Caffier spricht Klartext

Heute steht der „Ostsee-Zeitung“  ein Interview mit dem Innenminister Lorenz Caffier [1]. Seine Aussagen zur Einflussnahme der Landesregierung auf die Stadtpolitik im allgemeinen und zum Theaterneubau im besonderen sind bemerkenswert und sehr eindeutig:

Frage: Es drängt sich zuletzt der Verdacht auf, das Sie Rostock als Innenminister finanziell an der kurzen Leine halten.

Caffier: Der Eindruck täuscht. Es gab eine Vereinbarung vor mehreren Jahren und ich bin jemand, der sich grundsätzlich an Vereinbarungen hält. Die Zielvereinbarung hieß immer: Rostock hat weiterhin zehn Millionen Euro Schulden jährlich zu tilgen. Und dann kann Rostock sich innerhalb des Haushaltskorridors bewegen…


Frage: Steht die Zusage, dass sich das Land am Theaterneubau beteiligt?

Caffier: Es gibt ja eine Reihe von Zusagen, wenn mal die Frage der Theaterstruktur endgültig geklärt ist. In Zusammenhang mit dem Gesamtpaket hat sich daran nichts geändert, auch was den Theaterneubau betrifft. Wobei ich immer dafür werbe, dass die Hansestadt ihren Investitionskorriodor nicht zu hoch hängt, weil das nachher dazu führt, dass Projekte nicht dementsprechend begleitet werden. Man soll sich nur so viel aufladen, wei man auch realisieren kann. Da gibt es eine Prioritätenliste, und die muss in der Stadt abgearbeitet werde.

Halten wir fest:

  1. Die Hansestadt Rostock ist nicht frei in ihrem Handeln. Die Landesregierung legt fest, wieviel Schulden pro Jahr zu tilgen sind. Damit legt die Landesregierung fest, wieviel Geld der Stadt für ihr Handeln übrig bleibt. „Kommunale Selbstbestimmung light“?
  2. Bei den Investitionen, die die Hansestadt Rostock tätigen darf, gibt es „eine Prioritätenliste, und die muss in der Stadt abgearbeitet werden“. Ein Theaterneubau steht offenbar nicht auf dieser Liste – oder ganz hinten.
  3. Erst sei die „Theaterstruktur“ umzusetzen. Dieses Theatershreddern ist also nicht auf dem Mist des Kultusministers gewachsen, sondern offenbar einhellige Meinung der Landesregierung. Schade, Herr Sellering, ich hätte Ihnen mehr Kultur zugetraut…
  4. Die klare Ansage des Innenministers erklärt auch den Text des Herrn Brodkorb, den man auf der Rathaus-Internetseite nachlesen kann (dazu später einmal mehr).
  5. Dank der Aussagen des Innenministers wird deutlich, wie die Stadtverwaltung die Theatermacher und die Bürger über viele Jahre bewusst getäuscht hat. Wie wurde Peter Leonard in seiner ersten Amtsperiode mit dem Versprechen eines alsbaldigen Theaterneubaus an der Nase herumgeführt! Was nahm er alles an Demütigungen und Belastungen seines ganzen Ensembles auf sich, weil er den OB-Versprechungen glaubte! Der es zweifellos besser wusste, wie man jetzt den Ausführungen des Innenministers entnehmen muss. Aber unser OB übt ja jetzt schon Selbstkritik: 160513-ob-zitat

Nein, ich mag Herrn Caffier nicht besonders. Auch, weil er Sparen und ein soziales Pflichtjahr für wichtiger hält als Kultur. Aber seine Ehrlichkeit imponiert mir.

Eine ganz andere und für den normalen Bürger offene Frage ist, was sind das für immense Schulden, die Rostock tilgen muss? Wofür wurden sie gemacht, wer hat sie zu verantworten?


[1] (Printausgabe S. 9 und bezahlpflichtig http://www.ostsee-zeitung.de/Region-Rostock/Rostock/Politik/Caffier-Rostock-muss-weiter-sparen, Internetkurzfassung http://www.ostsee-zeitung.de/Region-Rostock/Rostock/Politik/Caffier-Hansestadt-muss-weiter-sparen)

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Werkstatt unserer Gesellschaft oder Theaterelend und Erpressung?

1. Gesellschaftlich unverzichtbar?

In einem Gastbeitrag für die Ostseezeitung weist Frau Prof. Barbara Kisseler, Kultursenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg und Vorsitzende des Deutschen Bühnenvereins darauf hin, dass

„die Theater in unserer Gesellschaft unverzichtbar sind. Sie setzen sich mit der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt auseinander und ermöglichen dies auch ihrem Publikum, ihrer Stadt, ihrem Netzwerk. Auch Politiker täten gut daran, diese Funktion zum einen stärker anzuerkennen, und zum anderen die aus dieser Reflexion wachsenden Erkenntnisse in ihren Entscheidungen zu Veränderungen in den Theatern zu berücksichtigen…

Mit all ihren Formen des Engagements nehmen die Theater ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr, mischen sich ein und widerlegen so das Vorurteil vom elitären und wirklichkeitsfremden Elfenbeinturm. Sie stellen sich immer wieder der Herausforderung, aktuelle gesellschaftliche Themen zu bearbeiten und zu reflektieren.

Dies stößt manchen bitter auf…

Der Dichter Bert Brecht sagte es so: „Der Künstler hat nicht nur die Verantwortung vor der Gesellschaft, er zieht auch die Gesellschaft zur Verantwortung.“ Theater werden zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern gefördert…

Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention. Künstler wie Christoph Schlingensief haben gezeigt, dass ihre Projekte direkt und konfrontativ in die Gesellschaft einschlagen können, der theatrale Raum umgedacht werden kann, man sich von den Textvorgaben lösen und Neues schaffen kann, das das Spektrum der Stadttheater um ein Vielfaches erweitert.

Im Theater kumulieren Tradition und Moderne, historische Verortung und Neuinterpretation, Repräsentanz auf der Bühne und Interaktion mit dem Publikum zu etwas, das für jeden real erlebbar wird. So kann das Theater ganz unmittelbar und direkt die Frage stellen, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Es kann mit Witz und Sinnlichkeit, aber auch mit Provokation Kritik äußern. Es führt uns die Werte vor Augen, die in unserer Gesellschaft gelten.“

Man sollte den ganzen Beitrag lesen. Jeder Satz ist richtig. Jeder Satz gilt nicht für die „Hansestadt“ Rostock.

2. In Rostock eher verzichtbar!

Frank Schlößer analysiert die rostocker Situation und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis:

„…der Kahn läuft auf die Klippen zu… Ob das Schiff nun auf den Felsen landet oder ob vorher die Kessel explodieren und das Schiff führerlos auf dem Meer treibt – das Ende der MS Volkstheater ist so oder so in Sicht und auch eine 130jährige Tradition geht zuende, wenn – wie Gustav Mahler einst sagte – es nicht mehr um die Weitergabe des Feuers, sondern nur um die Anbetung der Asche geht.

… Die „MS Volkstheater Rostock“ wird dagegen im Bermuda-Viereck zwischen Kopenhagen, Hamburg, Berlin und Stettin versinken. In dieser Stadt ein neues Volkstheaterschiff auf Kiel zu legen, ist genauso sinnvoll wie einen Leuchtturm im Marianengraben zu bauen. Sewan Latchinian war der letzte Kapitän auf diesem Schiff. Wir wissen jetzt: Mit dieser Reederei konnte er nur scheitern. Derzeit sieht es so aus, als endet das Volkstheater wie die Deutsche Kaiserliche Marine im Jahre 1919 in Scapa Flow.“

Pikantes Detail: „…Oberbürgermeister Roland Methling … hat weder den vorgelegten neuen Spielplan von Sewan Latchinian als Arbeitsgrundlage akzeptiert noch traut er dem Intendanten zu, dass er …das Sparmodell am Volkstheater umsetzt“ (ebenda). Wie formulierte Frau Prof. Kisseler? „Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention.“ Aber doch nicht in Rostock!

Man sollte auch diesen Artikel in voller Länge lesen.

3. Erpressung

Die Ostsee-Zeitung meldet heute:

„Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) stellt Rostock zusätzliche fünf Millionen Euro für den Bau eines neuen Theaters in Aussicht. Wenn die Hochschule für Musik und Theater (HMT) dort Räume bekommt…

„Das Geld ist da, aber das ist kein Selbstläufer“, wiederholt er seine Position. Voraussetzung bleibt nach wie vor, dass das Volkstheater, so wie in der Zielvereinbarung von 2015 festgelegt, „zukunftssichere Strukturen“ schafft.“

„Zukunftssichere Strukturen“ – das meint unverändert die Abschaffung der Schauspielsparte. Weil Sprechtheater am ehesten „Werkstatt unserer Gesellschaft“ sein kann, uns die Werte vor Augen führt, die in unserer Gesellschaft gelten?

„So geht die Seele eines Theaters in die Brüche“

„so geht die Seele eines Theaters in die Brüche“, das ist der Schlußsatz eines sehr lesenswerten Artikels von Michael Lages in der Zeitschrift „Die deutsche Bühne“. Einfach mal anklicken!

Kommentare zur „Köpfung“

Auf NDR zur Artikel und dem Videobeitrag am 2.2.2016 (nur eine Auswahl):

JayJay schrieb am 02.02.2016 09:20 Uhr:
Bei einer halben Milliarde Überschuss im Jahr 2015 muss natürlich – aus Kostengründen! – dringend Kulturabbau betrieben werden.
Is klar.


Regine Schreier schrieb am 02.02.2016 23:39 Uhr:

Das ist kurz gedacht. Eine 121 jährige Tradition wird vom OB abgeschafft. Das gesprochene Wort erreicht als erstes den Zuschauer, was wird aus den Klassikern und Klassenrauminszenierungen für die Jugend, was aus der Komödie Warnemünde, was aus…- alles gesungen? Ich mag die Oper, aber zuerst stand für mich das Theater, schade und wieder sind Ferien und keiner weiß davon, einfach ungerecht und falsch, Danke Herr Latchinian für die tollen Stapelläufe, die sind nun ein Untergang


MultoBene schrieb am 03.02.2016 06:17 Uhr:

Ich verstehe nicht ganz, warum der NDR hier nicht etwas kritischer nachhakt: Es war doch genau Frau Bachmann, die über das gesamte letzte Jahr jede 2+2-Lösung abgelehnt hat und lautstark mit den Theaterlobbyisten auf dem Neuen Markt gegen OB Methling protestiert hat – auch weil sie mit ihm einen kleinen Privatkrieg am Laufen hat.

Und nun knickt die Dame ein (warum?) und darf hier unwidersprochen erklären, es sei „ein guter Tag für Rostock“? Diesen guten Tag hätte man schon vor einem Jahr haben können, wenn Frau Bachmann damals CDU und SPD mit dem Opernhaus-Vorschlag unterstützt hätte.
Sie hat dem VTR bzgl. Strukturveränderung und Neubau ein ganzes Jahr gekostet, und stellt sich jetzt unwidersprochen auf die Seite der zufriedenen Jubler? Ein schlechter Witz…


Lore C. – Rostock schrieb am 03.02.2016 08:02 Uhr:

Na, nun hat der Noch-OB ja erreicht, was er wollte, der Intendant wird gehen.
Unterstützung fand er augenscheinlich in der Achse Bachmann – Brotkorb!

Also nicht Neues bei uns an der Ostsee – allerdings hätten wir das schon vor Monaten ahben können.

Naja, die 100 Jahre (später), die schon Bismarck in’s Gespräch brachte.


Stillstandsaktionismus ohne nachhaltigen Sinn schrieb am 03.02.2016 11:11 Uhr:

Ein Bürgermeister der „handelt“? Sein Verhalten war absolut vorhersagbar. Er schaut auf aktuelle Zahlen und „entscheidet“ Opernhaus. Er war nicht in der Lage, die soziale Reaktion seiner Stadt zu reflektieren, ohne den Glanz der Philharmonie schmälern zu wollen. Wir sind in einer Tages-Technokratie der Politik verhangen. Politik für Leben ist kaum mehr Maßstab. Die gesamte Theater“reform“ in MV bleibt Lebens-Sinn schuldig. Ohne Verkehrs- und Tourismuskonzept stolpert ein Minister in Bruderschaft mit Tagesentscheidern wie Herrn Methling in eine fatale Strukturentscheidung für das Land. Die jungen Leute gehen schweigend. Wir haben einen Generationenkonflikt, den sich die Generation 50+ mit ihren selbst erzogenen „Jungpolitikern“ als Mehrheitsmeinung kultiviert, das sie in den letzten 15 Jahren des Dauerfeuers von Verordnungen zur Lebensregulation die Orientierung (menschlich nachvollziehbar) in Tausenden von Bürostunden und Meetings der gleichen Maschinerie verloren haben. Keiner fragt nach denen, täglich für Null Euro an den normalsten Orten des Lebens ihre Zeit opfern, um den psychischen Kollaps der Gesellschaft zu verhindern. Diese Menschen müssen auch irgendwo auftanken, um nicht den Halt zu verlieren, denn sie sind eine Minderheit, obwohl sie alles zusammenhalten. Neben der Natur bleibt oft nur Kultur, um den Kopf frei und oben zu behalten. Das Ersatzleben aus und mit Plasmabildschirmen hilft hier nicht, es bildet eine fatale Einheit mit dem Denken von 12 bis Mittag.


Maria schrieb am 03.02.2016 11:14 Uhr:
Noch ist nicht aller Tage Abend. Aufgeben gilt nicht. Kann nicht endlich jemand diesen selbstherrlichen Methling stoppen? Nun also macht Methling doch, was Brodkorb will. Und gerade jetzt hätte man doch gute Karten, dies nicht zu tun. Jetzt, wo alle Welt weiß, welch mieses Spiel der Minister betreibt und wie er im Hintergrund jahrelang das Schweriner Theater finanziell bevorzugt hat. Jetzt ist Brodkorb offen in der Kritik. Seine unsägliche Kulturpolitik wird im Landtag Maß genommen. Ich glaube kaum, dass er es jetzt noch vertreten könnte, Rostock den ausstehenden Betrag nicht zu gewähren. Und gerade jetzt stellt sich Methling hin und sagt: „Ich habe entschieden.“ Wie unverfroren!
Rostocker, wir wollen uns doch wohl unser Schauspiel und Tanztheater nicht nehmen lassen. Wir wollen doch wohl unseren Intendanten behalten. Also, auf geht`s.


Gundula schrieb am 03.02.2016 11:36 Uhr:

Musiktheater ist zweifelsohne toll. Es berührt, entspannt, begeistert, lädt zum Träumen ein. Aber: es tut auch keinem weh. Es ist nicht wie das Schauspiel in der Lage, aufzurütteln, sich in die politische Diskussion einzumischen, zu bilden, gesellschaftliche Problem aufzuzeigen. Musiktheater tut keinem weh. Und darum fällt ein OB auch solch eine Entscheidung. (Obwohl er generell nichts von Theater, auch nicht vom Musiktheater hält.)


Uwe schrieb am 03.02.2016 14:24 Uhr:
War das der letzte Racheakt von Rosinski, bevor er geht?
Fakt ist, dass er in seinem Positionspapier das Opernhaus favorisiert hat, so dass der OB hier auf den Zug aufspringen konnte.
Fakt ist aber eben auch, dass Rosinski im Papier abwertend über das Rostocker Schauspiel (auch der DDR-Vergangenheit) schreibt. Warum wohl?
Er geht weg, er hat in Rostock bald nichts mehr zu melden. Warum beschmutzt er dann noch das eigene Nest?

Auch auf der öffentlichen Facebookseite „Initiative Volkstheater Rostock“ herrscht Verwirrung, Verbitterung, Ratlosigkeit, Wille zum Widerstand ohne zu wissen wie… Nur zum Appetitmachen hier einige wenige Textstellen:

Jan-Ole Ziegeler
Jeder kennt diese Momente, in denen er nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll. In der Rostocker Theaterdebatte ergeht es mir seit vier, fünf Jahren am Stück so.
Der OB als einziger Gesellschaftervertreter (wie absurd!) der VTR GmbH hat einen Beschluss zu Papier gebracht. Ich bin mir sicher, dass er weiß, was er will, aber ich bin mir ebenfalls sicher, dass wir zum zigsten mal nicht einen einzigen, brauchbaren Schritt weiter sind.
Und Herr Methling beweist, dass es ihm vollkommen egal ist, über welche Leiche, bzw. Spartenschließung, er gehen muss, um seine Idee einer zweiten Stadthalle auf seiner Maritimen Meile anstelle eines zukunftsfähigen Volkstheaters Rostock, durchgesetzt zu bekommen.
Aber das grundsätzliche Problem in dieser zähen, grotesken Theaterdebatte ist die Rostocker Bürgerschaft. Unter den 53 Mitgliedern sind bei weitem zu wenige, die sich bürgernah mit den Themen der Stadt befassen.
UND: Bevor es jetzt wieder von irgendeinem CDU- SPD- oder UfR-Heini abgetan wird, fragen wir doch unsere 53 mal, wer erklären kann, was im actori-Gutachten steht, wer von ihnen 2+2 erklären kann, wer von ihnen weiß, was die Zielvereinbarung (abgekartet zwischen Methling und Brodkorb) bedeutet und was in Methlings aktuellem Beschluss steht . . . Man wird bei mindestens 80% der „gewählten Rostocker Volkstvertreter“ lange Gesichter und Ahnungslosigkeit zur Antwort bekommen. Versprochen!


Tobias Sosinka

@ #‎Sewan_Latchinian‬ Das und Sie machen mich traurig +++

@ ‪#‎Stefan_Rosinski‬ +++ Das und Sie machen mich wütend +++


Rainer Schnös

Es ist und bleibt ein Affront gegen den Intendanten, das Ensemble und das Publikum: wie soll man denn dagegen noch ankämpfen?
Dieser OB will sich einen sehr zweifelhaften Platz in Rostocks Stadtgeschichte schaffen.
Ob man alles blockieren und aussitzen sollte bis dieses Ego ausgewechselt wird?-Abgesehen davon: für eine Oper von Rang reichen die Zuschüsse doch auch nicht. Ich muss immer wieder an Prenzlau und sein Orchester denken: alle Instrumentengruppen außer Streicher wurden abgewickelt: das Ergebnis: flachere publikumswirksame Programme.
Eine Stadt wie Rostock braucht ein progressives MusikTheater und Schauspiel und Tanz. Ohne all das wird die HFM geschwächt, die Bürger haben keine Chance, sich kulturell zu bilden und die Kinder sehen nichts außer Zauberflöte und Hänsel und Gretel.
Rostock muss jetzt auf die Straße für ein echtes „Volkstheater “ mit Charakter und Profil.
In Italien kann man sich ansehen, wohin so eine Politik führt: Stagionebetrieb=Monokultur


Christopher Dietrich

Ich wundere mich sehr über den Ausdruck [in einem FB-Statement von Dr. Bachmann; Admin], das Schauspiel werde nicht abgeschafft, sondern bekomme nur neue Produktionsformen. In der OZ wurden Sie mit dem Vorschlag zitiert, man könne hier ja mit der Compagnie de Comedie kooperieren. Die Compagnie ist schon Ergebnis einer Entlassungswelle am VTR nach der Wende. Sie musste sich seither immer mehr verkleinern und hält nur durch ein kleines, extrem engagiertes und vielfach ehrenamtliches Team den Spielbetrieb im eigenen Haus (!) aufrecht. Vielleicht ist da mal eine Kooperation drin, aber damit kann doch nicht ansatzweise eine abgewickelte Schauspielsparte kompensiert werden. Das sind auch keine neuen Produktionsformen. Mich hat (neben dem Inhalt) schon am 2+2-Beschluss geärgert, dass so getan wurde, als würde es nicht zuallererst um Streichung und Abbau gehen. Wenn man diesen Abbau aus best. Gründen beschließt oder mitträgt, dann sollte man auch den Mut haben, sich dazu zu bekennen und keine unrealistische Perspektiven für die abgebauten Sparten verkünden.

Inga Wolff
Es geht hier ausschliesslich um Immobiliendeals (zwei) und die gehen nur, wenn das Theater den Standort räumt und in ein neues Haus zieht. Gelder werden aber nur für ein kleines Haus bewilligt, also reduzieren.. Was wegfällt ist den Entscheidern egal. Aber entscheiden müssen Sie. „Was wollen Sie für die Bürger Rostocks?“ wäre die richtige Frage. Das was jetzt passiert, ist eine relativ schnelle, einfache und kurzfristig billigere Lösung um die Immobiliendeals endlich einzutüten.
Und auch unser aller Oberbürgermeister meldet sich (auf Deutschlandradio Kultur) zu Wort:
Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass – auch aus meiner Erfahrung mit der Rostocker Theaterszene – Orchester und Schauspiel in einer Studentenstadt wie Rostock die bessere Variante gewesen wäre. Aber wenn der kulturpolitische Sachverstand – Geschäftsführung und Aufsichtsrat gemeinsam – zu der Auffassung gelangt, Opernhaus ist die Perspektive für das Theater Rostock, dann werde ich mich dem auch nicht verwehren.
Schuld sind eben immer nur die anderen.

Ein offener Brief an den Bildungsminister und die SPD-Landtagsabgeordneten

In einem offenen Brief vom 27.01.2016 hat die Initiative Volkstheater
Rostock die SPD-Landtagsabgeordneten aus Rostock und Umgebung, Jochen Schulte, Julian Barlen, Rainer Albrecht, Ralf Mucha, Stefanie Drese sowie Mathias Brodkorb, aufgefordert, die vorhandene Ungleichbehandlung des Volkstheaters Rostock sowie die Bevorzugung des Staatstheaters Schwerin aufzuklären und für eine gerechte und transparente Kulturpolitik zu sorgen, welche die Herstellung gleicher Bedingungen an den Theatern des Landes einschließt. Nachfolgend der Text des wortgleich an die vorgenannten Abgeordneten gerichteten Schreibens:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Aus Medienberichten haben wir erfahren, dass es hinsichtlich der
Theaterfinanzierung im Lande zu starken Disparitäten kommt. In einem
bisher unter Verschluss gehaltenen Gutachten der „GSA GmbH“ wird
attestiert, dass dem Staatstheater Schwerin von Seiten des Landes
erhebliche Vorteile gewährt werden, darunter Sonderzahlungen, die
unentgeltliche Nutzung von Immobilien, Insolvenzhilfen, die eine deutliche
Bevorzugung vor anderen Theatern des Landes darstellen (siehe OZ vom 18. Januar 2016).

Besonders drastisch zeigt sich die damit verbundene Benachteiligung
anderer Theater im Falle des Volkstheaters Rostock. Hier wird die
Gewährung von Zuschüssen und die Gewährung von Beihilfen für einen
Theaterneubau an eine eigens abgeschlossene, unrealistische
„Zielvereinbarung“ geknüpft, deren finanzielle Vorgaben einen radikalen
Abbau des Ensembles des Volkstheaters unvermeidlich machen würde. Damit steht das Rostocker Theater unter besonderem Druck, den Rahmenbedingungen der sogenannten Zielvereinbarung zu genügen, wird es zu Spartenschließungen und erheblichen Einschnitten am Angebot gezwungen. Im Ergebnis steht ein einseitiger kultureller Kahlschlag zu Lasten Rostocks, welcher der Bedeutung unserer Stadt als „Regiopole“ und als einziger Großstadt des Landes diametral entgegensteht.

Andererseits steht das Schweriner Theater trotz Sonderzahlungen und
weiterer Hilfen des Landes immer wieder vor der Insolvenz, was nun auch in einer breiten Öffentlichkeit die Frage nach Sinn und Erfolg der
sogenannten „Theaterreform“ aufwirft. In der öffentlichen Wahrnehmung ist diese „Reform“ zum Scheitern verurteilt, da sie einseitig auf Kürzungen,
Spartenschließungen, Angebotskürzungen und inkompatible Fusionen setzt und -bei seit 20 Jahren unveränderter finanzieller Ausstattung- den Theatern des Landes ein Sterben auf Raten verordnet. Es muss einen neuen Ansatz in der Kulturpolitik des Landes geben, zu dem auch eine bessere Finanzierung der Häuser gehören muss, wie in allen anderen Bundesländern inzwischen erfolgt.

Sehr geehrter Damen und Herren, wir wenden uns an Sie sowie die weiteren Abgeordneten aus Rostock und Umgebung, da wir Sie in der Pflicht sehen, die vorhandene Ungleichbehandlung des Volkstheaters Rostock und die Bevorzugung des Staatstheaters Schwerin aufzuklären und für eine gerechte und transparente Kulturpolitik zu sorgen, welche die Herstellung gleicher Bedingungen an den Theatern des Landes einschließt. Ihre Aufgabe ist es, im Interesse Ihrer Wähler zu handeln und verfehlten politischen Projekten wie der „Theaterreform“ eine Absage zu erteilen.

Bitte lassen Sie uns Ihre Stellungnahme zukommen.

Mit freundlichen Grüßen

für die „Initiative Volkstheater Rostock“

Thomas Kunzmann Malte Rüther Jan-Ole Ziegeler Dr. Christine Lucyga

**************************

Die „Initiative Volkstheater Rostock“ ist eine private, unabhängige und überparteiliche Kooperative Rostocker Bürger, initiiert von Thomas Kunzmann, Malte Rüther und Jan-Ole Ziegeler, zum Erhalt des Rostocker Volkstheaters mit den Sparten Tanztheater, Musiktheater, Schauspiel und der Norddeutschen Philharmonie.

Schirmherren der „Initiative Volkstheater“ sind der Schauspieler Charly
Hübner und die Bundestagsabgeordnete a.D. Dr. Christine Lucyga.

Übernommen von der Facebookseite der „Initiative Volkstheater Rostock“.

„2 plus 2“

Unter der Überschrift „2 plus 2“ schrieb Sonja Hilberger am 21. Mail 2015 auf der Facebook-Seite „Initiative Volkstheater“ den nachstehenden Text und erlaubte uns, ihn auch hier einzustellen:

2 Plus 2

Das Ganze ist ein riesiges Lügenpaket. Die Landesmittel sind seit 1994 eingefroren. Das heißt , alle Gehaltssteigerungen und die steigenden Materialkosten müssen durch Einsparungen oder steigenden Zuschuss der Stadt getragen werden, die wiederum Schulden abbauen muss also nicht mehr gibt. Seit 1994. jeder sollte sich mal fragen was er da verdient hat oder sein Papa und wie die Preise gestiegen sind. Dann kann man Ermessen was das bedeutet. Das ist ein eiskalter Würgegriff, seit zwanzig Jahren. Anstatt dass nun endlich diese Eiszeit aufgehoben wird soll von dem Nichts was übrig ist noch was weggenommen werden. Und um das, was eine RiesenSauerei ist, zu verheimlichen macht man ein Paket daraus wozweimal ein plus steht. Plus zwei Plus Neubau. George Orwell, Neusprech. Minus. Minus von Minus. Heißt das. So wurden die Finanzpakete an den amerikanischen Banken geschnürt die zum Zusammenbruch geführt haben. Von Amerika lernen heißt Siegen lernen. Der Mann macht keine „Kulturpolitik“. Auch das ist Neuprech. Er ist dafür da, die Kultureinrichtungen abzuwickeln , heißt, zu vernichten. So ist das.

Am 27. Mai hat der Theaterförderverein einen offenen Brief veröffentlicht, der hier nachgelesen werden kann: 150527-offnener-brief-theaterförderverein-re-OZ-Interview des Ministers.

Dieser Brief spricht einige der schmutzigen Tricks sehr deutlich an, beispielsweise die anteilige Rückzahlung von Fördermitteln an den Fördermittelgeber:

„Verwundert hat die Feststellung, dass 2,5 Millionen Euro aus den Zuschüssen an das
Theater von diesem an Stadt oder Land zurückgezahlt werden müssen. Warum dann
nicht gleich die Mittel um diese Summe kürzen? Man gibt erst das Geld ans Theater
und nimmt es dann wieder, was soll das? Das Theater soll de facto den Neubau selbst
finanzieren, aus den Zuschüssen, die doch für den laufenden Betrieb gedacht sind und
gebraucht werden! Wie soll die Rückzahlung der 2,5 Millionen funktionieren, wenn ggf.
nur noch zwei Sparten komplett vorhanden sind?“

Dieser Trick ist übrigens nicht neu: Für die Nutzung des im städtischen Besitzes befindlichen „Theater im Stadthafen“ musste das VTR monatlich 50.000 € Miete zahlen. Jahr für Jahr holte sich so die Stadt 600.000,00 € Fördergelder zurück! Nach der Kündigung dieses Wuchervertrages steht das TiS anderen Nutzern nunmehr unentgeltlich zur Verfügung!

Aber das ist nur ein Aspekt der BroMeSe-Theatermisere. Einfach den ganzen Offenen Brief lesen!

Der Triumph des Willens oder Wer einmal aus dem Brodkorb frisst

Gefunden bei Florian Leiffheidt:

Was soll man tun, nach dem gestrigen Tag, dieser gestrigen Entscheidung, einer vermeintlichen Bürgerschaftsentscheidung, getroffen durch den Hauptausschuss der Hansestadt Rostock? Wie soll man reagieren, ja, soll man reagieren? Lachen, weinen, sich erzürnen, aufregen, schreien, toben, aufbegehren? Sicher scheint eines: Auf keinen Fall kann dieses Ereignis, was ohne jeden Zweifel seinen Namen verdient, folgenlos bleiben!

Hier weiterlesen, denn

Gegen Windmühlen kann man kämpfen – an einem Brodkorb scheitert man, scheinbar. Das hat der schwarze Dienstag auch gezeigt. Bleibt zu hoffen, dass die Rostocker sowohl die Lust auf ihr Theater als auch die Wut auf ihren demokratiefern anmutenden Oberbürgermeister nicht allzu schnell vergessen. Die Besetzung des Rathauses aber auch der Gedanke, das Theater zukünftig zu einem Ort der Begegnung und des Meinungsaustausches lassen einen kleinen Schimmer aufblitzen. Wenn auch nur ein kleiner, verdeckt von grauen(haften) Wortschwaden einer bevölkerungsfern auftretenden Politiker.

(ebenda).