151120 – Christof Lange

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STURMWACHE
AM 20-11-15 FÜR DAS ‚VOLKSTHEATER ROSTOCK‘
VON CHRISTOF LANGE

Als Kind war ich Gast im Volkstheater und habe mit großen Augen die fabelhaften Weihnachtsmärchen bestaunt. Als Jugendlicher war ich Mitglied des Theaterjugendclubs und stand das erste Mal auf einer richtigen Bühne. Als Heranwachsender leitete ich schließlich selbst diesen Jugendclub; hospitierte, assistierte und inszenierte das erste Mal in diesem Haus. Und als junger Mann stehe ich nun vor euch, und kämpfe für eine Institution, die es bald nicht mehr geben wird.

Und ich rede mit Absicht nicht im Konjunktiv, denn die Zeiten des herannahenden Kulturabbaus sind vorbei. Es ist nicht mehr zehn, fünf oder zwei vor zwölf. Die Uhr schlägt zwölf, und ihr Rostockerinnen und Rostocker bemerkt es scheinbar nicht.

Wie oft war ich in den letzten zehn Jahren auf Kundgebungen, Demonstrationen, Flashmobs und Diskussionen über/mit/für das Volkstheater. An meiner Seite gelegentlich fünfzig, meist zweihundert, selten aber fünfhundert oder mehr Leute. Größtenteils die Leute, die sowieso täglich hinter und auf der Bühne arbeiten; und die Leute, die regelmäßig im Theatersaal sitzen. Doch ihr anderen  Rostockerinnen und Rostocker seht es scheinbar nicht.

Zugegebenermaßen ist es schwer, etwas zu sehen, wenn einem die Augen zugehalten werden. Zugehalten von einem Oberbürgermeister, der das Wort ‚Meister‘ in seinem Arbeitstitel überinterpretiert, und von einem Kultusminister der seine Berufsbezeichnung scheinbar gar nicht interpretiert. Doch ich habe genug davon, über Machtmenschen zu reden, die vergessen haben, dass zu einem demokratischen Prozess auch die kritischen Gegenstimmen gehören. Als sogenannte „Volksvertreter“ wollen und werden diese Männer ihrem Volk nicht zuhören. Sie haben nicht einmal mehr den Zeigefinger – wenn nicht sogar den Mittelfinger – verdient, welchen ich entgegen strecken könnte. Denn diese Männer zerstören ein Jahrhunderte altes Kulturgut, sie zerstören Arbeitsplätze und Perspektiven. Sie zerstören Emotionen; sie zerstören heitere Lacher und bittersüße Tränen. Sie zerstören Diskussionen, Meinungen, Bildung und Meinungsbildung. Und somit zerstören sie Demokratie.

Und all das können diese Männer tun, weil ihr nicht mehr hinschaut. Weil ihr – wie auch der Großteil unserer werten Bürgerschaft – vom Theater um das Theater müde geworden seid. Wenn es nicht um den Intendanten geht, dann geht es um den Geschäftsführer, und wenn es nicht um den Geschäftsführer geht, dann geht es um den Neubau, und wenn es nicht um den Neubau geht, dann geht es um die Sparten, und wenn es nicht um die Sparten geht, dann geht es wieder um den Intendanten… Und viel zu selten geht es bei diesen sich ständig wiederholenden Diskussionen um die Inhalte. Und viel zu häufig werden dem Volkstheater und den Angestellten Stolpersteine in den Weg gelegt. Dieses Haus bräuchte einmal eine Auszeit davon, um sich ausschließlich auf die Spielzeit konzentrieren zu dürfen. Doch die genannten Machtmenschen haben ihren Machiavelli gelesen und werden dies gekonnt verhindern, bis selbst der letzte von uns müde geworden ist.

Doch wir dürfen nicht müde werden. Wir müssen unsere Augen offen halten und wir müssen die Ziele und Beschlüsse der Bürgerschaft und des Oberbürgermeisters hinterfragen. Und dann werden wir sehen, dass die Spartenschließung kein Plan zur Rettung des Theaters ist, sondern ein Tod auf Raten. Wir werden sehen, wie zunächst talentierte Tänzer und Sänger das Haus verlassen, ebenso wie die notwendigen Angestellten eines Vierspartenhauses. Wir werden sehen, wie sich Schauspiel und Orchester im Spielplan nicht vereinbaren lassen, wie diese deshalb die angeforderten Einnahmen der Stadt nicht erwirtschaften können. Wir werden sehen, wie die Philharmonie und das Schauspielensemble aufgelöst werden. Wir werden ein leeres Gebäude sehen; vielleicht als Neubau, vorzeigbar, welches Stadt und Land Millionen an Steuergelder kostete – welches leblos ohne Emotionen und Diskussionen da stehen wird. Ab und an bespielt von Leuten, die keinen Bezug zu Rostock haben werden. Dies ist kein herannahender Kulturabbau, sondern ein gegenwärtiger. Dies geschieht und wird weiter geschehen, wenn nicht hinterfragt wird. Doch ihr Rostockerinnen und Rostocker hinterfragt es scheinbar nicht.

Dann hört doch wenigstens zu. Hört auf die Leute und auf die Nachrichten, die euch warnen. Die Nachrichten, die euch sagen, dass unschuldige Menschen nieder geschossen, in einem Hotel festgehalten oder aus ihrer Heimat verjagt werden. Schreckliche Taten, begannen von noch schrecklicheren Tätern. Täter, die aber eine gewaltige Waffe der Demokratie fürchten: die Kultur. Die genau deswegen Jahrhunderte alte Kunstwerke zerstören, Satiremagazine angreifen und Konzertbesucher erschießen.

Denn Kultur bewegt – setzt dir ein Lächeln in deinen Mundwinkel und eine Träne in dein Auge; und regt zum Nachdenken, Hinterfragen und Auseinandersetzen an. Kultur ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; Tradition und Fortschritt – der Geruch von Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt oder der Auftritt des Kindes auf dem Stadtteilfest. Kultur ist Erinnerung – wie die eines Jungen, der mit großen Augen ein fabelhaftes Weihnachtsmärchen bestaunt. Kultur schreibt Geschichten – im Film, Fernsehen und auch im Theater. Und Kultur ist auch euer Volkstheater.

Doch ihr Rostockerinnen und Rostocker wollt es scheinbar nicht.

Wenn es aber nicht so ist, wenn ich nicht Recht haben sollte – was ich immer noch hoffe – dann beweist es mir. Dann bemerkt, schaut, hinterfragt und wollt es. Dann erhebt eure Stimme. Dann kritisiert. Dann geht ins Theater. Dann wählt neue Volksvertreter. Dann seid nicht länger Bestandteil, sondern Lösung des Problems.

Sollte dies jedoch nicht passieren – was ich leider erwarte – solltet ihr erst erwachen, wenn der Schuss gefallen ist; solltet ihr eure Zeigefinger nicht auch auf euch selbst richten: dann habt ihr die politischen Vertreter, die ihr verdient. Und dann – ihr Rostockerinnen und Rostocker – kriegt ihr das leblose Theatergebäude, welches ihr verdient.

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