich vorhanden. Auch logisch, denn es soll für die Beschädigung (man könnte auch Vernichtung sagen)  eines anderen Kulturgutes eingesetzt werden.

Die Norddeutschen Neuesten Nachrichten berichten sogar,

Laut geheimem Dringlichkeitsantrag der Fraktion Rostocker Bund/Graue/Aufbruch 09 hat der Intendant selbst „gegenüber der Hansestadt Rostock sein Begehren auf sofortige Auflösung des Anstellungsverhältnisses erklärt“

Und IOCO (nach eigener Darstellung „ein non-profit Unternehmen mit Kultur-Fans. Wir schreiben, kommentieren, berichten über Kulturelles aus dem deutschen Sprachraum“) weiß besonders viel:

„Die Gesellschafterversammlung hat auf Empfehlung des Aufsichtsrates die Geschäftsführung des Volkstheaters beauftragt, die Modellvariante „Opernhaus“ mit einem eigenen Ensemble bei Musiktheater und Orchester in Übereinstimmung mit der mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern geschlossenen Zielvereinbarung weiter zu entwickeln.“

Die Gesellschafterversammlung? Hat der OB als einziger Gesellschafter sich mit sich selbst versammelt oder ist Schlimmeres im Spiel?

„Basis ist eine bereits gemeinsam mit dem Beteiligungsmanagement der Hansestadt Rostock und der Geschäftsführung der Volkstheater Rostock konzipierte Opernhaus-Variante.“

Wer ist das Beteiligungsmanagement der Hansestadt Rostock? Wieso erfahren wir erst jetzt und nur dank IOCO, dass die Opernhaus-Variante einvernehmlich mit der VTR-Geschäftsführung entstand? War und ist alles andere wirklich nur Theaterdonner?

Man könnte auf Grund des Stils dieser Veröffentlichung annehmen, dass der Text vom OB – natürlich im Einvernehmen mit dem OB (siehe „Gesellschafterversammlung“) – stammt.

Weiter im kruden Text:

„„Das Volkstheater muss nun auf der Basis der Zielvereinbarung das Konzept für ein erfolgreiches Opernhaus weiter detailliert ausarbeiten“, so OB Methling .“

Wer bitte muss detailliert ausarbeiten, wenn die beiden Geschäftsführer umgehend ihre Funktion niederlegen sollen? Das wohlgemerkt drei Tage vor dem Termin, ein Konzept für die Weiterführung des VTR vorzulegen. Wer hat da so grosse Angst, trotz der kürze der Zeit und trotz der irrealen Forderungen im „Gesellschafterbeschluss“ könnte ein überzeugend gutes Konzept herauskommen?

Unterzeichnet ist der etwas wirre IOCO-Artikel mit „PMHR 01.02.2016“. Meint das eine PresseMitteilung der Hansestadt Rostock vom 1.2.16? Auf der Webseite der Hansestadt gibt es keine diesbezügliche PM, aber dort ist man insgesamt geizig und verschweigt auch die aktuelle OB-PM (in der er sich selbst zitiert). Um die lesen zu können, braucht es einen ganz besonderen Link, den ich auf der FB-Seite „Initiative Volkstheater“ fand. Auf der Rathaus-Webseite fand ich den Text nicht.

Am 17.02.16 meldet die SVZ, dass unser aller OB den Intendanten behalten will:

„Im Dauerstreit um das Rostocker Volkstheater hat sich Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) für eine Weiterbeschäftigung des Intendanten Sewan Latchinian ausgesprochen. Der Hauptausschuss hatte den OB am Dienstag beauftragt, mit Latchinian eine einvernehmliche Lösung zur Vertragsaufhebung zu erreichen. Hintergrund ist die Entscheidung, das traditionsreiche Vier-Sparten-Haus auf zwei Sparten zu reduzieren und gleichzeitig ein Opernhaus als künftigen Theaterbau zu etablieren. … „Ich trage den Beschluss des Hauptausschusses nicht mit…“

Also doch ein doppelter OB?

Weitere Texte zum Thema:

NDR

NMZ

FOCUS

Die Ostsee-Zeitung vom 18.02.16 berichtet:

„„Latchinian ist mein wichtigster Mann“, sagt Methling heute.“

Andreas Meier im heutigen OZ-Kommentar (ebenda):

Ausgerechnet Methling! Der Rathaus-Chef, der Theater- Intendant Latchinian noch vor einem Jahr aus der Stadt jagen wollte, will ihn nun unbedingt halten. Latchinian sei sein „wichtigster Mann“.

Sorry, Herr OB, das kauft Ihnen niemand ab….

Nein, das Theater braucht definitiv keine Schauspielsparte. Dafür hat die Hansestadt ja das Rathaus.

Selbst Insider haben die Überblick verloren, wer denn nun welches Ziel verfolgt.

 

 

 

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6 Gedanken zu „Schlimmer geht’s nimmer? DOCH!

  1. „Selbst Insider haben die Überblick verloren, wer denn nun welches Ziel verfolgt.“
    Unsere Ur- und noch unsere Großeltern pflegten angesichts eines solchen Durcheinanders zu sagen, „verrückt wie ein Hutmacher“. Und da könnte was dran sein, denn in Rostock und Umgebung ist die Quecksilberbelastung überdurchschnittlich hoch. Das wird übrigens in der nächsten Vorstellung „Ein Volksfeind“ kurz angesprochen. Wen es interessiert: Einfach hingehen, Karten sind noch erhältlich!

    • Hier ist der Diskussionsbeitrag in der Vorstellung „Ein Volksfeind“ am 20.2.2016:

      Herr Oberbürgermeister,
      sehr geehrter Herr Dr. Stockmann,
      wir von der „Rostocker Initiative für eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft und gegen Müllverbrennung“ möchten und müssen darauf hinweisen, dass es noch andere und bedenklichere Gesundheitsgefahren für die Bürger und Besucher dieser Stadt gibt. Als symptomatisch für die komplexe Belastung nenne ich hier nur das Quecksilber.
      Quecksilberbelastungen der Luft gibt es in Rostock seit Betriebsbeginn des Kohlekraftwerkes im Jahr 1994, denn Quecksilber ist unvermeidlich in der Steinkohle enthalten und gelangt über den Schornstein des Kraftwerkes in die Luft. Rostock hätte das modernste Kraftwerk der Welt bekommen können, aber die Investoren entschieden sich für einen Typ, der schon bei Vorhabensbeginn völlig veraltet war und nur einen Wirkungsgrad von 43 % erreicht. Dementsprechend viel Kohle wird gebraucht und Quecksilber emittiert. Es gelangt auf die landwirtschaftlich genutzten Flächen, in die Gärten und die Gewässer, auf den Badestrand und die Kinderspielplätze. Von den befestigten Flächen spült der Regen es in die Kanalisation. Dieser Anteil findet sich letztendlich im Klärschlamm wieder, der deshalb nicht mehr landwirtschaftliche verwertet werden darf und in Zukunft verbrannt werden soll. Schwant Ihnen was?

      Seit 2009 gibt es eine zweite Quecksilberquelle in Rostock direkt neben dem Steinkohlekraftwerk: Die Müllverbrennungsanlage von Vattenfall, verschämt „Sekundärbrennstoff-Heizkraftwerk“ genannt. Wie viel Quecksilber hier über den Schornstein in die Luft geblasen wird, bleibt unerfindlich, denn nur ein einziges Mal im Jahr und erst nach Vorankündigung werden die Quecksilberbelastungen und anderen Schadstoffe gemessen. Für andere Standorte haben die dortigen Bürger eine ständige Quecksilberüberwachung erkämpft in Kombination mit einer sofortigen Abschaltung des Müllofens, wenn der erlaubte Grenzwert überschritten wird. Aber in Rostock kämpft die Bürgermehrheit nicht – nicht für’s Theater und auch nicht für ihre eigene Gesundheit.

      Der Fairnis halber sei angemerkt, dass die Genehmigung für beide Anlagen von staatlichen Stellen erteilt wurde. Aber die Stadt hat nicht widersprochen, im Gegenteil. Herr Oberbürgermeister! Ihr Umweltamt sagte der Öffentlichkeit anlässlich des Betriebsbeginns, „die Luft, die aus dem Schornstein der Müllverbrennung kommt, ist sauberer als die Umgebungsluft“. Kann man verantwortungsloser lügen?

      Jetzt kommt die dritte, letzte und schlechteste Nachricht: Weil der quecksilberbelastete Klärschlamm nicht mehr auf den Acker darf, soll er nun verbrannt werden. Das bedeutet ständig steigende Quecksilbergehalte in der Luft und auf dem Boden, denn zum aus dem Klärschlamm wieder freigesetzten Quecksilber kommen ja die neuen Mengen aus dem laufenden Betrieb von Kraftwerk und Müllverbrennung!

      Herr Oberbürgermeister! Angesichts dieser ständig steigenden Quecksilberbelastungen (und das ist nur ein Schadstoff von vielen, den die MVA freisetzt) sei die Frage erlaubt, an wen die vielen neuen Wohnungen, die geplant oder schon im Bau sind, vermietet werden sollen?
      Wer mehr zum Thema erfahren möchte, der ist herzlich eingeladen zu einer Informationsveranstaltung am 29. Februar – die Informationen hierzu liegen an der Garderobe aus.

      Herzlichen Dank für Ihre Geduld und ihre Aufmerksamkeit! Ihre Dr. Ursel Karlowski und Dr. Günter Hering von der „Rostocker Initiative…“

  2. Wer noch nicht im „Volksfeind“ war, sollte das unbedingt nachholen. Ich war bei der Premiere dabei und gestern ein zweites Mal. Die Aufführung hat unglaublich an Dynamik und Intensität gewonnen, das ist wirklich Theater vom Allersallerfeinsten! Lasst Euch das nicht entgehen und unterschreibt auch die aktuelle Petition: http://chn.ge/1PKQaf0

  3. Pingback: Ohne lebendige Kultur hat auch die Warnowregion keine Chancen | Die Warnowregion

  4. Gefunden auf der Facebook-Seite der „Initiative Volkstheater“:

    „Ralf-Peter Hässelbarth: Nun, ich denke schon, dass ist echt kulturfeindliche Regierungspolitik, aber eben eine absichtliche. Keine Kulturklaster, keine Intellektuellen mehr, keine Kritiker mehr, nur noch plattes Land für die Agrarindustriellen….Ostelbisches Junkertum auf die modernere Art.

    • „Der gerechte Gott hat das Leben der Menschen folgendermaßen unterschiedlich gemacht: Die einen machte er zu Knechten, die anderen zu Herren. Damit soll die Möglichkeit der Knechte, Böses zu tun, durch die Macht der Herren eingeschränkt werden.“
      Bischof Burchard von Worms um 1000 – soviel moderner ist das heutige Junkertum offenbar nicht!

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