„Volkstheater“ im besten Sinne

„Als im Zuge des Anschlusses an die BRD die Kulturlandschaft Ostdeutschlands gerodet wurde, wie es kein ZK-Plenum der SED je vermochte (noch wollte)…“

lese ich heute in der „Jungen Welt“ und lese weiter:

Als im Land Brandenburg von ehedem fünf ganzjährig spielenden Theatern nur noch eins übrigblieb, fanden sich 2011 im Kurtheater Bad Freienwalde Menschen zusammen, die das Musiktheater liebten und seinen ästhetischen Wert nicht verloren geben wollten. Sie gründeten die Wanderoper Brandenburg. Das mobile Ensemble besucht nun seit fünf Jahren die Regionen, in denen die kulturelle Misere am größten und der Bedarf am höchsten ist. Es versucht dem Missstand etwas entgegenzusetzen, dass die Mehrheit der Brandenburger Schüler die Schule verlässt, ohne je eine Oper, ein Musical oder ein Ballett (oft selbst kein Konzert oder Schauspiel) gesehen zu haben. Auch in der Schulzeit wird deshalb gespielt, und eine Schülerkarte kostet nicht mehr als 3,50 Euro. Niemand soll von der »kulturellen Grundversorgung« ausgeschlossen werden.

Lest einfach den ganzen Artikel, es lohnt sich!

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Werkstatt unserer Gesellschaft oder Theaterelend und Erpressung?

1. Gesellschaftlich unverzichtbar?

In einem Gastbeitrag für die Ostseezeitung weist Frau Prof. Barbara Kisseler, Kultursenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg und Vorsitzende des Deutschen Bühnenvereins darauf hin, dass

„die Theater in unserer Gesellschaft unverzichtbar sind. Sie setzen sich mit der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt auseinander und ermöglichen dies auch ihrem Publikum, ihrer Stadt, ihrem Netzwerk. Auch Politiker täten gut daran, diese Funktion zum einen stärker anzuerkennen, und zum anderen die aus dieser Reflexion wachsenden Erkenntnisse in ihren Entscheidungen zu Veränderungen in den Theatern zu berücksichtigen…

Mit all ihren Formen des Engagements nehmen die Theater ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr, mischen sich ein und widerlegen so das Vorurteil vom elitären und wirklichkeitsfremden Elfenbeinturm. Sie stellen sich immer wieder der Herausforderung, aktuelle gesellschaftliche Themen zu bearbeiten und zu reflektieren.

Dies stößt manchen bitter auf…

Der Dichter Bert Brecht sagte es so: „Der Künstler hat nicht nur die Verantwortung vor der Gesellschaft, er zieht auch die Gesellschaft zur Verantwortung.“ Theater werden zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern gefördert…

Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention. Künstler wie Christoph Schlingensief haben gezeigt, dass ihre Projekte direkt und konfrontativ in die Gesellschaft einschlagen können, der theatrale Raum umgedacht werden kann, man sich von den Textvorgaben lösen und Neues schaffen kann, das das Spektrum der Stadttheater um ein Vielfaches erweitert.

Im Theater kumulieren Tradition und Moderne, historische Verortung und Neuinterpretation, Repräsentanz auf der Bühne und Interaktion mit dem Publikum zu etwas, das für jeden real erlebbar wird. So kann das Theater ganz unmittelbar und direkt die Frage stellen, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Es kann mit Witz und Sinnlichkeit, aber auch mit Provokation Kritik äußern. Es führt uns die Werte vor Augen, die in unserer Gesellschaft gelten.“

Man sollte den ganzen Beitrag lesen. Jeder Satz ist richtig. Jeder Satz gilt nicht für die „Hansestadt“ Rostock.

2. In Rostock eher verzichtbar!

Frank Schlößer analysiert die rostocker Situation und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis:

„…der Kahn läuft auf die Klippen zu… Ob das Schiff nun auf den Felsen landet oder ob vorher die Kessel explodieren und das Schiff führerlos auf dem Meer treibt – das Ende der MS Volkstheater ist so oder so in Sicht und auch eine 130jährige Tradition geht zuende, wenn – wie Gustav Mahler einst sagte – es nicht mehr um die Weitergabe des Feuers, sondern nur um die Anbetung der Asche geht.

… Die „MS Volkstheater Rostock“ wird dagegen im Bermuda-Viereck zwischen Kopenhagen, Hamburg, Berlin und Stettin versinken. In dieser Stadt ein neues Volkstheaterschiff auf Kiel zu legen, ist genauso sinnvoll wie einen Leuchtturm im Marianengraben zu bauen. Sewan Latchinian war der letzte Kapitän auf diesem Schiff. Wir wissen jetzt: Mit dieser Reederei konnte er nur scheitern. Derzeit sieht es so aus, als endet das Volkstheater wie die Deutsche Kaiserliche Marine im Jahre 1919 in Scapa Flow.“

Pikantes Detail: „…Oberbürgermeister Roland Methling … hat weder den vorgelegten neuen Spielplan von Sewan Latchinian als Arbeitsgrundlage akzeptiert noch traut er dem Intendanten zu, dass er …das Sparmodell am Volkstheater umsetzt“ (ebenda). Wie formulierte Frau Prof. Kisseler? „Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention.“ Aber doch nicht in Rostock!

Man sollte auch diesen Artikel in voller Länge lesen.

3. Erpressung

Die Ostsee-Zeitung meldet heute:

„Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) stellt Rostock zusätzliche fünf Millionen Euro für den Bau eines neuen Theaters in Aussicht. Wenn die Hochschule für Musik und Theater (HMT) dort Räume bekommt…

„Das Geld ist da, aber das ist kein Selbstläufer“, wiederholt er seine Position. Voraussetzung bleibt nach wie vor, dass das Volkstheater, so wie in der Zielvereinbarung von 2015 festgelegt, „zukunftssichere Strukturen“ schafft.“

„Zukunftssichere Strukturen“ – das meint unverändert die Abschaffung der Schauspielsparte. Weil Sprechtheater am ehesten „Werkstatt unserer Gesellschaft“ sein kann, uns die Werte vor Augen führt, die in unserer Gesellschaft gelten?

Ein offener Brief an den Bildungsminister und die SPD-Landtagsabgeordneten

In einem offenen Brief vom 27.01.2016 hat die Initiative Volkstheater
Rostock die SPD-Landtagsabgeordneten aus Rostock und Umgebung, Jochen Schulte, Julian Barlen, Rainer Albrecht, Ralf Mucha, Stefanie Drese sowie Mathias Brodkorb, aufgefordert, die vorhandene Ungleichbehandlung des Volkstheaters Rostock sowie die Bevorzugung des Staatstheaters Schwerin aufzuklären und für eine gerechte und transparente Kulturpolitik zu sorgen, welche die Herstellung gleicher Bedingungen an den Theatern des Landes einschließt. Nachfolgend der Text des wortgleich an die vorgenannten Abgeordneten gerichteten Schreibens:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Aus Medienberichten haben wir erfahren, dass es hinsichtlich der
Theaterfinanzierung im Lande zu starken Disparitäten kommt. In einem
bisher unter Verschluss gehaltenen Gutachten der „GSA GmbH“ wird
attestiert, dass dem Staatstheater Schwerin von Seiten des Landes
erhebliche Vorteile gewährt werden, darunter Sonderzahlungen, die
unentgeltliche Nutzung von Immobilien, Insolvenzhilfen, die eine deutliche
Bevorzugung vor anderen Theatern des Landes darstellen (siehe OZ vom 18. Januar 2016).

Besonders drastisch zeigt sich die damit verbundene Benachteiligung
anderer Theater im Falle des Volkstheaters Rostock. Hier wird die
Gewährung von Zuschüssen und die Gewährung von Beihilfen für einen
Theaterneubau an eine eigens abgeschlossene, unrealistische
„Zielvereinbarung“ geknüpft, deren finanzielle Vorgaben einen radikalen
Abbau des Ensembles des Volkstheaters unvermeidlich machen würde. Damit steht das Rostocker Theater unter besonderem Druck, den Rahmenbedingungen der sogenannten Zielvereinbarung zu genügen, wird es zu Spartenschließungen und erheblichen Einschnitten am Angebot gezwungen. Im Ergebnis steht ein einseitiger kultureller Kahlschlag zu Lasten Rostocks, welcher der Bedeutung unserer Stadt als „Regiopole“ und als einziger Großstadt des Landes diametral entgegensteht.

Andererseits steht das Schweriner Theater trotz Sonderzahlungen und
weiterer Hilfen des Landes immer wieder vor der Insolvenz, was nun auch in einer breiten Öffentlichkeit die Frage nach Sinn und Erfolg der
sogenannten „Theaterreform“ aufwirft. In der öffentlichen Wahrnehmung ist diese „Reform“ zum Scheitern verurteilt, da sie einseitig auf Kürzungen,
Spartenschließungen, Angebotskürzungen und inkompatible Fusionen setzt und -bei seit 20 Jahren unveränderter finanzieller Ausstattung- den Theatern des Landes ein Sterben auf Raten verordnet. Es muss einen neuen Ansatz in der Kulturpolitik des Landes geben, zu dem auch eine bessere Finanzierung der Häuser gehören muss, wie in allen anderen Bundesländern inzwischen erfolgt.

Sehr geehrter Damen und Herren, wir wenden uns an Sie sowie die weiteren Abgeordneten aus Rostock und Umgebung, da wir Sie in der Pflicht sehen, die vorhandene Ungleichbehandlung des Volkstheaters Rostock und die Bevorzugung des Staatstheaters Schwerin aufzuklären und für eine gerechte und transparente Kulturpolitik zu sorgen, welche die Herstellung gleicher Bedingungen an den Theatern des Landes einschließt. Ihre Aufgabe ist es, im Interesse Ihrer Wähler zu handeln und verfehlten politischen Projekten wie der „Theaterreform“ eine Absage zu erteilen.

Bitte lassen Sie uns Ihre Stellungnahme zukommen.

Mit freundlichen Grüßen

für die „Initiative Volkstheater Rostock“

Thomas Kunzmann Malte Rüther Jan-Ole Ziegeler Dr. Christine Lucyga

**************************

Die „Initiative Volkstheater Rostock“ ist eine private, unabhängige und überparteiliche Kooperative Rostocker Bürger, initiiert von Thomas Kunzmann, Malte Rüther und Jan-Ole Ziegeler, zum Erhalt des Rostocker Volkstheaters mit den Sparten Tanztheater, Musiktheater, Schauspiel und der Norddeutschen Philharmonie.

Schirmherren der „Initiative Volkstheater“ sind der Schauspieler Charly
Hübner und die Bundestagsabgeordnete a.D. Dr. Christine Lucyga.

Übernommen von der Facebookseite der „Initiative Volkstheater Rostock“.

Wenn ich das Wort Kultur höre…

„Wenn ich Kultur höre … entsichere ich meinen Browning“, heißt es im „Schlageter“-Stück des SS-Oberführers und Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst. Göring übernahm das Zitat und benutzte es so oft, dass es gemeinläufig ihm zugeschrieben wird.

Warum dieser Rückblick? Vielleicht, weil es heute nur auf den ersten Blick etwas subtiler zuzugehen scheint, aber auf den zweiten Blick genauso brachial? Die Zustände am VTR müssen hier nicht explitzit genannt werden. Jetzt wird in Rostock die Kulturkeule gegen das LOHRO geschwungen (und wiederum ist der Herr Oberbürgermeister direkt beteiligt) und andernorts löst man mal eben so ein Orchester auf, in Mainz wird das Theater angezeigt, weil die Mitarbeiter im Theater Beethovens „Ode an die Freude“ sangen, während sich die AFD vor dem Theater versammelte…

Nein, eine Pistole brauchen die heutigen Kulturschänder nicht, es reichen ein Dreh am Geldhahn, Repressionen und willlfährige Schlechtschreiber…

Jetzt auch noch offene Angriffe auf die „Initiative Volkstheater“ – was ist denn das für ein schlechter Stil, liebe OZ? Die Ostsee-Zeitung war einmal Vorreiter für den Erhalt des vierspartigen Volkstheaters und setzte mit ihren OZ-Foren zum VTR Maßstäbe für ein deutliches Engagement zugunsten unseres Stadtheaters – solange Frank Pubantz die rostocker Lokalredaktion leitete. Inzwischen hat wohl nicht nur die Kulturredaktion eine offenbar gänzlich andere Sicht aufs Theater, wie der  Verriß der Tanztheater-Uraufführung „Robin Hood“ durch Kulturchef Michael Meyer überdeutlich zum Ausdruck brachte. Nun kann man ja einen Theaterbesuch mental sehr unterschiedlich erleben und entsprechend darüber berichten. Aber von einem verantwortlichen Redakteur darf man auch ein Mindestmaß an Sachlichkeit erwarten, sonst läuft es für den arglosen Leser auf Desinformation hinaus.

Was hat das mit den Angriffen auf die Initiative Volkstheater zu tun? Auf seiner eigenen Facebook-Seite hat sich ein Initiative-Mitglied sehr über die ungerechte „Kritik“ des Herrn Meyer geärgert und dazu geschrieben. Das wurde dann (facebook-üblich) auf der FB der Initiative rebloggt. Was zumindest den Herrn Andreas Meyer, Leiter der Lokalredaktion Rostock, offenbar so sehr ärgerte, dass er in der heutigen OZ-Ausgabe eine regelrechte Schlammschlacht eröffnete. Unter der Überschrift „Krawall statt Konsens“ erfahren die OZ-Leser, „im Ton vergreift sich die Initiative gewaltig“. Beweis: Ein (in Zahlen: 1)  Mitglied der Initiative „beschimpfte“ auf der Facebooik-Seite der Initiative unlängst die Rostocker als „sattgefressen“ und „lahm“ (richtig, aber auch nicht zielführend: Der Schreiber beschrieb die wenig theater-engagierte Mehrheit der Rostocker als sattgefressen und lahm). Ein einziges Mitglied von rund zweitausend ist für Herrn Meyer repräsentativ! Noch dazu auf Facebook, diesem Netzwerk, auf dem es von unbedarften, dümmlichen, oft pubertär wirkenden Kommentaren nur so wimmelt! Wäre mir FB nicht viel zu unangenehm und hätte ich die Zeit, würde ich jetzt auf der FB-Seite der OZ gründeln gehen. Herr Meyer, nach Ihrer Vorgehensweise wäre das Ergebnis für die OZ katastrophal!

Dank Herrn Meyer können wir aber die meyer’sche (Un-) Logik mit seinen eigenen Worten kurz zusammenfassen: „Wer geht schon gerne ins Theater, wenn er sich vorher beschimpfen lassen muss?“

Und ich selbst frage mich, warum zahlst Du noch für die OZ, statt für das eingesparte Geld ins Theater zu gehen?

 

 

Kleine Chronik

Das ist nur der Versuch einer kleinen Chronik an Hand öffentlicher Informationen

20.07.2015

NDR: Radikales Volkstheater-Sparkonzept vorgelegt

Die Geschäftsführung des Volkstheaters Rostock hat am Montag [also heute, am 20.7.] in einem internen Papier die geforderte Komplettschließung des Musik- und Tanztheaters sowie die Halbierung des Schauspielensembles ins Spiel gebracht. Das würde die Entlassung von 92 Mitarbeitern bis 2020 bedeuten… Latchinian und Rosinski verweisen darauf, dass der verbleibende Restbetrieb auf ein Konzerthaus mit einem Bespieltheater im Schauspiel hinauslaufe.

 

21.07.2015

Schon einen Tag später berichtet der NDR: OB Methling kritisiert „Bankrotterklärung“.

Das Papier sei „eine einzige Bankrotterklärung“, sagte Methling am Dienstag. Dass es harte Einschnitte geben müsse, sei allen bewusst. Es sei aber unverständlich, dass die Theater-Geschäftsführung sich nicht an dem orientiert habe, was Gutachter zuvor aufgezeichnet hätten. „Stattdessen wird ein Papier vorgelegt, das eine einzige Inszenierung auf der Basis der größtmöglichen Provokation zu sein scheint.“

 

23.09.2015

„Sparzwang am Volkstheater Rostock: „Ich hab’ es gern unbequem“ (Latchinian)“: Berliner Zeitung

 

25.09.2015: „Es fehlt die tragende bürgerliche Schicht… dies ist eine postsozialistische Gesellschaft, die nicht weiß, wie sie mit sich selbst kommunizieren soll“: Rosinski in der taz.

 

28.09.2015

Wenn das Theater alles gibt“: das-ist-rostock.de

21.10.2015

Landtagsfraktion Die Grünen: 399/2015 Berger: Theater in MV bundesweit am effektivsten – Kosten für Theatergutachten laufen dagegen aus dem Ruder

 

23.10.2015

Erste wissenschaftlich fundierte Studie in Deutschland über ökonomische Auswirkungen eines Konzerthaus-Betriebs

 

03.11.2015

Junge Welt: Nicht neutral bleiben! „Die Gewehre der Frau Carrar“ an der Vorpommerschen Landesbühne.

 

03.11.2015

Ostsee-Zeitung: Oberbürgermeister entmachtet Theater-Chefs

 

04.11.2015

Die Quelle der vorstehend zitierten Ostsee-Zeitungs-Meldung ist die erst auf den 4.11.2015 datierte „Vorlage – 2015/IV/1241“, federführend ist die städtische „zentrale Steuerung“ (wer bitte ist das?!), federführender Senator ist der OB. Das Anliegen dieser Vorlage ist:

Es wurde bereits im Zusammenhang mit der damals getroffenen Entscheidung zur Kündigung von Herrn Latchinian darauf hingewiesen, dass ihm grundsätzlich das Recht zusteht, seine Meinung zu äußern, diese Freiheit jedoch in einem Spannungsverhältnis zu den Pflichten steht, die ein Anstellungsvertrag im Verhältnis zwischen einer Gesellschaft und einem Geschäftsführer begründet.

Fünf Anlagen (in Form von Zeitungsartikeln) belegen die vielfache „Verletzung“ dieses Spannungsverhältnisses in Form von gelb markierten Textstellen. Beispiele:

Wir wurden genötigt, ein Konzept aufzustellen mit von der Politik vorgegebenen Rahmenbedingungen.

Die Bürgerschaft hat die Materie abgegeben.

Im Volkstheater arbeiteten zu Wendezeiten 725 Menschen, heute sind es 280… Wird weiter gespart, werden Theater zerstört.

Dass man meint, bei der Kultur am schmerzfreiesten kürzen zu können, deute ich als Ausdruck einer gewissen geistigen Verwahrlosung, die leider in unserer Gesellschaft passiert.

Ergebnis wäre nicht das 2+2-Sparten-Modell, sondern „1,5 plus null“.

Für Latchinian ist Demokratie gleichbedeutend mit Theater, wer das schließen will, handle schlicht „undemokratisch“.

Die fünfte Anlage, ein Artikel in der Ostsee-Zeitung vom 28.8.2015, ist leider nicht zu öffnen. Aber auch ohne die dort erfolgten Markierungen wird in den vorstehend nur auszugsweise zitierten, vom OB offenbar zutiefst mißbilligten Textstellen deutlich, wie viel Meinungsfreiheit unser OB seinen Untergebenen zubilligt – nämlich KEINE! Nicht einmal Faktennennung (obige Zitate 1-3) ist erlaubt!

 

04.11.2015

NDR: Theaterleitung von Planungen ausgeschlossen

 

04.11.2015

Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer: Rostocks Theater-Groteske erlebt den nächsten Akt: OB Methling „übernimmt“

 

04.11.2015

Das Magazin Klassic.com meldet: Volkstheater Rostock: Theaterleitung von Planungen ausgeschlossen

 

05.11.2015

Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger: „Der Oberbürgermeister als Künstler

 

05.11.2015

Die „neue musikzeitung“ ist vermutlich sehr dicht dran am Hintergrund allen Geschehens:

Rostock: Die Theater-Demontage in Meck-Pomm nimmt groteske Formen an: Zunächst hatte Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling vergeblich versucht, den Intendanten des Volkstheaters Sewan Latchinian fristlos zu kündigen. Die Bürgerschaft der Hansestadt machte die Kündigung rückgängig. Nun geht Methling einen anderen Weg: Er übernimmt den Job einfach selbst und entbindet Latchinian und Geschäftsführer Stefan Rosinski kurzerhand jeglicher Verantwortung oder Mitarbeit am Zukunftskonzept. Methling schreibt es lieber selbst mit Hilfe von gutbezahlten externen Beratern. Die kommen aus Methlings Immobilien-Umfeld und planen die Umgestaltung aller Spielstätten in sogenannte volkstümlich-erotische „Vergnügungs-Zentren“.

Endlich benennt es mal einer, das „Immobilien-Umfeld“!

 

06.11.2015

Schnelle Bestätigung der nmz-Ahnung: Heute berichtet die Ostsee-Zeitung über einen „50-Millionen-Euro-Plan für den Stadthafen“. 50 Millionen Euro, so viel soll(te) das neue Theater kosten. Für diesen Neubau muss die Theatertruppe schon ab 2016 löhnen. Und nun wird aus dem Theaterneubau ein „Erlebniszentrum zur Seefahrt“, ein „Maritim-Touristisches Zentrum“! Dagegen ist ja der Lachotzke-Vorschlag des „Zuckerhutes“ ein reines Zuckerschlecken. Deshalb wohl wurde die Bauanfrage für den Zuckerhut auch umgehen negativ beschieden.

Ein Leserbrief bringt es wohl auf den Punkt: Nachtigall, ick hör dir trapsen!


 

ab 07.11.2015

Sturmwache für das Volkstheater Rostock

Eine Aktion für Toleranz und Solidarität: Die Bürger der Hansestadt Rostock wachen über ihre Stadt und ihr Volkstheater

Beginnend mit dem 7. November 2015, dem Premierentag von Henrik Ibsens EIN VOLKSFEIND in der Regie von Sewan Latchinian, werden Bürger Rostocks an Vorstellungstagen jeweils abends 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn symbolisch ihren Dienst als Sturmwächter antreten.

Dank der Unterstützung der Initiative Volkstheater Rostock werden Bürger auf dem „Turm“ -der Außentreppe am Probebühnentrakt – für ca. 15 Minuten den Posten eines Sturmwächters beziehen, um mit einem Glockenschlag und persönlichen Worten die Bewohner der Hansestadt einschließlich ihres Theaters vor nächtlichen Stürmen oder Unwettern zu warnen.

Hintergrund dieser symbolischen Besetzung des Hauses ist die andauernde und breite Beteiligung Rostocker Bürger, die im Frühjahr mit großer Vehemenz für das Theater mit allen vier Sparten und die Weiterarbeit des entlassenen Intendanten Sewan Latchinian demonstrierten. Diese öffentliche Partizipation soll angesichts der aktuellen kulturpolitischen Entwicklungen mit einer langfristigen Aktion weiter erhalten und neu angeregt werden und die STURMWACHE als Plattform der demokratischen Meinungsäußerung genutzt werden.

Interessenbekundungen für diese außergewöhnliche Aufgabe eines „Sturmwächters“ hat es bereits gegeben. Weiterhin aufgerufen, sich als Sturmwächter zu beteiligen, sind bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, die einen besonderen Bezug zu Rostock haben und natürlich alle interessierten Bürger der Hansestadt Rostock, die sich für das Begehren des Volkstheaters aussprechen wollen.

Interessierte können sich an die Initiative Volkstheater Rostock wenden: Jan-Ole Ziegeler, initiative-volkstheater@gmx.de oder Tel.: 0172 2796835.


 

Und natürlich die „Initiative Volkstheater Rostock“, immer tagaktuell, immer engagiert:

https://www.facebook.com/groups/1553224471592219/


 

Auch eine kleine Nebenfrage sollte erlaubt sein: Woher kommt plötzlich das viele Geld für die Unterbringung und Versorgung der vielen Flüchtlinge? Kultur ist nicht teilbar, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sind ein unverzichtbares Element. Aber gerade wegen der Unteilbarkeit: Woher kommt jetzt plötzlich das viele Geld?

http://www.ostsee-zeitung.de/Extra/Meinung/Leserbriefe/Politik-Leserbriefe/Unterbringung-von-Asylbewerbern

Das „Schauwerk“ darf das TiS nicht mehr nutzen!

Das „Schauwerk“ darf das Theater im Stadthafen (TiS) nicht mehr nutzen.

… Und wir wollten nichts dafür. Wir wollten nur geben.
Wir werden nicht katzbuckeln für das Jahr, welches uns ‚geschenkt‘ wurde.
Denn wir haben alles getan, was man ehrenamtlich tun kann.
WIE VIEL MEHR ALS DAS WILL DIESE STADT DENN? …

Mehr auf https://www.facebook.com/schauwerk.rostock

Eine zentrale Botschaft

Wenn der stellvertretende Chefredakteur der WELT-Zeitungsgruppe zur Feder greift, will er eine zentrale Botschaft vermitteln. In diesem Fall lautet sie:

„Fack ju Subvention!

Die durchsubventionierte deutsche Kulturlandschaft produziert nur gremienverhunzte Konsensbrühe. Künstler müssen sich endlich entscheiden, ob sie Staatsflittchen sein oder Kunst hervorbringen wollen.“

Sehen wir mal vom Stil dieser Schreibe ab, den der Herr Poschart als WELT-Bürger pflegt, und schauen auf den Inhalt.

Als erstes fällt

der inflationäre Gebrauch des Wortes „Subvention“

auf, obwohl kluge Leute mehr als einmal und wohlbegründet darauf hingewiesen haben, dass dieser Begriff in bezug auf jegliche Kulturförderung völlig unangemessen ist. Muss man aber als Mann von WELT nicht wissen. Daher enthält der WELT-Artikel 17 mal das Wort Subvention, das sind 3 % aller Worte im Artikel. Offenbar glaubt der Autor selbst nicht so recht, dass wir ihm seinen Text glauben, und versucht es daher mit Wort-Stalking.

Als zweites sticht

die durchgehende Denunziation engagierter Künstler

ins Auge. Fürs Theater liest sich das unter anderem so:

„Die Freundeskreise besonders avantgardistischer, vermeintlich linker Kulturinstitutionen sind bourgeoiser als jeder Rotary Club. So geht bürgerliche Kultur, und deswegen ist die Lobby für ihre Subventionierung so groß.“

„Im Berlin tobt ein Theaterstreit, in dessen Zentrum eine Elite von Theaterfürsten steht. Das sauer verdiente Steuergeld, das ihnen die öffentliche Hand rüberschubst, erachten sie als selbstverständlich. Es sind oft dieselben, die am Kapitalismus, der BRD, dem Spießer kein gutes Haar lassen, die all das verachten, was sie ermöglicht. Für diese Verachtung werden sie bezahlt.“

„Es gehört wie im Theater zur inneren Logik der Subvention, dass man deren Gestus der Spende als Demütigung versteht und mit Respektlosigkeit erwidert. Man spuckt auf die öffentliche Hand, die zahlt.“

Kurz und knapp: Unser stellvertretender Ober-WELT-Bürger hat messerscharf erkannt, dass die Theatermacher das alles um so weniger ernst meinen, je engagierter und gesellschaftskritischer sie es darstellen. Staatsflittchen eben.

Den Literaten, bildenden Künstlern und Filmemachern ergeht es nicht besser.

Als drittes folgt

die absolute Verarsche aller kunstinteressierten Menschen,

indem der stellvertretender Ober-WELT-Bürger die Welt mal schnell auf den Kopf stellt: „Die kulturellen Leitmedien im Fernsehen, die Serien, kommen in der Regel auch ohne Subvention zur Aufführung. Wer etwas sagen muss, weil es für ihn keine andere Option gibt, als Kunst zu machen, wird dies immer auch ohne finanzielle Unterstützung tun.“

Eben. Wir finanzieren alle das unsäglich seicht gewordene öffentlich-rechtliche Fernsehen mit einer unvermeidbaren Zwangsabgabe – aber „Subvention“ ist das natürlich nicht!

Die zentrale Botschaft,

auf die der stellvertretende Chefredakteur der WELT-Zeitungsgruppe so „überzeugend“ hingearbeitet hat, ist wenigstens konsequent und frei von jeglicher Eierei:

„Es wäre kein Problem, Kultursubventionen komplett einzustellen. Folgt man der Hegel’schen Idee der Kultur als Fortschritt im Geiste der Freiheit, dann gibt es kaum etwas, das sinnvollerweise zu fördern wäre.“

„DIE WELT“ ist kein beliebiges Blättchen, sondern ein Sprachrohr der Herrschenden. Aus diesem Blickwinkel wird sehr deutlich, warum das Theatersterben und andere Beschneidungen von kulturellen Aktivitäten nicht vorrangig den Kommunen und Landesregierungen anzulasten sind, warum unser kluger und integrer Ministerpräsident so hartnäckig schweigt und sich sein Kultusminister so zum Affen machen muss – es ist Staatsraison! Und als solche ein nur ein Element von vielen, die ein einziges Ziel haben: Den Bürgern das Denken abzugewöhnen, sie zu entmündigen bis hin zur Rechtlosigkeit. Nicht ohne Grund wettert der stellvertrende WELT-Mensch:

„richtig übel ist die Polemik dieser Subventionsfürsten, die jetzt gegen TTIP agitieren, gerne mit nationalen Ressentiments gegen den amerikanischen Kulturimperialismus. Motto: Kommt TTIP, kommt eine Hollywood-Monokultur.“

Kommt TTIP, kommt nicht nur USA-Monokultur, ungebremste Gen-Food, USA-Ideologie auf allen Bereichen, Aushebelung fast aller bürgerlicher Rechte, sofern sie Investoreninteressen entgegenstehen usw. usf.

Und neben TTIP kommt die schnelle Eingreiftruppe, kommen noch mehr militärische Aktivitäten an Russlands und Chinas Grenzen, erfolgt eine „Modernisierung“ der Bundeswehr sowie der ganzen NATO ohne absehbares Ende – es wäre noch viel aufzuzählen.

Auf einem anderen Blog fand ich ein Gedicht, das auch hierher zu gehören scheint:

Darum laßt uns alles wagen,
nimmer rasten, nimmer ruhn,
nur nicht dumpf, so gar nichts sagen,
und so gar nichts woll’n und tun.

Nur nicht brütend hingegangen
ängstlich in dem niedern Joch,
denn das Sehnen und Verlangen
und die Tat, sie bleibt uns doch!

Karl Marx