Rostocker Sparwut

Strafzinsen statt Theaterfinanzierung: Eine Frage von Kultur(losigkeit).
ODER: Warum hat die Bürgerschaft den OB nicht zum OSPA-Anlegerforum geschickt?

mcpoblog

Unser aller Oberbürgermeister lässt immer und überall erkennen, wie sehr ihm die Tilgung der Schulden, die sein „Konzern“ hat, am Herzen liegt (woher die Schulden kommen, wer für sie verantwortlich ist, wie hoch sie sind – das erfahren die Bürger nicht. Und wenn ein Bürger seine (?) Bürgerschaft fragt, dann weiß die das auch nicht und will es wohl auch gar nicht wissen. Demokratie eben).

„Konzern“, so nennt der OB bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Kommune Rostock. So führt er auch die ihm anvertraute Stadt. Kultur? Brauchen wir kaum, da sparen wir. Bildung, Soziales, Bürgerbeteiligung und ähnlicher Krimskram? Da sparen wir auch!

Immobilienwirtschaft, Hoch- und Tiefbau? Für deren Interessen hat der „Konzern“ stets ein offenes Ohr.

Aber wie passt das alles mit einer neueren Zeitungsmeldung zusammen? „Die Strafzinsen bei Geldinstituten haben Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Die Hansestadt Rostock zahlt bereits für Guthaben bei einer ihrer Hausbanken, wie ein Sprecher…

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Rück- und Ausblick

Der Abriss des Großen Hauses sollte schon 2016 erfolgen

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Ostseezeitungs-Forum zum Volkstheater. Da sprach unser aller Oberbürgermeister in einem Nebensatz davon, dass das Große Haus 2016 ohnehin abgerissen werde. Auf entsprechende Nachfragen antwortete er nicht, und sprach statt dessen davon, dass der Theaterneubau spätestens zum Jubiläumsjahr 2018 bespielt werden könne.

Die große Brandgefahr währte lange

Jahre später wurde das Große Haus von einem Tag auf den anderen geschlossen – wegen Brandgefahr. Ein entsprechendes Gutachten1 lag dem Oberbürgermeister schon rund ein halbes Jahr früher vor, so dass kein vernünftiger Grund für die abrupte Schließung erkennbar war. Das Gutachten beanstandete vor allem die Brandlasten durch Kleidung in den Garderoben, die zwischen Zuschauerraum und Hauptausgang angeordnet seien. Das ist zwar in fast allen Theatern so, aber wenn es in Rostock bei einem Brand Leib und Leben der Zuschauer gefährdet, warum hat dann der OB ein halbes Jahr mit seiner Eilentscheidung gewartet, also ein halbes Jahr lang den Theatergängern diese Gefahr zugemutet? Einer der Theatergänger fand das Zögern seines OB, der doch „einer von uns“ sein will, nicht lustig und erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Er bekam eine Absage, legte Beschwerde beim Oberstaatsanwalt ein und erhielt wieder eine Absage. Denn Staatsanwälte sind kluge Leute und wussten wohl um den Fake das OB.

Rund anderthalb Jahre blieb das Große Haus geschlossen. Als es wieder öffnete, befanden sich die Garderoben mit all ihren Brandlasten an gleicher Stelle wie vorher.

Schiffbauhalle 207

Aber während der anderthalb Jahre hatte man ausführlich die Eignung der Werfthalle 207 als Theaterspielstätte testen können… Der damalige Intendant Peter Leonhard war viel zu sanft, um sich dieser langen Testphase zu widersetzen.

Sein Nachfolger Sewan Latchinian verbat sich diese Ersatzspielstätte und orientierte statt dessen auf die volle Nutzung des Großen Hauses. Auch das war ein dringlicher Grund, ihn loszuwerden. Sein Nachfolger Joachim Kümmritz hingegen setzt die Wünsche seines Dienstherren konsequent um:

Die Bespielung der alten Werfthalle in Besitz vom Verein Tradition Ostseeschifffahrt ist auf fünf Jahre angelegt. Die Dauer war Reichel und Kümmritz wichtig, um dem Publikum Zuverlässigkeit zu geben und damit sich die Investition lohne.

 „Kabeltunnel würden zum Beispiel fest verlegt. Tische, Stühle, Sanitär, Zwischenlager, Ton – dergleichen sei zu bedenken. ebenda.

Mit Kümmritz ließe sich „mit dem Ensemble, mit leidenschaftlichen Schauspielern, Musikern, Sängern und Tänzern Theaterlust wecken“, sagt der Oberbürgermeister, „aber das schaffen wir nicht in der Doberaner Straße… „Ich sehe das als eine ganz große Chance, auch anknüpfend an ,West Side Story’ und an ,Broadway’, was wir 2010/2011 in der Halle 207 hatten.“ ebenda

So wird der Weg frei gemacht für den Abriss des Großen Hauses, wenngleich leicht verspätet. Ist ja auch ein wirklich attraktives Quartier, ideal für eine hochpreisige Neubebauung.

Wozu jetzt noch einen Theaterneubau?

Und wenn das so gut funktioniert in einer alten Schiffbauhalle, warum dann noch einen Theaterneubau errichten lassen? So befand unser aller OB am 21. Januar 2017: Ein Beschluss der Bürgerschaft habe dem Theaterneubau jegliche Basis entzogen (der Beschluss besagt, dass das Theater einen Theaterneubau nicht aus seinem laufenden Haushalt vorfinanzieren muss, denn andernfalls gäbe es zwar vielleicht irgendwann einen Theaterneubau, aber keine Akteure mehr, die es bespielen könnten. Die wären zwecks Bau-Vorfinanzierung schrittweise weggespart).

Da flossen reichlich Krokodilstränen (ebenda):

… persönlich bedauert Oberbürgermeister Roland Methling die Entscheidung sehr. „Unter diesen Voraussetzungen bleibt uns nichts weiter übrig, als uns vom Traum eines neuen Stadttheaters für Rostock zu verabschieden. Ich hatte die Umsetzung des schon 1993 von der Bürgerschaft beschlossen Projekts mit Übernahme des Amtes als Oberbürgermeister im Jahr 2005 als wichtiges Ziel betrachtet. Jahrelange Arbeit wird damit zunichte gemacht, um sich erneut um substanzielle Strukturentscheidungen zur Zukunftssicherung unseres Theaters zu drücken.“

Die Sanierungsmaßnahmen im derzeit vom Volkstheater genutzten Großen Haus an der Doberaner Straße waren darauf ausgerichtet, die Bespielbarkeit bis zum Jahr 2018 zu sichern. „Ein Theaterneubau ist in Rostock zwingend erforderlich. Die Mitglieder, die gestern diesen Beschluss der Bürgerschaft getragen haben, werden sich kurz- oder mittelfristig fragen lassen müssen, ob sie durch ihre Entscheidung wohlmöglich dem Theater seine Zukunftsbasis entzogen haben“, so Oberbürgermeister Roland Methling.

Noch viel zu viele Musiker

Wo er recht hat, hat er reicht. Und unser aller OB schlussfolgert weiter: Ohne Theaterneubau und Großes Haus brauchen wir in Rostock auch nicht mehr soooo viel Musiker. Der willfährige Intendant arbeitete zu, indem er frei gewordene Orchesterstellen nicht neu besetzte, obwohl die Musiker wegen der Sparvorgaben des OB und zugunsten einer vollen Besetzung schon mit weniger Entgelt in Form eines Haustarifvertrages auskommen. Die Künstlergewerkschaften kritisierten das und auch die stockenden Verhandlungen mit dem Theater und der Stadt.

Sofort nahm unser aller OB das zum Anlass, den Haustarifvertrag kurzerhand zu kündigen. Schließlich hatte er schon 2014 den Abschluss eines Haustarifs untersagt.

Pikant ist dabei auch dieses Detail: Während die Künstlergewerkschaften eine Vollbesetzung des Orchesters einfordern und andernfalls eine Klage androhen, informiert die Ostseezeitung, „Die Kündigung sei eine rein juristische Angelegenheit, zu der das Volkstheater durch die Klage der DOV gezwungen war“. Rein juristisch, ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit, Frau Dr. Bachmann? Fake-News eben wie fast immer auch zum Thema Volkstheater.

Die Hanseln aber schweigen…

Die Schönen und Reichen fahren nach Hamburg oder Berlin ins Konzert oder Theater (sofern sie mal pausieren können beim Geldscheffeln) und der Rest hat ohnehin immer weniger Geld für Theater oder Konzert. Braucht Rostock wirklich (noch) ein Theater (fragte der OB schon kurz nach seiner Amtsübernahme)?

Es lohnt auch, sich mal die frühen Beiträge dieses Blogs anzusehen, beispielsweise https://vtrblog.wordpress.com/2013/04/04/verspatete-kenntnis-eines-bekannten-vorgangs/#comments und die zugehörigen Kommentare. Da waren die „Hanseln“ noch munter.


1Brandschutzkonzept vom Oktober 2010

Sie haben es getan!

Sie haben wirklich Brodkorb zum Finanzminister gemacht. Das ist ein ganz schlimmes Programm. Bislang kämpften wir für den Erhalt eines funktionsfähigen Vier-Sparten-Volkstheaters. Den Kampf haben wir jetzt wohl unwiderruflich verloren.

Schlimmer noch: Die kulturelle Verödung wird weiter gehen und nicht mehr vorzugsweise auf Vorpommern beschränkt bleiben. So wie die „Büchner“ nicht zu bewahren war, das Desinteresse der Landesregierung am Erhalt der Mühlendammschleuse unübersehbar ist, den wenigen noch vorhandenen Wassermühlen im Lande auf Teufel komm raus der Garaus gemacht wird (ganz schlimmes Beispiel: Wassermühle in Rüthing), so wird es jetzt auch auf andere Lebensbereich übergreifen. Immer mit dem Finanzargument, das bei genauerem Hinsehen jedoch kaum einmal greift.

Eigentlich hat es schon lange übergegriffen, ob mit oder ohne Finanzargument:

  • Kein entschiedenes Vorgehen gegen Megaställe, sondern butterrweiche „Änderungs“-Genehmigungen zur hemmungslosen Vergrößerung bestehender Anlagen.
  • Glyphosat ist nicht so schlimm.
  • Uferrandstreifen minimieren und statt dessen den „guten ökologischen Gewässerzustand“ durch sündhaft teure Fischaufstiegsanlagen herstellen wollen (die dann nicht einmal mehr eine Wasserstandsregulierung ermöglichen).
  • Gegen den Willen der Einwohner alte (manchmal sogar unter Denkmalschutz stehende) Pflasterstraßen shreddern und zugunsten der Planer und Baufirmen mit viel öffentlichem Geld durch Asphalt ersetzen.
  • Zulassen, dass bei mehrteiligen Biogasanlagen jedes Teilelement als eigene GmbH deklariert wird, um den maximalen Förderbetrag abzufassen (aber den Investor von „Hohe Düne“ vor Gericht zerren, weil er Yachthafen und Hotelanlage als jeweils eigenständige Investgition deklarierte).
  • Nichts Ernsthaftes gegen die steigenden Grundwasserbelastungen (nicht nur Nitrat!) unternehmen.
  • Mit dem Trick einer „Änderungsgenehmigung“ in Rostock eine Müllverbrennung erlauben (ohne Umweltverträglichkeitsprüfung, ohne Öffentlichkeitsbeteiligung, mit minimaler Rauchgasreinigung und minimalster Überwachung des Schadstoffausstoßes).
  • Gegen ein eindeutiges Urteil des Oberverwaltungsgerichtes (OVG) M-V über die Unrechtmäßigkeit dieser Erlaubnis Widerspruch einlegen.
  • Wegen der Klärschlammbelastungen nun auch noch den Klärschlamm verbrennen zu wollen.
  • usw. usf.

Ach, das ist ja nur eine klitzekleine Auswahl einer extrem bürger-, kultur- und zukunftsfeindlichen Landespolitik!

Dabei geht es am allerwenigsten darum, öffentliche Gelder einzusparen. Sonst dürfte beispielsweise nicht die betroffene Landesbehörde gegen das greifswalder OVG-Urteil auf Bundesebene zu Felde ziehen und dafür auch noch einen sehr teuren hamburger Rechtsanwalt anheuern – obwohl die Behörde einen fest angestellten, sachkundigen Juristen beschäftigt und es ja wohl im Lande noch andere gute Anwälte für Verwaltungsrecht gibt.

Was kann da noch ein VTR-Blog ausrichten? Sollten wir ihn als „Kassandra-Rufe“ weiterführen oder einstellen? Die unmittelbar Betroffenen wird weder das Eine noch das Andere interessieren, sie haben diesen Blog bislang nicht ein einziges mal genutzt.

Ein Leserbrief in der Ostsee-Zeitung:

Die Strukturreform muss weg!

Helge Bothur aus Rostock

Offenbar bedeutet Reform in unserem Land immer nur: Reduktion, Verringerung, Abschaffen, Verkleinern.

So auch in der zweiten Intendanz seit Beginn der kulturellen Abwärtsspirale. Ob Latchinian, Kümmritz oder wer auch immer…

… Solange Banausen in Sachen Theater das Sagen haben, werden die Menschen in den Theatern immer weniger, die Inhalte und Strukturen ihrer Arbeit immer flacher und löchriger und die Wahrnehmung in der Bevölkerung immer schlechter. Dieser Logik konnte Latchinian nicht mit Kraft, kann Kümmritz nicht mit Ruhe entkommen.

Gewöhnen wir uns daran. Mindestens das Volkstheater Rostock wird es leistungsfähig, hochqualitativ und in der Stadtgesellschaft fest verankert, bald nicht mehr geben. Dafür sorgen die Herren Sellering, Caffier, Brodkorb und Methling.

Diese vier wollen das so. Sonst wäre es anders.

Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit! Das war einmal (Wiener Secession, 1897/98).

Verlorenes Theater Rostock (VTR)?

Schon bei dem recht merkwürdigen Rosinski-Konzept vermisste der aufmerksame Leser ein einleitendes Kapitel, das sich den Theaterbesuchern widmete. Wer kommt (noch?), wer bleibt weg, wer fehlt durchgehend – und warum?

Das blieb offen, aber weder der Gesellschafter (die Stadt Rostock, repräsentiert durch den OB) noch die Bürgerschaft im allgemeinen und der Theater-Aufsichtsrat im besonderen störte das. Merkwürdig.

Merkwürdig auch, dass das erste Tanztheater-Stück unter Sewan Latchinian („No satisfaction“) mit direkter Hilfe der Außenstelle M-V des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen entstand und daher konsequent die alte Kinkel-Forderung nach Delegitimierung der DDR umzusetzen versuchte (siehe auch die Beiträge auf diesem Blog „Pro und contra zu „No Satisfaction““ und „Dafür @ Dagegen„).

Danach versuchte sich das Tanzensemble an „Cafe colore“. Eine sehr schöne Idee, aber ziemlich einfallslos umgesetzt. Für die ganze Perten-Zeit gab es nur schnell über die Leinwand huschende Aufführungstitel und ein Perten-Zitat, das dem Theater bescheinigte, (auch) Ideologie zu vermitteln. Was wohl nach Auffassung der Aufführenden eine ganz schlimme Aussage darstellt.

Jetzt also das:

wir bedauern sehr, dass das Gastspiel mit MANFRED KRUG zu SPUR DER STEINE am Freitag, 23. September, krankheitsbedingt entfallen muss. Als Alternative wird es an diesem Abend ab 19:30 Uhr ein Konzert und eine Talkrunde im Großen Haus geben. Holm-Henning Freier vom Filmverein Latücht, der die Repressalien des DDR-Staates am eigenen Leib erfahren hat, und die Moderatorin Silke Hasselmann (Deutschlandradio, Deutschlandfunk, NDR) sprechen über den Umgang mit Film und Kino im DDR-Regime, die Rolle der DEFA und über das Verbot des Films „Spur der Steine“ von Frank Beyer. Anschließend spielt Thomas Putensen mit seinem Beat Ensemble die schönsten Lieder von Manfred Krug im Volkstheater.

(Quelle: Volkstheater).

Wird das Volkstheater Rostock jetzt direkt von der „Landeszentrale für politische Bildung“ oder eben vom BstU (mit-) bezahlt?

Freunde schrieben mit hierzu:

das halte ich … für skandalös, wie mit allem, was irgendwie mit der DDR zu tun hat, umgegangen wird!


…mir treten glatt die Tränen in die Augen angesichts der im Internet dargestellten Repressalien.
Hier will offensichtlich jemand seine karge Rente mit einem Taschengeld aufbessern, ob das klappen wird?… Unverständlich, dass Putensen bei dem Schwachsinn mitmacht…
Ansonsten grämt Euch doch nicht. Holter und Co. lassen grüßen….


… für mich, der nur die letzten 5 Jahre seines jungen Lebens in der DDR gelebt hat, ist das ja schon fast auch nur noch ein Stück Geschichte. Fast. Denn ich kann mich noch bruchstückhaft an Reste der DDR und den Übergang erinnern… Meine Eltern hatten nie Probleme in der DDR und fühlten sich in vielerlei Hinsicht auch wohl. Insbesondere in Anbetracht dessen, was wir heute haben.
Ich hatte noch das Glück, etwas Hauch der DDR in der Schulzeit mitzuerleben und bin immer wieder fasziniert über bestimmte Dinge von damals…
Ich selbst denke, hatte noch eine einigermaßen gemäßigte Darstellung über die DDR in der Schule. (ich war zwischenzeitlich zum Studium 2 Jahre im tiefkatholischen Teil Niedersachsens, wo mir schon abenteuerliche Dinge über die (ehemalige!) DDR entgegen schwappten, sowohl von Studenten als auch von Dozenten).
In mir erregt auch Besorgnis, dass Freunde von mir, die gerade ihr Abitur ablegten, mir erzählen, wie ihnen die DDR so vermittelt wurde. Wenn ich das so höre, habe ich das Gefühl, die DDR war vom 3. Reich nicht sehr weit entfernt…
Ja, mit zunehmender Zeit und abnehmenden Zeitzeugen wird komischerweise die Zahl der Gruselgeschichten mehr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer mehr über Holm-Henning Freier erfahren will, „der die Repressalien des DDR-Staates am eigenen Leib erfahren hat“, findet einiges im Internet (aber keine durchgehende Biographie, so dass manches offen bleibt):

  • Als Bundestagskandidat 2013 (als Beruf gibt er „Diplom-Filmwissenschaftler“ an) hat er auf konkrete Fragen zum Syrienthema lieber nicht geantwortet,
  • dafür aber seine Brötchen bei den Landesaussenstellen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BstU) in Neubrandburg (2009-2013) und Chemnitz (ab 2014, obwohl da schon 64 Jahre alt) verdient.
  • Über die Repressalien der BRD will er offenbar nicht sprechen, obwohl er als letzter (Nachwende-) Intendant des DFF (!) unmittelbarer Zeitzeuge dafür wurde, wie das Adlershofer Fernsehen mit seinen hochbegabten Mitarbeitern erbarmungslos zerschlagen („gemühlfenzelt“) wurde (sollte man unbedingt nachlesen!).
  • Aber bei der „Zusammenarbeit … zwischen NS-Gedenkstätten und Gedenkstätten zu Repressionsgeschichte 1945 bis 1989“ ist er dabei .
  • und gedenkt – natürlich – auch 2013 des DDR-Volksaufstandes vor 60 Jahren.
  • 2015 ist er plötzlich „freier Journalist“.

Dabei  können die „Repressalien des DDR-Staates“ zumindest bei ihm nicht so schlimm gewesen sein, wenn man seiner Filmographie nachgeht:

1969/1970 Rottenknechte: Darsteller
1971/1972 Die große Reise der Agathe Schweigert: Darsteller
1975 Mein blauer Vogel fliegt: SS-Mann
1975: Requiem für Hans Grundig: Sprecher
1976/1977 Die Insel der Silberreiher: Darsteller
1978/1979 Des Henkers Bruder: Darsteller
1980-1982 Hotel Polan und seine Gäste: Darsteller
1981 DEFA KINOBOX [Jg. 1981 / Nr. 07]: Regie, Drehbuch
1981 Hahn Weltherr
1981 Gastregisseur am Puppentheater Karl-Marx-Stadt
1981/1982 Sabine Kleist, 7 Jahre: Darsteller
1982 Bildhauersymposium – Hoyerswerda im Sommer 1981
1982 Dein unbekannter Bruder: Darsteller
1985 Rechtsfindung: Inspektor
Ab 1986? Studium mit dem Abschluss als Diplom-Filmwissenschaftler ?

So ist das eben bei einem, der es offenbar in jedem gesellschaftlichen Umfeld versteht, oben zu schwimmen. „Ersatz“ für den krank gewordenen Manne Krug? Wohl kaum. Das ist, das macht krank.

Um auf die einleitende Frage zurückzukommen: Wer kommt (noch?), wer bleibt weg, wer fehlt durchgehend – und warum? Es kommen nicht mehr die Älteren und Alten, die wissen, wie es in der DDR war (und die „ihren“ Manne Krug unabänderlich ins Herz geschlossen haben), die sich nicht ständig „umschulen“ lassen wollen. Es kommen kaum Junge, weil sie die Vergangenheit wenig bis gar nicht interessiert. Es kommen einige im mittleren Alter, aber die meisten haben andere Sorgen oder sind Hartzies.

Für wen sind wohl Abende wie dieser „Ersatz“ gedacht? Interessiert die Verantwortlichen nur noch der politische Auftrag, auch wenn die Institution Theater dabei zugrunde geht?

„Unser“ Theater? Offenbar hoffnungslos verloren.

Statement des Theaterfördervereins zur Entlassung des Intendanten

Es steht noch nicht auf der Webseite des Vereins „Freunde und Förderer Volkstheater Rostock e.V.“, das Statement, sondern bislang nur auf der Facebookseite „Initiative Volkstheater“. Da nicht alle (kulltur-) interessierten Bürger auf Facebook sind, findet sich das Statement auch hier.

Statement des Theaterfördervereins zur Entlassung des Intendanten

Sehr geehrte Mitglieder der Bürgerschaft der Hansestadt Rostock, sehr geehrte Damen und Herren der Lokalpresse sowie des NDR, sehr geehrte und hochverdiente Streiter im Dienste einer freien Kultur in Rostock!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Dr. Bachmann!

Die Freunde und Förderer haben die schlechte Nachricht erhalten. Dem Intendanten wurde fristlos gekündigt. Das Theater erwartet die Ankunft eines neuen Intendanten, des wievielten nun bereits?
Die Freunde und Förderer des Volkstheaters sind bestürzt, auf welchem Niveau in Rostock Kulturpolitik und Kommunikation mit dem Bürger betrieben wird.
Im Anhang finden Sie das Statement des Vereins zur fristlosen Entlassung des Intendanten.

Am 16. Juni findet das Bürgerforum statt. Das ist gut. Es scheint
dringend erforderlich, mit den in Verantwortung stehenden Politikern sowie den Amtsträgern dieser Stadt ins Gespräch zu kommen.

Mit hochachtungsvollen Grüßen
Im Namen des Vorstandes

Antje Jonas

Mit freundlichen Grüßen

Antje Jonas
Vereinsvorsitzende

Statement der „Freunde und Förderer Volkstheater Rostock e.V.“ zur fristlosen Kündigung des Volkstheater-Intendanten Sewan Latchinian

Als Sewan Latchinian, der von den Stadtoberen erwählte Intendant, nach Rostock kam, erwarteten Politik, Verwaltung sowie auch das Publikum neuen Schwung für das von vielen als lethargisch wahrgenommene Vier-Sparten-Volkstheater. Der Theatermann machte sich an die Arbeit und versetzte mit seiner Energie und Leidenschaft die Rostocker in Erstaunen.
In nur zwei Jahren kamen zustande: zwei bemerkenswerte Theaterspektakel, mehrere Uraufführungen, darunter ein Text von Uwe Johnson. Gespielt wurde in der Brauerei und im Bunker, im Zoo und auf der Hohen Düne. In der Kleinen Komödie gelang die Sommerbespielung. Die Theaterkantine lud nach Vorstellungsende die Zuschauer zu Gespräch und Wein. Ein neues Format, der „Denkraum“, ging an den Start. Und so auch die Bürgerbühne und das Puppenspiel. Bis heute fährt die blaue Theaterstraßenbahn durch Rostock und kündet von dem Potenzial und Aufbruch des Volkstheaters unter dem Intendanten Sewan Latchinian. Zwei und oftmals drei Vorstellungen täglich sorgten dafür, dass das Theater vom Stadtvolk wieder wahrgenommen wurde. Wer versucht, dem Intendanten und dem Ensemble künstlerisches Versagen vorzuwerfen, sollte gut argumentieren können.
Die wirkliche Krise setzte mit der wankelmütigen Kulturpolitik der Bürgerschaft ein, die dem Druck seitens des Oberbürgermeisters und des Kultusministers nicht standhalten konnte oder wollte. So sah sich der Intendant, zweifellos ein kantiger Charakter und Urheber markiger Worte, nach nur wenigen Monaten mit einem beispiellosen Schwenk der Rostocker Theaterpolitik konfrontiert. Sicher gehört es zu den Aufgaben eines Geschäftsführers, sich dem Gesellschafter gegenüber loyal zu verhalten. Doch für den politisch gewollten, organisierten Kulturabbau brauchte es keinen Intendanten, sondern einen Insolvenzverwalter. Diese Rolle zu übernehmen war der Intendant nicht bereit. Kann man ihm das vorwerfen?
Wir alle gehören nun ein weiteres Mal zu den Verlierern einer Kulturpolitik, die ein kluges und geordnetes Verfahren genannt zu werden nicht verdient. Es fehlt, frei nach Brecht, an Leidenschaft, Anmut, Mühe und Verstand.

Rostock verliert einen streitbaren Intendanten. Rostock verspielt mit dem Abbruch einer vielversprechenden Theaterentwicklung ein weiteres Mal die Chance, seine kulturelle Identität jenseits großer Volksfeste auszuprägen. In Rostock gilt eine Meinung schon als Argument; hier reicht es, sich persönlich bei Amtsinhabern und Volksvertretern missliebig zu machen, um abgestraft zu werden. Eine Stadt, die ihre Kultur nicht schätzt, die Intendant um Intendant verschleißt, die mit ihrer eigenen Geschichte kulturell nur wenig anzufangen weiß, ist keine Großstadt! Rostock verzichtet schlecht gelaunt weiterhin auf eine niveauvolle Streitkultur, auf geistvolle Urbanität und wird mit dieser provinziellen Miesepetrigkeit unweigerlich weiter zurückfallen hinter die anderen Ostsee-, Hanse- und Theaterstädte.

Im Namen des Vorstandes
Antje Jonas
Vorsitzende
Rostock, den 08 Juni 2016

Und das zum Kindertag?!

Auf der Facebook-Seite „Initiative Volkstheater“ wurde ein nichtöffentlicher Dringlichkeitsantrag (2016/DA/1824) öffentlich, der es in sich hat: 160601-da-bachmann

Frau Dr. Sybille Bachmann, Vorsitzende des VTR-Aufsichtsrates, beantragt, „Herr Sewan Latchinian wird aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung als Geschäftsführer abberufen und sein Geschäftsführeranstellungsvertrag aus wichtigem Grund fristlos gekündigt“.

Es wird kaum öffentlichen Protest geben. Der Antrag ist nichtöffentlich und es gibt nicht so viele Leser der Facebook-Seite. Vor allem aber: Es schnürt einem die Kehle zu. Es lähmt das Denkvermögen. Es macht hilflos. Es könnte in den Selbstmord treiben.

Datiert ist das Schreiben auf den 1.6.2016, also auf den Kindertag. Ehrlicher wäre eine um einen Tag frühere Datierung gewesen, denn am 31. Mai ist der Weltuntergang… Aber was ist schon ehrlich an diesem Text?

Bitte tut es Euch an und lest diese unsäglichen 13 Textseiten! 160601-da-bachmann

Caffier spricht Klartext

Heute steht der „Ostsee-Zeitung“  ein Interview mit dem Innenminister Lorenz Caffier [1]. Seine Aussagen zur Einflussnahme der Landesregierung auf die Stadtpolitik im allgemeinen und zum Theaterneubau im besonderen sind bemerkenswert und sehr eindeutig:

Frage: Es drängt sich zuletzt der Verdacht auf, das Sie Rostock als Innenminister finanziell an der kurzen Leine halten.

Caffier: Der Eindruck täuscht. Es gab eine Vereinbarung vor mehreren Jahren und ich bin jemand, der sich grundsätzlich an Vereinbarungen hält. Die Zielvereinbarung hieß immer: Rostock hat weiterhin zehn Millionen Euro Schulden jährlich zu tilgen. Und dann kann Rostock sich innerhalb des Haushaltskorridors bewegen…


Frage: Steht die Zusage, dass sich das Land am Theaterneubau beteiligt?

Caffier: Es gibt ja eine Reihe von Zusagen, wenn mal die Frage der Theaterstruktur endgültig geklärt ist. In Zusammenhang mit dem Gesamtpaket hat sich daran nichts geändert, auch was den Theaterneubau betrifft. Wobei ich immer dafür werbe, dass die Hansestadt ihren Investitionskorriodor nicht zu hoch hängt, weil das nachher dazu führt, dass Projekte nicht dementsprechend begleitet werden. Man soll sich nur so viel aufladen, wei man auch realisieren kann. Da gibt es eine Prioritätenliste, und die muss in der Stadt abgearbeitet werde.

Halten wir fest:

  1. Die Hansestadt Rostock ist nicht frei in ihrem Handeln. Die Landesregierung legt fest, wieviel Schulden pro Jahr zu tilgen sind. Damit legt die Landesregierung fest, wieviel Geld der Stadt für ihr Handeln übrig bleibt. „Kommunale Selbstbestimmung light“?
  2. Bei den Investitionen, die die Hansestadt Rostock tätigen darf, gibt es „eine Prioritätenliste, und die muss in der Stadt abgearbeitet werden“. Ein Theaterneubau steht offenbar nicht auf dieser Liste – oder ganz hinten.
  3. Erst sei die „Theaterstruktur“ umzusetzen. Dieses Theatershreddern ist also nicht auf dem Mist des Kultusministers gewachsen, sondern offenbar einhellige Meinung der Landesregierung. Schade, Herr Sellering, ich hätte Ihnen mehr Kultur zugetraut…
  4. Die klare Ansage des Innenministers erklärt auch den Text des Herrn Brodkorb, den man auf der Rathaus-Internetseite nachlesen kann (dazu später einmal mehr).
  5. Dank der Aussagen des Innenministers wird deutlich, wie die Stadtverwaltung die Theatermacher und die Bürger über viele Jahre bewusst getäuscht hat. Wie wurde Peter Leonard in seiner ersten Amtsperiode mit dem Versprechen eines alsbaldigen Theaterneubaus an der Nase herumgeführt! Was nahm er alles an Demütigungen und Belastungen seines ganzen Ensembles auf sich, weil er den OB-Versprechungen glaubte! Der es zweifellos besser wusste, wie man jetzt den Ausführungen des Innenministers entnehmen muss. Aber unser OB übt ja jetzt schon Selbstkritik: 160513-ob-zitat

Nein, ich mag Herrn Caffier nicht besonders. Auch, weil er Sparen und ein soziales Pflichtjahr für wichtiger hält als Kultur. Aber seine Ehrlichkeit imponiert mir.

Eine ganz andere und für den normalen Bürger offene Frage ist, was sind das für immense Schulden, die Rostock tilgen muss? Wofür wurden sie gemacht, wer hat sie zu verantworten?


[1] (Printausgabe S. 9 und bezahlpflichtig http://www.ostsee-zeitung.de/Region-Rostock/Rostock/Politik/Caffier-Rostock-muss-weiter-sparen, Internetkurzfassung http://www.ostsee-zeitung.de/Region-Rostock/Rostock/Politik/Caffier-Hansestadt-muss-weiter-sparen)