Verlorenes Theater Rostock (VTR)?

Schon bei dem recht merkwürdigen Rosinski-Konzept vermisste der aufmerksame Leser ein einleitendes Kapitel, das sich den Theaterbesuchern widmete. Wer kommt (noch?), wer bleibt weg, wer fehlt durchgehend – und warum?

Das blieb offen, aber weder der Gesellschafter (die Stadt Rostock, repräsentiert durch den OB) noch die Bürgerschaft im allgemeinen und der Theater-Aufsichtsrat im besonderen störte das. Merkwürdig.

Merkwürdig auch, dass das erste Tanztheater-Stück unter Sewan Latchinian („No satisfaction“) mit direkter Hilfe der Außenstelle M-V des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen entstand und daher konsequent die alte Kinkel-Forderung nach Delegitimierung der DDR umzusetzen versuchte (siehe auch die Beiträge auf diesem Blog „Pro und contra zu „No Satisfaction““ und „Dafür @ Dagegen„).

Danach versuchte sich das Tanzensemble an „Cafe colore“. Eine sehr schöne Idee, aber ziemlich einfallslos umgesetzt. Für die ganze Perten-Zeit gab es nur schnell über die Leinwand huschende Aufführungstitel und ein Perten-Zitat, das dem Theater bescheinigte, (auch) Ideologie zu vermitteln. Was wohl nach Auffassung der Aufführenden eine ganz schlimme Aussage darstellt.

Jetzt also das:

wir bedauern sehr, dass das Gastspiel mit MANFRED KRUG zu SPUR DER STEINE am Freitag, 23. September, krankheitsbedingt entfallen muss. Als Alternative wird es an diesem Abend ab 19:30 Uhr ein Konzert und eine Talkrunde im Großen Haus geben. Holm-Henning Freier vom Filmverein Latücht, der die Repressalien des DDR-Staates am eigenen Leib erfahren hat, und die Moderatorin Silke Hasselmann (Deutschlandradio, Deutschlandfunk, NDR) sprechen über den Umgang mit Film und Kino im DDR-Regime, die Rolle der DEFA und über das Verbot des Films „Spur der Steine“ von Frank Beyer. Anschließend spielt Thomas Putensen mit seinem Beat Ensemble die schönsten Lieder von Manfred Krug im Volkstheater.

(Quelle: Volkstheater).

Wird das Volkstheater Rostock jetzt direkt von der „Landeszentrale für politische Bildung“ oder eben vom BstU (mit-) bezahlt?

Freunde schrieben mit hierzu:

das halte ich … für skandalös, wie mit allem, was irgendwie mit der DDR zu tun hat, umgegangen wird!


…mir treten glatt die Tränen in die Augen angesichts der im Internet dargestellten Repressalien.
Hier will offensichtlich jemand seine karge Rente mit einem Taschengeld aufbessern, ob das klappen wird?… Unverständlich, dass Putensen bei dem Schwachsinn mitmacht…
Ansonsten grämt Euch doch nicht. Holter und Co. lassen grüßen….


… für mich, der nur die letzten 5 Jahre seines jungen Lebens in der DDR gelebt hat, ist das ja schon fast auch nur noch ein Stück Geschichte. Fast. Denn ich kann mich noch bruchstückhaft an Reste der DDR und den Übergang erinnern… Meine Eltern hatten nie Probleme in der DDR und fühlten sich in vielerlei Hinsicht auch wohl. Insbesondere in Anbetracht dessen, was wir heute haben.
Ich hatte noch das Glück, etwas Hauch der DDR in der Schulzeit mitzuerleben und bin immer wieder fasziniert über bestimmte Dinge von damals…
Ich selbst denke, hatte noch eine einigermaßen gemäßigte Darstellung über die DDR in der Schule. (ich war zwischenzeitlich zum Studium 2 Jahre im tiefkatholischen Teil Niedersachsens, wo mir schon abenteuerliche Dinge über die (ehemalige!) DDR entgegen schwappten, sowohl von Studenten als auch von Dozenten).
In mir erregt auch Besorgnis, dass Freunde von mir, die gerade ihr Abitur ablegten, mir erzählen, wie ihnen die DDR so vermittelt wurde. Wenn ich das so höre, habe ich das Gefühl, die DDR war vom 3. Reich nicht sehr weit entfernt…
Ja, mit zunehmender Zeit und abnehmenden Zeitzeugen wird komischerweise die Zahl der Gruselgeschichten mehr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer mehr über Holm-Henning Freier erfahren will, „der die Repressalien des DDR-Staates am eigenen Leib erfahren hat“, findet einiges im Internet (aber keine durchgehende Biographie, so dass manches offen bleibt):

  • Als Bundestagskandidat 2013 (als Beruf gibt er „Diplom-Filmwissenschaftler“ an) hat er auf konkrete Fragen zum Syrienthema lieber nicht geantwortet,
  • dafür aber seine Brötchen bei den Landesaussenstellen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BstU) in Neubrandburg (2009-2013) und Chemnitz (ab 2014, obwohl da schon 64 Jahre alt) verdient.
  • Über die Repressalien der BRD will er offenbar nicht sprechen, obwohl er als letzter (Nachwende-) Intendant des DFF (!) unmittelbarer Zeitzeuge dafür wurde, wie das Adlershofer Fernsehen mit seinen hochbegabten Mitarbeitern erbarmungslos zerschlagen („gemühlfenzelt“) wurde (sollte man unbedingt nachlesen!).
  • Aber bei der „Zusammenarbeit … zwischen NS-Gedenkstätten und Gedenkstätten zu Repressionsgeschichte 1945 bis 1989“ ist er dabei .
  • und gedenkt – natürlich – auch 2013 des DDR-Volksaufstandes vor 60 Jahren.
  • 2015 ist er plötzlich „freier Journalist“.

Dabei  können die „Repressalien des DDR-Staates“ zumindest bei ihm nicht so schlimm gewesen sein, wenn man seiner Filmographie nachgeht:

1969/1970 Rottenknechte: Darsteller
1971/1972 Die große Reise der Agathe Schweigert: Darsteller
1975 Mein blauer Vogel fliegt: SS-Mann
1975: Requiem für Hans Grundig: Sprecher
1976/1977 Die Insel der Silberreiher: Darsteller
1978/1979 Des Henkers Bruder: Darsteller
1980-1982 Hotel Polan und seine Gäste: Darsteller
1981 DEFA KINOBOX [Jg. 1981 / Nr. 07]: Regie, Drehbuch
1981 Hahn Weltherr
1981 Gastregisseur am Puppentheater Karl-Marx-Stadt
1981/1982 Sabine Kleist, 7 Jahre: Darsteller
1982 Bildhauersymposium – Hoyerswerda im Sommer 1981
1982 Dein unbekannter Bruder: Darsteller
1985 Rechtsfindung: Inspektor
Ab 1986? Studium mit dem Abschluss als Diplom-Filmwissenschaftler ?

So ist das eben bei einem, der es offenbar in jedem gesellschaftlichen Umfeld versteht, oben zu schwimmen. „Ersatz“ für den krank gewordenen Manne Krug? Wohl kaum. Das ist, das macht krank.

Um auf die einleitende Frage zurückzukommen: Wer kommt (noch?), wer bleibt weg, wer fehlt durchgehend – und warum? Es kommen nicht mehr die Älteren und Alten, die wissen, wie es in der DDR war (und die „ihren“ Manne Krug unabänderlich ins Herz geschlossen haben), die sich nicht ständig „umschulen“ lassen wollen. Es kommen kaum Junge, weil sie die Vergangenheit wenig bis gar nicht interessiert. Es kommen einige im mittleren Alter, aber die meisten haben andere Sorgen oder sind Hartzies.

Für wen sind wohl Abende wie dieser „Ersatz“ gedacht? Interessiert die Verantwortlichen nur noch der politische Auftrag, auch wenn die Institution Theater dabei zugrunde geht?

„Unser“ Theater? Offenbar hoffnungslos verloren.

Advertisements