Verlorenes Theater Rostock (VTR)?

Schon bei dem recht merkwürdigen Rosinski-Konzept vermisste der aufmerksame Leser ein einleitendes Kapitel, das sich den Theaterbesuchern widmete. Wer kommt (noch?), wer bleibt weg, wer fehlt durchgehend – und warum?

Das blieb offen, aber weder der Gesellschafter (die Stadt Rostock, repräsentiert durch den OB) noch die Bürgerschaft im allgemeinen und der Theater-Aufsichtsrat im besonderen störte das. Merkwürdig.

Merkwürdig auch, dass das erste Tanztheater-Stück unter Sewan Latchinian („No satisfaction“) mit direkter Hilfe der Außenstelle M-V des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen entstand und daher konsequent die alte Kinkel-Forderung nach Delegitimierung der DDR umzusetzen versuchte (siehe auch die Beiträge auf diesem Blog „Pro und contra zu „No Satisfaction““ und „Dafür @ Dagegen„).

Danach versuchte sich das Tanzensemble an „Cafe colore“. Eine sehr schöne Idee, aber ziemlich einfallslos umgesetzt. Für die ganze Perten-Zeit gab es nur schnell über die Leinwand huschende Aufführungstitel und ein Perten-Zitat, das dem Theater bescheinigte, (auch) Ideologie zu vermitteln. Was wohl nach Auffassung der Aufführenden eine ganz schlimme Aussage darstellt.

Jetzt also das:

wir bedauern sehr, dass das Gastspiel mit MANFRED KRUG zu SPUR DER STEINE am Freitag, 23. September, krankheitsbedingt entfallen muss. Als Alternative wird es an diesem Abend ab 19:30 Uhr ein Konzert und eine Talkrunde im Großen Haus geben. Holm-Henning Freier vom Filmverein Latücht, der die Repressalien des DDR-Staates am eigenen Leib erfahren hat, und die Moderatorin Silke Hasselmann (Deutschlandradio, Deutschlandfunk, NDR) sprechen über den Umgang mit Film und Kino im DDR-Regime, die Rolle der DEFA und über das Verbot des Films „Spur der Steine“ von Frank Beyer. Anschließend spielt Thomas Putensen mit seinem Beat Ensemble die schönsten Lieder von Manfred Krug im Volkstheater.

(Quelle: Volkstheater).

Wird das Volkstheater Rostock jetzt direkt von der „Landeszentrale für politische Bildung“ oder eben vom BstU (mit-) bezahlt?

Freunde schrieben mit hierzu:

das halte ich … für skandalös, wie mit allem, was irgendwie mit der DDR zu tun hat, umgegangen wird!


…mir treten glatt die Tränen in die Augen angesichts der im Internet dargestellten Repressalien.
Hier will offensichtlich jemand seine karge Rente mit einem Taschengeld aufbessern, ob das klappen wird?… Unverständlich, dass Putensen bei dem Schwachsinn mitmacht…
Ansonsten grämt Euch doch nicht. Holter und Co. lassen grüßen….


… für mich, der nur die letzten 5 Jahre seines jungen Lebens in der DDR gelebt hat, ist das ja schon fast auch nur noch ein Stück Geschichte. Fast. Denn ich kann mich noch bruchstückhaft an Reste der DDR und den Übergang erinnern… Meine Eltern hatten nie Probleme in der DDR und fühlten sich in vielerlei Hinsicht auch wohl. Insbesondere in Anbetracht dessen, was wir heute haben.
Ich hatte noch das Glück, etwas Hauch der DDR in der Schulzeit mitzuerleben und bin immer wieder fasziniert über bestimmte Dinge von damals…
Ich selbst denke, hatte noch eine einigermaßen gemäßigte Darstellung über die DDR in der Schule. (ich war zwischenzeitlich zum Studium 2 Jahre im tiefkatholischen Teil Niedersachsens, wo mir schon abenteuerliche Dinge über die (ehemalige!) DDR entgegen schwappten, sowohl von Studenten als auch von Dozenten).
In mir erregt auch Besorgnis, dass Freunde von mir, die gerade ihr Abitur ablegten, mir erzählen, wie ihnen die DDR so vermittelt wurde. Wenn ich das so höre, habe ich das Gefühl, die DDR war vom 3. Reich nicht sehr weit entfernt…
Ja, mit zunehmender Zeit und abnehmenden Zeitzeugen wird komischerweise die Zahl der Gruselgeschichten mehr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer mehr über Holm-Henning Freier erfahren will, „der die Repressalien des DDR-Staates am eigenen Leib erfahren hat“, findet einiges im Internet (aber keine durchgehende Biographie, so dass manches offen bleibt):

  • Als Bundestagskandidat 2013 (als Beruf gibt er „Diplom-Filmwissenschaftler“ an) hat er auf konkrete Fragen zum Syrienthema lieber nicht geantwortet,
  • dafür aber seine Brötchen bei den Landesaussenstellen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BstU) in Neubrandburg (2009-2013) und Chemnitz (ab 2014, obwohl da schon 64 Jahre alt) verdient.
  • Über die Repressalien der BRD will er offenbar nicht sprechen, obwohl er als letzter (Nachwende-) Intendant des DFF (!) unmittelbarer Zeitzeuge dafür wurde, wie das Adlershofer Fernsehen mit seinen hochbegabten Mitarbeitern erbarmungslos zerschlagen („gemühlfenzelt“) wurde (sollte man unbedingt nachlesen!).
  • Aber bei der „Zusammenarbeit … zwischen NS-Gedenkstätten und Gedenkstätten zu Repressionsgeschichte 1945 bis 1989“ ist er dabei .
  • und gedenkt – natürlich – auch 2013 des DDR-Volksaufstandes vor 60 Jahren.
  • 2015 ist er plötzlich „freier Journalist“.

Dabei  können die „Repressalien des DDR-Staates“ zumindest bei ihm nicht so schlimm gewesen sein, wenn man seiner Filmographie nachgeht:

1969/1970 Rottenknechte: Darsteller
1971/1972 Die große Reise der Agathe Schweigert: Darsteller
1975 Mein blauer Vogel fliegt: SS-Mann
1975: Requiem für Hans Grundig: Sprecher
1976/1977 Die Insel der Silberreiher: Darsteller
1978/1979 Des Henkers Bruder: Darsteller
1980-1982 Hotel Polan und seine Gäste: Darsteller
1981 DEFA KINOBOX [Jg. 1981 / Nr. 07]: Regie, Drehbuch
1981 Hahn Weltherr
1981 Gastregisseur am Puppentheater Karl-Marx-Stadt
1981/1982 Sabine Kleist, 7 Jahre: Darsteller
1982 Bildhauersymposium – Hoyerswerda im Sommer 1981
1982 Dein unbekannter Bruder: Darsteller
1985 Rechtsfindung: Inspektor
Ab 1986? Studium mit dem Abschluss als Diplom-Filmwissenschaftler ?

So ist das eben bei einem, der es offenbar in jedem gesellschaftlichen Umfeld versteht, oben zu schwimmen. „Ersatz“ für den krank gewordenen Manne Krug? Wohl kaum. Das ist, das macht krank.

Um auf die einleitende Frage zurückzukommen: Wer kommt (noch?), wer bleibt weg, wer fehlt durchgehend – und warum? Es kommen nicht mehr die Älteren und Alten, die wissen, wie es in der DDR war (und die „ihren“ Manne Krug unabänderlich ins Herz geschlossen haben), die sich nicht ständig „umschulen“ lassen wollen. Es kommen kaum Junge, weil sie die Vergangenheit wenig bis gar nicht interessiert. Es kommen einige im mittleren Alter, aber die meisten haben andere Sorgen oder sind Hartzies.

Für wen sind wohl Abende wie dieser „Ersatz“ gedacht? Interessiert die Verantwortlichen nur noch der politische Auftrag, auch wenn die Institution Theater dabei zugrunde geht?

„Unser“ Theater? Offenbar hoffnungslos verloren.

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„Volkstheater“ im besten Sinne

„Als im Zuge des Anschlusses an die BRD die Kulturlandschaft Ostdeutschlands gerodet wurde, wie es kein ZK-Plenum der SED je vermochte (noch wollte)…“

lese ich heute in der „Jungen Welt“ und lese weiter:

Als im Land Brandenburg von ehedem fünf ganzjährig spielenden Theatern nur noch eins übrigblieb, fanden sich 2011 im Kurtheater Bad Freienwalde Menschen zusammen, die das Musiktheater liebten und seinen ästhetischen Wert nicht verloren geben wollten. Sie gründeten die Wanderoper Brandenburg. Das mobile Ensemble besucht nun seit fünf Jahren die Regionen, in denen die kulturelle Misere am größten und der Bedarf am höchsten ist. Es versucht dem Missstand etwas entgegenzusetzen, dass die Mehrheit der Brandenburger Schüler die Schule verlässt, ohne je eine Oper, ein Musical oder ein Ballett (oft selbst kein Konzert oder Schauspiel) gesehen zu haben. Auch in der Schulzeit wird deshalb gespielt, und eine Schülerkarte kostet nicht mehr als 3,50 Euro. Niemand soll von der »kulturellen Grundversorgung« ausgeschlossen werden.

Lest einfach den ganzen Artikel, es lohnt sich!

Geld ist genug da

Aus der Rede von Sahra Wagenknecht auf der letzten Bundestagssitzung:

Aktuell liegen die Militärausgaben der NATO beim etwa 13-Fachen der russischen. Und jetzt brauchen wir noch mehr Aufrüstung, um die Sicherheit in Europa zu gewährleisten? Was ist denn das für ein Irrsinn!

Trotzdem gehörten Sie, Frau Bundeskanzlerin, wieder einmal zu den ersten, die die Umsetzung des 2-Prozent-Ziels angekündigt haben. 2 Prozent, das bedeutet 25 Milliarden Euro jedes Jahr mehr für Mordwaffen, für Panzer und für Kriegsgerät, aber für gute Renten fehlt uns angeblich das Geld, und für bessere Bildung erst recht. Was sind denn das für absurde politische Prioritäten, die Sie hier setzen? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.

Quelle: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/07/07/wagenknecht-rechnet-mit-merkel-ab-was-ist-denn-das-fuer-ein-irrsinn/

Es hat sich schon lange angedeutet, dass die „Haushaltskonsolidierung“ auf Landes- und auf Bundesebene „höheren Zielen“ dient. Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Klugerweise im Sommerloch. Und in den Medien bestenfalls mit Prozentangaben, nicht aber mit der konkreten Zahl von zusätzlich 25 Milliarden € pro Jahr zu finden.

 

Geld ist genug da! Wir fliegen sogar in den Krieg

Wer die aktuellen Nachrichten aufmerksam verfolgt, stellt immer wieder fest, Geld ist genug da – nur nicht für Bildung und Kultur. Der folgende Text beschränkt sich auf wenige Beispiele.

Auf Bundesebene: Bundeswehreinsatz in Syrien

Die taz merkt hierzu kurz und treffend an:

„Zum Schutz von Zivilisten war ein deutscher Militäreinsatz in Syrien jahrelang „undenkbar“, aber aus Solidarität zu Frankreich stellen wir innerhalb von drei Wochen sechs Tornados und eine Fregatte bereit. 134 Millionen Euro kostet das – anders eingesetzt, könnten wir mit diesem Geld Hunderttausenden Syrern eine Flucht nach Deutschland ersparen.“

Für unsere Sicht auf die Dinge halten wir fest: 134.000.000 € für den Krieg, nicht für Frieden, Bildung und Kultur. Und das ist nur ein Einsatz neben 14 (16) anderen, ist nur ein Militärposten neben vielen anderen (neue Euro-Hawk-Projekte, neue Sturmgewehre usw. usf.).

Zu recht merken kritische Bürger an, z.B. Benno Thiel:

Den Irrsinn sofort stoppen! Noch mal: Da begehen nicht integrierbare Franzosen und Belgier, die nicht aus Syrien sondern vorwiegend aus den Banlieues von Paris und Brüssel stammen, grausame Anschläge – und deswegen ziehen nun EU-Staaten in den Krieg.

Obwohl es keine rationale Hoffnung gibt, dass die Schlacht gegen die IS-Terrormilizen jemals zu gewinnen ist. Es gibt kein Konzept. Keine klaren Ziele. Keine Exit-Strategie, nichts. Die Logik? Keine.

Die Kurden, die die einzigen sind, die effektiv den IS bekämpfen, werden von den Türken, die das IS -Öl verscherbeln, bombardiert, die USA werfen Waffen und Munition über IS Gebiet ab, natürlich unbeabsichtigt, bombardieren ein Krankenhaus, ebenfalls mangels Zielwasser, und unser von Hochwürden Gauck und Gabriel hofierter Verbündeter Saudi Arabien, der Kirchen und Synagogen verbietet, für westliche Werte nur Hohn überig hat, der der schon mal Häftlinge auspeitschen und Köpfe und Hände abhacken lässt, finanziert mit Unterstützung der USA den IS. Und wir machen mit.

Und weiter:

Frankreich wurde nicht vom Ausland angegriffen, sondern von einigen dumpfen Milchbubis aus den Problemvierteln von Frankreich und Belgien. Nun müssen wir aber Frankreich dringend unterstützen!

Dumm ist nur, dass Deutschland Frankreich nur militärisch beistehen darf, wenn es gegenwärtig angegriffen wird. Die Anschläge von Paris sind aber vergangen – und die Gefahr zukünftiger Angriffe diffus.

Frankreich kann zwar das in der Charta der Vereinten Nationen verbriefte Notwehrrecht für sich beanspruchen, aber gegen wen? Zudem ist aber der Beistand Deutschlands damit längst noch nicht legitimiert.

Das Hauptproblem ist also, dass Frankreich gegenwärtig überhaupt nicht angegriffen wird, die Anschläge von Paris sind vergangen. Syrien ist nach wie vor ein souveräner Staat, noch dazu Mitglied der Vereinten Nationen. Und deren Charta untersagt ausdrücklich die Unterstützung bewaffneter Aufstände in einem Land. Also was soll das Theater?

Sollte man sich an einer Verfassungsbeschwerde beteiligen? Den Aufruf an die Soldaten des Syrieneinsatzes verbreiten?

Auf Landesebene

Beispiel 1: Ausgaben für Computer

Die Landesregierung M-V gibt jährlich 85 Millionen € für Rechentechnik aus, für die Theater im Land aber nur 35 T€ – was der Rechnungshof  kritisiert.

„Computer statt Bühne, Software statt Oper, Datenerfassung statt Arbeitsplätze“, merkt in einem OZ-Leserbrief Helge Bothur an.

Diese Verschwendung erinnert an eine etwas zurückliegende Situation, wo von einem Virus befallene Landes-Rechner einfach verschrottet und neue gekauft wurden. Verschrottet, nicht virusbereinigt und wiederverwendet oder wenigestens weiterverkauft! Vermeidbare Kosten: 187 300 Euro. – Von Kosteneinsparungen durch den Umstieg vom virenanfälligen Windows auf das virenresistente LINUX und den daraus resultierenden erheblichen Kosteneinsparungen mal ganz zu schweigen (die Stadt München demonstriert, wie gut das geht!).

Für unsere Sicht auf die Dinge halten wir fest: 85.000.000 €/Jahr für IT, aber nur 36.000.000 €/Jahr für die Theater im Land.

Beispiel 2: Viel Geld für Gemeindefusionen

Die Landesregierung will Gemeinde-Fusionen mit 40 Millionen bezuschussen.

Warum so viel Geld aufwenden? Großgemeinden haben den gleichen „Vorteil“ wie Großkreise: Die meisten Bürger sind dann weiter weg von den Entscheidungsträgern.

Auf der Ebene der Stadt Rostock

Beispiel 1: Petriviertel

Nur für die Erschließung als Wohngebiet wurden folgende Gelder ausgegeben (u.a. für aufwendig erstellte künstliche Wasserläufe und Brücken über dieselben):

Aktivitäten Mio. € gesamt Mio. € HRO
Erschließung Wohngebiet

13,5

5,5

Spiel-, Sport-, Erholungs- und Grünflächen

7,9

3,3

Gebietsübergreifende Baumaßnahmen

?

4,3

Summe städtische Teilfinanzierung

13,1

Begleitet wurde die Entwicklung des Viertels durch den Projektbeirat unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Roland Methling…“

Quelle: europaticker.de vom 27.11.2015

Beispiel 2: 8.000.000 für Veolia

Darüber berichteten der VTRblog schon vor einem Jahr.

Obwohl der Grund für die „Schadensersatzzahlung“ hinfällig wurde, weil Veolia ja den Folgevertrag für die Abfallentsorgung erhielt, ist bis heute nichts von einer Rückzahlung der rund 8 Mio. € an die Stadtkasse bekannt geworden.

Beispiel 3: Brücke über die Stadtautobahn

9.400.000€ Gesamtkosten, davon trägt die Stadt 3.200.000 €.

Weitere Beispiele

  • Es gab auch eine Machbarkeitsstudie für die Rostocker olympische und paralympische Segelwettbewerbe vor Warnemünde in den Jahren 2024 und 2028, Kosten unbekannt.
  • Der Umbau der Steintor-Kreuzung (geschätzte Kosten 2.600.000 €).
  • Dann sind da noch die Träume (wirklich nur Träume?) unseres Verkehrssenators über die Verlängerung der Straßenbahnlinien zusammen mit der Schaffung von Großparkplätzen und über die Verlegung der Trassenführung für die Straßenbahn zum Stadthafen.

Die Liste der Beispiele lässt sich gewiss noch verlängern. Für den Beweis, dass genug Geld da ist, wenn es nicht gerade um Bildung und Kultur geht, sollte es reichen.

Wenn ich das Wort Kultur höre…

„Wenn ich Kultur höre … entsichere ich meinen Browning“, heißt es im „Schlageter“-Stück des SS-Oberführers und Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst. Göring übernahm das Zitat und benutzte es so oft, dass es gemeinläufig ihm zugeschrieben wird.

Warum dieser Rückblick? Vielleicht, weil es heute nur auf den ersten Blick etwas subtiler zuzugehen scheint, aber auf den zweiten Blick genauso brachial? Die Zustände am VTR müssen hier nicht explitzit genannt werden. Jetzt wird in Rostock die Kulturkeule gegen das LOHRO geschwungen (und wiederum ist der Herr Oberbürgermeister direkt beteiligt) und andernorts löst man mal eben so ein Orchester auf, in Mainz wird das Theater angezeigt, weil die Mitarbeiter im Theater Beethovens „Ode an die Freude“ sangen, während sich die AFD vor dem Theater versammelte…

Nein, eine Pistole brauchen die heutigen Kulturschänder nicht, es reichen ein Dreh am Geldhahn, Repressionen und willlfährige Schlechtschreiber…

Jetzt auch noch offene Angriffe auf die „Initiative Volkstheater“ – was ist denn das für ein schlechter Stil, liebe OZ? Die Ostsee-Zeitung war einmal Vorreiter für den Erhalt des vierspartigen Volkstheaters und setzte mit ihren OZ-Foren zum VTR Maßstäbe für ein deutliches Engagement zugunsten unseres Stadtheaters – solange Frank Pubantz die rostocker Lokalredaktion leitete. Inzwischen hat wohl nicht nur die Kulturredaktion eine offenbar gänzlich andere Sicht aufs Theater, wie der  Verriß der Tanztheater-Uraufführung „Robin Hood“ durch Kulturchef Michael Meyer überdeutlich zum Ausdruck brachte. Nun kann man ja einen Theaterbesuch mental sehr unterschiedlich erleben und entsprechend darüber berichten. Aber von einem verantwortlichen Redakteur darf man auch ein Mindestmaß an Sachlichkeit erwarten, sonst läuft es für den arglosen Leser auf Desinformation hinaus.

Was hat das mit den Angriffen auf die Initiative Volkstheater zu tun? Auf seiner eigenen Facebook-Seite hat sich ein Initiative-Mitglied sehr über die ungerechte „Kritik“ des Herrn Meyer geärgert und dazu geschrieben. Das wurde dann (facebook-üblich) auf der FB der Initiative rebloggt. Was zumindest den Herrn Andreas Meyer, Leiter der Lokalredaktion Rostock, offenbar so sehr ärgerte, dass er in der heutigen OZ-Ausgabe eine regelrechte Schlammschlacht eröffnete. Unter der Überschrift „Krawall statt Konsens“ erfahren die OZ-Leser, „im Ton vergreift sich die Initiative gewaltig“. Beweis: Ein (in Zahlen: 1)  Mitglied der Initiative „beschimpfte“ auf der Facebooik-Seite der Initiative unlängst die Rostocker als „sattgefressen“ und „lahm“ (richtig, aber auch nicht zielführend: Der Schreiber beschrieb die wenig theater-engagierte Mehrheit der Rostocker als sattgefressen und lahm). Ein einziges Mitglied von rund zweitausend ist für Herrn Meyer repräsentativ! Noch dazu auf Facebook, diesem Netzwerk, auf dem es von unbedarften, dümmlichen, oft pubertär wirkenden Kommentaren nur so wimmelt! Wäre mir FB nicht viel zu unangenehm und hätte ich die Zeit, würde ich jetzt auf der FB-Seite der OZ gründeln gehen. Herr Meyer, nach Ihrer Vorgehensweise wäre das Ergebnis für die OZ katastrophal!

Dank Herrn Meyer können wir aber die meyer’sche (Un-) Logik mit seinen eigenen Worten kurz zusammenfassen: „Wer geht schon gerne ins Theater, wenn er sich vorher beschimpfen lassen muss?“

Und ich selbst frage mich, warum zahlst Du noch für die OZ, statt für das eingesparte Geld ins Theater zu gehen?

 

 

Kultur oder brutale Ökonomie?

Unter der Überschrift „Theater sollten wirklich kooperieren“ schrieb Malte Rüther einen sehr lesenswerten Gastbeitrag in der „Ostsee-Zeitung„. Das löste auf der Facebook-Seite der Initiative Volkstheater eine lebenhafte Diskussion aus. Beides, den Artikel und wie auch die Diskussionen,  kann man dort vollständig nachlesen. Nur zum Appetitmachen hier einige Zitate:

warum soll Rostock warum sollen sich seine Bürger wieder klein machen, schreiben und reden lassen… aber Hallo! Rostock ist ne geile Stadt und Rostock hat ein sehr gutes Theater – und frag mal einer ob die Staatsoper in Berlin oder die Semperoper Gewinn machen – never! Das Kulturgut Theater kann man nicht auf Gewinnmaximierung und Profitabilität reduzieren, das sind pubertäre frühkapitalistische Sichtweisen…


VTR ist eine GmbH und muss wirtschaftlich, auch wenn ihr Ziel ein andere ist, agieren… Und auch ein Kommunalbetrieb ist der Wirtschaftlichkeit unterworfen…

… Mich interessiert nicht wie viele Intendanten und Geschäftsführer gekommen und gegangen sind…


Theater ist geistige Bildung, Lebensqualität und damit ein weicher Standortfaktor . Die Finanzierung von Theatern nennt man nicht Subvention, sondern Zuschuss. Schulen und Bibliotheken rechnen sich auch nicht nach Kosten und Ertrag. Ich kann Ihre Agumentation nicht nachvollziehen..

Theaterkultur in Rostock wurde schon von sehr langer Hand zu einem verzichtbaren Bestandteil degradiert. Das beginnt mit einem adäquaten Gebäude, was seit 20 jahren entstehen soll und geht weiter über die fehlende Dynamisierung der Zuschüsse und die damit einhergehende Ausdünnung der Ensemble. Und es zielte darauf, dass man nun endlich den Gnadenschuss setzen könnte.


Würde es so einfach sein, wie … es beschreibt,… Die BRD, unsere Heimat, wäre im Augenblick pleite. Fakt, angesichts von Billionen! Staatsschulden? Was machen wir nun? Der Staat sind wir selbst. Entlassen sollten wir uns. Und dann? … Theater sind eben nicht im „Freien Markt“ unterwegs. Die „Freien Kulturträger“ übrigens auch nicht. … wo sehen Sie den Unterschied zwischen „Freien Kulturträgern“ und, demzufolge „Unfreien Theatern“? Welchen Stellenwert geben Sie Theatern als Pflichtbestandteil des Bildungssystems in unserer Gesellschaft? Ich hoffe, den von Straßen und Schienen… Stellen Sie diese unrentablen Infrastruktursysteme, die Riesen unter den gestützten Systemen unserer Gesellschaft, auch und gleichsam in Frage? Wenn Nein, warum nicht?


Ob man die Finanzierung von Theater nun Subvention oder Zuschuss nennt ist mir egal. Reine Wortklauberei. Natürlich werden auch Schulen/Bibliotheken nach Kosten und Ertrag gerechnet. Zu wenig Schülerzahlen wird die Schule geschlossen. Allein seit 2004 wurden im ganzen Land knapp 200 Schulen dicht gemacht. Seit 2005 wurden knapp 70 Öffentliche Biblliotheken im Land geschlossen.


Es ist schon komisch von ein VTR auf die Struktur der BRD zu kommen. Sehr Fraglich….


Theater ist ein öffentliches Gut, volkswirtschaftlich genannt „meritorisches Gut“. Der Staat stellt derartige Güter zur Verfügung, weil der freie Markt sie mangels möglicher Rentabilität nicht erbringen würde, die Gesellschaft aber dennoch einen Bedarf für sie sieht – hier wegen der unschätzbaren kulturellen Bedeutung der Stadttheater, von Musiktheater, klassischer Musik, Schauspiel und Tanz, einem von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Kulturgut, für unsere Gesellschaft. Das einzigartige an der deutschen Tradition der Stadttheater ist, dass es diese Art von Kultur auch in mittelgroßen Städten wie Rostock gibt und nicht nur in Berlin, Hamburg und auf 3Sat. Ob und in welchem Umfang die öffentliche Hand dieses öffenliche Gut finanziert, ist eine urdemokratische Entscheidung, und deshalb diskutieren wir hier.


Wie es scheint, lässt das kommende TTIP schon mal grüßen.

Pro und contra zu „No Satisfaction“

Warum „No Satisfaction“?

Der Titel dieser Inszenierung knüpft unübersehbar an den Rolling-Stones-Titel „(I Can’t Get No) Satisfaction“ an.

Von dem Text heißt es, dass er

die ausufernde Kommerzialisierung verarbeitete, die sie als Briten in den USA zu erleben meinten, eine „Litanei der Abscheu vor Amerika, und seinem Reklame-Syndrom, der permanenten Überflutung“… Jagger brachte die ziellose Unzufriedenheit der Jugendlichen seiner Zeit mit der Liebe und dem Leben in einer materialistischen Gesellschaft zum Ausdruck.

Abscheu vor Amerika und seinem Reklame-Syndrom, der permanenten Überflutung? Ein immer noch aktuelles Problem und gültig in allen Bereichen einschließlich der agressiven Außenpolitik. Aber was machen die Gauckisten zusammen mit der Rostocker Tanzcompagnie daraus? Seht selbst!

Pro

Das PRO habe ich von der Facebook-Seite der „Initiative Volkstheater“ rebloggt. Mirco Mirzow schrieb dort bislang drei Beiträge zur Inszenierung.

Erster Beitrag

   Es sind noch einige Tage bis zur Premiere von “ No Satisfaction “ Rock und Rebellion am DDR-Meer. Doch was ich bei meinen Arbeiten für eine Sendung zum Thema Rockrevolution in der DDR sehen und hören konnte, hat mich beeindruckt.
Da steht in der Vorankündigung : Mit freundlicher Unterstützung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BstU).
Da hab ich da mal angerufen. Dr. Höffer, der Leiter, hat mir auf eine Frage 30 min. geantwortet. Die Frage war: Warum diese Geschichte? Die Antwort war ein Bogen von 1963 bis zu den Punk´s in den späten 1980iger Jahren.
Eine Zeitreise in der Revolutionsgeschichte der DDR Jugend, die nicht den Oktoberklub und Frank Schöbel hören wollten.
Wie kommt das nun in unser Theater? Durch die Tanzcompangnie, durch den Dramatrugen Jörg Hückler, den Komponisten Jan Paul Werge, die Choreographen Johannes Härtl und Katja Taranu.
Im Februar war die Idee geboren und am 20.06.2015, geht sie in die Premiere. Es sind die Geschichten dieser Stadt. Der Menschen die heute 50 oder 60 Jahre alt sind. Geschichten um den Kampf sich nicht Uniformieren zu lassen. Dr. Höffer, Leiter der Stasiunterlagenbehörde sagt: wir haben in den letzen 2 Jahren soviel Akten über die Zeit von 1963 bis zum Untergang der DDR ausgewertet und sind auf viele Geschichten rund um die Ostseewoche 1964 in Rostock gestoßen, haben viele persönliche Geschichten rekonstruieren können, das mußte ans Theater, es ging um Musik und Lebenseinstellungen, hier in dieser Stadt.
Am Theater hatte man offene Ohren. So entsteht gerade eine beachtenswerte Produktion unseres Tanztheaters. Schauspieler unterstützen unsere Tänzer bei der Umsetzung. Musik von Stones und Beatles wird es geben und viel Raum auf einer für uns bereiteten großen Bühne. Jörg Hückler, der Dramaturg sagt: Es geht nicht nur um Erinnerungen , nicht um Ostalgie, es geht um die sich ständig ändernden Gründe und den Sieg von Jugendrevolten. Ein wenig Erinnerung wir es für viele Besucher doch geben. Wenn wir, die wir die DDR erlebten, diese Enge noch einmal zu spüren bekommen. Wenn Tramper und Shellparker vor unserem geistigem Auge wieder auftauchen und wir den ABV fragen hören: Haare schneiden- wann?
Jan Paul Wege erinnert sich als Kind an die Zeiten der DDR und er hat ein inneres Verhältnis zu der Musik dieser Zeit, die auch seine Eltern hörten.
Wir dürfen gespannt sein auf die Premiere dieser Produktion. Und wir dürfen uns erinnern, an eine Zeit, als Musik noch zum Klassenkampf gehörte. Rund 90 min. feinstes Musiktheater mit einer Geschichte die viele Ältere kannten und die Jungen kennen sollten.
Ich geh hin: Weil Musik heißt – Erinnerung laut stellen!

Zweiter Beitrag

In einem zweiten Facebook-Eintrag ergänzte Mirco Mirzow:

    Der Genosse Ulbricht bringt 1963 mit einer Neuorientierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Überlegungen in der DDR frischen Wind nicht nur in das ostdeutsche Jugendleben: „Niemandem fällt es ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanz nur im Walzer- oder Tango-Rhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen. Hauptsache, sie bleibt taktvoll.“ Die Beatle-Mania hält auch Einzug in die DDR, der Jugendradiosender DT64 wird gegründet und die 60/40% Quotenregelung flexibel ausgelegt. Aber es weht nicht nur die Musik der Beatles in die sozialistische Republik, auch das Gefühl von Freiheit gewinnt für einen kleinen Moment Gestalt. Doch schon Ende des Jahres 1965 kippt die Stimmung, spätestens mit dem 11. Plenum des ZK der SED erlischt jegliche staatliche Förderung der Beatmusik. Beat wird als Nervengift des Klassenfeindes abgestempelt und seine Anhänger sind allesamt dumm, faul, asozial, „Rowdys” und „Gammler”. Im Gegenzug soll die FDJ-Singebewegung als eine Antibewegung mit einem umfangreichen Repertoire an Antikriegs-, politischen Kampf-, Volksliedern installiert werden. Aber die Jugendlichen suchen sich ihre Nischen, ihre Auswege und Plätze, die von ihnen favorisierte Musik zu genießen und zu leben. Das Misstrauen von staatlicher Seite ist immer vorhanden. Der Beat-, Rock- oder Punkfan passt nicht in das gewünschte Bild des sozialistischen Staatsbürgers, jedoch greifen die Unterdrückungs- und Einflussmechanismen nicht im gewünschten Maße. Vielleicht musste sich die SED den Ansprüchen der Bevölkerung beugen?
Die Tanztheater-Uraufführung (NO) SATISFACTION! ROCK UND REBELLION AM DDR-MEER erzählt aus heutiger Sicht die Zeit zwischen 1964 und 1988 im Norden der DDR. In sieben Augenblicksaufnahmen werden Schicksale und Erlebnisse verschiedenster Menschen oder Gruppen aus Mecklenburg-Vorpommern ebenso vorgestellt, wie die zwingenden staatlichen Verordnungen oder Beschränkungen. Unmengen an zeitgeschichtlichem Material flossen in die Inszenierungsarbeit ein. Die Schauspielerinnen geben vor allem den Sprachduktus eines autoritären Staates wieder, mit all jenen fragenden und fraglichen Formulierungen, die viele noch aus der DDR kennen oder sie mit der Inszenierung kennenlernen können. Es gibt die Originalmusik aus der Zeit wie auch Neukompositionen zu erleben, die sich an der Stilistik der erzählten Zeit orientieren. Vor allem erzählt die choreografische Arbeit über den Traum und den Drang nach Freiheit, wie ihn auch die Gruppe LIFT 1979 formuliert:
Nach Süden, nach Süden
wollte ich fliegen
das war mein allerschönster Traum
Hinter dem Hügel
wuchsen mir Flügel
um vor dem Winter abzuhaun
abzuhaun …
Mit freundlicher Unterstützung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)
Wissenswertes zur Produktion und interessante Blicke hinter die Kulissen finden Sie auf dem Blog MACHT AUS DEM STAAT GURKENSALAT

Dritter Beitrag am 21.6.2015

    Die Premiere von No Satisfaction, war sensationell, das wäre die Kurzform einer Zeitreise in die Enge der DDR Welt.
Wunderschöne Kompositionen von Jan Paul Werge ziehen einen in Ihren Bann. Dann schreibt ein Tänzer das auf eine Betonwand was den Abend schon mal auf den Punkt bringt : “ Her mit dem schönen Leben“ und viele der Premierenbesucher werden sich erinnert haben an ihren Kampf gegen die Enge in den Köpfen der Bonzen, in einer Zeit da die Beatles als Bedrohung der DDR Jugend bekämpft wurden. Wenn Sandra Uma Schmitz und Sithembile Menck, dann in Grenzeruniform und mit Taschenlampe , die Verbote für den Rostocker Strand aus jener Zeit verlesen, wird schnell klar – hier gibt es heute mehr als schönen Tanz.
In schönen Bildern und einer klaren Choreografie wird man mitgenommen in die Befreiungsversuche einer Jugend die eben nicht im Gleichschritt ins Leben marschieren wollte. Betonwände bilden den Rahmen in dem sich die Jugend bewegen darf, jeder Ausbruch wird mit aller Härte unterbunden. Schauspiel und Tanz, oder Tanz und Schauspiel? Es vermischt sich das Ensemble , wie sich die vielen Geschichten auf der Bühne zu einem wunderschönen Ganzen vereinen. So geht hier, in No Satisfaction ,die DDR ganz leise unter mit dem Satz : “ Meine Uniform, die behalt ich aber. “ Die Tänzer haben nach knapp 90 min. den weiten Horizont erreicht- ob sie dort das schöne Leben finden?
Durchweg sehenswert und bitte mehr davon.

Contra

Sewan Latchinian eilte der Ruf voraus, gesellschaftskritisches Theater machen zu wollen. Als Beleg dafür wurde genannt, dass er in Senftenberg Volker Braun’s „Helle Haufen“ auf die Bühne gebracht hatte. Als er in Rostock Uwe Johnsons INGRID BABENDERERDE auf die Bühne brachte, wurde ich nachdenklich. Zwar begründete Sewan Latchinian seine Wahl mit der Sprachmächtigkeit von Johnson, aber das allein oder vor allem sollte kein Auswahlkriterium sein – oder werden wir demnächst auch „Stahlgewitter“ und ähnliches auf der Rostocker Bühne sehen? Johnson also, trotz aller politisch sehr unterschiedlichen Wertungen, aber im Einklang mit dem Willen und Wollen der Herrschenden.
Monate später, als der Intendant angesichts der Spar- und Kürzungspläne einen Bezug dieser Pläne zur Kulturzerstörung des IS herstellt, war es vorbei mit diesem Einklang. Vielleicht fiel die Reaktion der Herrschenden auch deshalb so heftig aus?

Jetzt also „(NO) SATISFACTION! Rock und Rebellion am DDR-Meer“. Geschichten von 1963 bis in die späten 80er Jahre über die, „die nicht den Oktoberklub und Frank Schöbel hören wollten“. Da komme ich schon ins Grübeln: Was haben der Oktoberklub und Frank Schöbel mit Rock zu tun? Nach meinem Dafürhalten gar nichts! Die Rockszene war in der DDR vielfältig, wunderschön, pro und contra zu vielen Dingen in diesem verloren gegangenen Land, aber „Enge“ spiegelte sie nicht wieder und „Klassenkampf“ machte sie auch nicht. Aber die reale Rockszene der DDR ist offenbar gar nicht gefragt.

Die Stasiunterlagen-Behörde „macht“ Theater

Folgt man den Informationen von Mirco Mirzow(und auch den Informationen auf https://machtausdemstaatgurkensalat.wordpress.com/), dann geht die Inszenierung auf einen Vorschlag der DDR-Deligimierungs-Behörde (landläufig zumeist Gauck-Behörde genannt) zurück. Das is’n Ding! In meinem leidenschaftlichen Theaterbesucherleben ist mir zu DDR-Zeiten nichts, aber auch gar nichts davon bekannt geworden, dass die DDR-Staatssicherheit Einfluss auf die Theaterspielpläne genommen hätten. Nicht einmal RIAS, SFB, Springer & Co. konnten davon berichten und das will schon was heißen!

Seit einiger Zeit findet der Staat, es werde zuviel Geld für Kultur ausgegeben. Im Ergebnis trifft es auch die Theaterlandschaft heftig. Die Theater und ihre Besucher wehren sich, besonders auch in Rostock. Daraufhin macht eine nicht unwichtige staatliche Behörde dem Rostocker Theater einen Vorschlag, nicht etwa zur besseren Finanzierung, sondern zur ideologischen Ablenkung vom aktuellen Problem, vom Stellenwert der Kultur in einem immer stärker werdenden Kapitalismus.

Wie reagiert das Theater? Es hat zwei Möglichkeiten. Entweder es akzeptiert den Vorschlag in der Hoffnung auf ein besseres Überleben (das nicht eintreten wird) oder es entrüstet sich und sieht in dem Vorschlag das, was er wohl ist – eine unmoralische Ausnutzung einer Notlage.

Das Theater hat sich entschieden. Auch entgegen allen Aussagen, dass Spielpläne sehr langfristig geplant werden müssen und eine kurzfristige Aufnahme aktuellerer Themen einfach nicht möglich ist… Nun bleibt abzuwarten, wie das Publikum mehrheitlich reagiert. Ich befürchte, ein Teil des treuen Stammpublikums wird enttäuscht reagieren.

Der Sprachduktus eines autoritären Staates und ein Zeugenaufruf

Es gibt eine Entscheidungshilfe, ob man sich diese Tanztheateraufführung antun will oder nicht: Ein kurzes Video des Volkstheaters.

Mirco Mirzow: „In sieben Augenblicksaufnahmen werden Schicksale und Erlebnisse verschiedenster Menschen oder Gruppen aus Mecklenburg-Vorpommern ebenso vorgestellt, wie die zwingenden staatlichen Verordnungen oder Beschränkungen. Unmengen an zeitgeschichtlichem Material flossen in die Inszenierungsarbeit ein. Die Schauspielerinnen geben vor allem den Sprachduktus eines autoritären Staates wieder, mit all jenen fragenden und fraglichen Formulierungen, die viele noch aus der DDR kennen oder sie mit der Inszenierung kennenlernen können.“

Die Kreativität der Ostrocker spricht eine andere Sprache! Und so rufe ich als Zeitzeugen auf (spontan aus dem Gedächtnis und ohne Wertung in der Reihenfolg) die Puhdys, Karat, Silly, Ute Freudenberg, Veronika Fischer, Dirk Michaelis, Werther Lohse, City, Holger Biege, IC Falkenberg, Rockhaus, Pankow und Renft Lift, Karat, Dirk Zöllner, Günther Fischer, Karat, Elektra, Karussel, Holger Biege, Lakomy, Manfred Krug, Berluc, Stern Meißen, Gundermann, ja auch Nina Hagen (bestimmt habe ich hier noch viele vergessen).

Ich selbst halte es mit den Puhdys: „Es war schön“. Und wenn sie singen „Ist alles vergessen, was damals war?“, dann meinen sie das hörbar nicht im Sinn der Deligimitierungsbehörde… (Eher schon „leck mich am Arsch“). Und ich halte es mit Lakomy, diesem wunderbaren, wunderbar widerborstigen, charakterfesten Menschen, der seine ganze Nachwendeverachtung in das Lied legte „Alles Stasi außer Mutti“. Was würde er wohl zu dieser VTR-Auffühung sagen, schreiben, singen?

Wer mehr wissen will, was und wie die Rockszene in der DDR war und klang: Einfach mal googeln, z.B. zum Stichwort „Ostrock“. Da gibt es so viele Anregungen auch für das Tanztheater…

Zufälle?

Wenn Ereignisse, die scheinbar unabhängig voneinander sind, (fast) gleichzeitig stattfinden, dann kann man ins Nachdenken kommen:

  •  Auf ZDF-Info am 15.01.2015: „Im Schatten der Stasi. Schicksale von Kindern und Jugendlichen in der DDR“
  • Im Februar 2015 „kam Intendant Sewan Latchinian und hat uns mit Herrn Dr. Höffer von der BStU bekannt gemacht“ (Katja Taranu).
  • Im April 2015 Start des (Dokumentat-?) Films „Striche ziehen
  • Ab 20.6.15 hier in Rostock Premiere von „(No) Satisfaction“.
  • Am 24.6.15 auf ZDF-Info „Im Schatten der Stasi – Jugend in der DDR“.

Noch Fragen?

Fazit oder Wer sich grün macht…

Diese Inszenierung beleidigt alle, die sich um den Entwurf einer Gesellschaft ohne Krieg und ohne Ausbeutung bemühten – die in den Konzentrationslagern überlebten, aus der Emigration zurückkehrten, im Nazireich ausharrten. Es waren Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Bildung, aber sie beseelte ein Ziel: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Es waren Menschen und keine Götter, und so machten sie Fehler über Fehler bei der Umsetzung ihrer gemeinsamen Vision. Die schlimmsten Fehler allerdings vermieden sie konsequent: Es gab keine Obdachlosen und keine Arbeitslosen. Es gab Bildung und Kultur bis an die Grenzen des gesellschaftlich Finanzierbaren. Vor allem aber gab es eine konsequente Friedenspolitik.

Es gab auch einige, die aus alledem „Gurkensalat“ machen wollten. Denen huldigt jetzt das Volkstheater. Das beantwortet die aktuelle Frage, ob heutzutage noch Theater gebraucht wird, auf ganz neue Art. Sag mir, wo Du stehst… Es gilt noch, das alte Oktorberklublied!

Diese Inszenierung beleidigt auch alle Theaterschaffenden, die sich in der DDR engagierten. Das waren viele, die sich mit ihrem Herzblut und einem herausragenden Können einbrachten. Einige davon leben noch, einige davon engagierten sich bislang für den Erhalt eines Vier-Sparten-Volkstheaters Rostock. Ob sie es auch weiterhin tun werden? Eberhard Esche brachte es auf den Punkt: „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen“.