Mann über Bord!

Unzufriedene haben das Theaterschiff geentert und den Kapitän über Bord geworfen. Ohne Rettungsring. Geschweige denn in einem Beiboot ausgesetzt. Das sei zu teuer.

Der erste Offizier sieht diesem wüsten Treiben ziemlich gelassen zu. Er hat einen anderen Kurs als der Kapitän abgesteckt, will die Mannschaft ausdünnen und nimmt in Kauf, dass das Schiff in eine erhebliche Schieflage gerät. Aber dann hat er ja schon abgemustert…

Was werfen die Unzufriedenen dem Kapitän vor? Zu späte Ansage des zukünftigen Kurses (Spielplan), zu wenig Passagiere (Besucher = Einnahmen), Information der Mannschaft über die geplanten Kursänderungen seitens der Reederei (Geheimnisverrat!), vor allem aber fehlende Unterwürfigkeit gegenüber der Reederei.

Heute, am Dienstag, den 13.6. sollte der Spielplan für die neue Spielzeit vorgestellt werden. Weil der Kapitän acht Tage zuvor über Bord geworfen wurde und sich sein Geschäftsleitungspartner offenbar weigert, den Spielplan vorzustellen, fällt die Pressekonferenz aus. Auch der Aufsichtsrat scheint sich zu weigern, an Stelle des über Bord geworfenen Intendanten den Spielplan vorzustellen, obwohl doch gilt:

Kommt es bei einer AG zu einer sogenannten Führungslosigkeit, springt der Aufsichtsrat als passive Vertretung der Geschäftsführung ein, bis eine neue bestimmt … wird. http://www.gruenderszene.de/lexikon/begriffe/aufsichtsrat, auch http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/aufsichtsrat.html

Stellen wir also fest, ohne Kapitän

  • gibt es keinen öffentlich bekannt gemachten Spielplan,
  • fallen Vorstellungen aus (akktuell: „Sex und Liebe“),
  • gehen wegen fehlender Vorstellungen Einnahmen verloren.

Mit Kapitän wäre das alles vermeidbar gewesen.

Darf man angesichts dieser schlichten Fakten und vor allem auch angesichts des geheimen Antrages (160601-da-bachmann), den Kapitän über Bord zu werfen, einfach nur von „Unzufriedenen“ sprechen? Sind es nicht eher verfolgungswütige Schergen einer Obrigkeit, die höchst mittelalterlich anmuten? Selbst von inquisitorischem Vorgehen kann man nicht sprechen, denn bei der Inquisition gab es ein wohldefiniertes Verfahren, die Wahrheitsermittlung über den Weg rationaler Beweisführung stand im Vordergrund, wobei man sich insbesondere Zeugenaussagen bediente. Im aktuellen Fall gab es nur ein Geheimpapier für ein geheim tagendes und geheim beschließendes Gremium (genannt „Hauptausschuss“), ohne dass dem Angeklagten die Anklage zur Kenntnis gegeben oder ihm gar eine Stellungnahme dazu ermöglicht wurde. Tiefes Mittelalter? Irgendwie scheint das von den Exekutierenden selbst so empfunden zu werden, allerdings zielen die nachstehend zitierten Sätze gegen den Kapitän, nicht etwa gegen die Exekutierenden:

„Wenn die Freiheit der Kunst zur Versklavung des Künstlers führt, weil er in einem strukturellen Feudalsystem letztlich Leibeigener ist, dann muss das System in Zweifel gezogen werden.

Wenn ein strukturell so angelegtes System heutzutage tatsächlich despotisch ausgelebt wird und Leibeigene in existentielle Angst versetzt, dann steht es endgültig in Frage.

Wenn dann noch ein gutsherrlich anvertrautes Lehen (Theater) substantiell und existentiell gefährdet wird, dann besteht dringender Handlungsbedarf, sowohl im Interesse des Lehens als auch der Leibeigenen“ (zitiert aus der nicht mehr verfügbaren FB-Seite „Initiative Volkstheater“, Text von Frau Dr. Bachmann).

Bislang gab es zwei Begleitschiffe für das Theaterschiff, den Verein „Freunde und Förderer Volkstheater Rostock e.V.“ und die „Initiative Volkstheater“ mit deutlicher Aufgabenteilung. Der wegen Struktur und Größe etwas schwerer manövrierende Förderverein widmet sich vor allem den Fernrouten, die deutlich weniger strukturierte, facebook-basierte „Initiative…“ vor allem dem aktuellen Geschehen, Feuerwehraktionen und anderen Rettungsversuchen.

Jetzt steht die „Initiative…“ auf Facebook nicht mehr zur Verfügung. Nachdem die Unzufriedenen den Kapitän über Bord des Theaterschiffes geworfen hatten, versuchten sie immer heftiger, auch das kleine Ini-Schiffchen zu entern. Das nahm so bedrohliche Formen an, dass der Eigner und Schiffsführer das Schifflein ganz schnell in einen rundum geschlossenen Hafen brachte. Es steht einfach nicht mehr zur Verfügung.

Was nun? Keine Initiative mehr zeigen, das Theaterschiff im Nebel vor sich hin dümpeln und den Kapitän allein im Wasser treiben lassen? Schließlich kriegen wir ja einen neuen…

Oder von den Theaterfeinden lernen und erst einmal einen ziemlich geschlossenen Kern bilden, den Unzufriedenen und ihren Gefolgsleuten keinen Zugang gewähren? Wir könnten diesen Kern „Freundeskreis Theater“ nennen. Fast unvermeidbar wäre das wohl auch ein Freundeskreis für Sewan Latchinian, denn unabhängig davor, ob man bewundernd oder kritisch zu ihm steht – so wie der Hauptausschuss mit ihm umging, geht man nicht mit seinen Mitmenschen um!

Jetzt seid Ihr Leser dieses Blogs dran: Wie machen wir weiter?

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Solidarität ist keine Einbahnstrasse

Hut ab vor – Till Schweiter und FSF!

„Man muss Til Schweiger nicht mögen. Wirklich nicht. Nun aber hat sich der Schauspieler aus guten Gründen mit den eigenen Fans anlegen müssen. Auf seinem Facebook-Profil hatte er zu einer Charity-Aktion zugunsten von Flüchtlingen aufgerufen, was den digitalen Mob zu wüsten rassistischen Kommentaren anstachelte. Schweiger reichte es irgendwann: »Ihr seid zum Kotzen! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack!«

Hut ab dafür, und: Wo ist sie eigentlich, die ganze Kunst- und Kulturbagage, die sonst kein Mikrofon, keine Kamera auslässt? Warum macht nur Schweiger den Mund auf, während eine Hasswelle wie in den düsteren 90ern durch das Land fegt? Auf einmal sind die Leinwandhelden öffentlichkeitsscheu, die üblichen Großmäuler kleinlaut geworden. Ein Eintreten für die Ärmsten und Schwächsten, und sei es in der wohlgefälligen Form eines Spendenaufrufes, ist momentan eben nicht karrierefördernd“, schreibt die „junge Welt„.

„Das-ist-rostock“ berichtet in einem Interview mit Jan Gorkow („Feine Sahne Fischfilet“) von solidarischem Engagement für die Syrer:

Jan Gorkow: Es ist wichtig, nicht nur empört zu sein, sondern auch praktische Solidarität zu leisten. Und dabei vor Ort zu sein, um den Menschen dort zu zeigen, dass wir ihren Kampf  gegen die Faschisten des Islamischen Staates unterstützen. Denn der IS hat klar angekündigt, sich in Europa ausbreiten zu wollen. Die Lage ist durch die vielen Kriegsparteien undurchsichtig, aber grundsätzlich ist der Kampf gegen den Islamischen Staat auch unser Kampf..

Man muss kein Profi sein, um helfen zu können. Man muss einfach nur anfangen. Wir haben auch vor einem halben Jahr nicht im Ansatz daran gedacht, dass wir es schaffen würden, fünf LKW mit Hilfsgütern nach Kobane bringen zu können. Heute stehen wir mit den Leuten vor Ort in ständigem Kontakt. Wir sind 10 bis 15 Leute, Lehrer, Anwälte, Erwerbslose, Künstler – und wir können alle miteinander etwas bewirken…

Auch er erntet Hassbekundungen (enngleich nicht nur): „Warum bietet man linksextremer Propaganda eine Plattform?“. „Also es ist doch einfach unglaublich. Wie kann diese Person dort den IS als „rechtsextrem“ bezeichnen oder gar dem Faschismus zuordnen? Beides hat mit diesem religiös verblendeten Menschentum nicht das Geringste zu tun…Wenn Herr Gorkow den IS als expanives, extrem einseitig orientiertes und menschenverachtendes System anprangert, dann könnte sich das auch auf jene Ideologie übertragen lassen, der der feine Herr selbst anhängt.“   DAS ist Rostock? Auch?
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Vor allem aber: Wo bleibt die Rostocker Kunst- und Kulturszene? Lessings „Nathan“ im September und als „Spektakel“, ist das nicht ein wenig wenig?

Solidarität!

Der diesjährige „Tag der offenen Tür“ findet am Sonnabend, den 31.8.2013 statt und ist ein ganz besonderes Ereignis. Der Titel lautet „Tag der offenen Tür mit Rostocker Freunden“. Das ist extrem tief gestapelt. Es findet offenbar Solidarität pur statt!

Das VTR hat Künstler aus ganz Deutschland eingeladen, an diesem Tag in Rostock aufzutreten. Kostenlos angesichts der Finanzmisere. Über 200 Künstler haben zugesagt: Tänzer, Chöre, Schauspieler. Sie kommen aus Berlin, Oldenburg, Osnabrück, anderen Städten und der regionalen Kulturszene.

Orte und Zeit nennt die Webseite des VTR: http://www.volkstheater-rostock.de/repertoire/index.phtml?showsingle-1566&Sparte=

„Es gibt wieder eine positivere Gesamtlage und Grund zum Feiern“ (Hans-Dieter Heuer) – das mag euporisch überhöht oder auch einer Philosophie des ausschließlich positiven Denkens geschuldet sein. Aber dass die VTR-Mannschaft entschlossen ist, engagiert um ihren Erhalt zu kämpfen, ist selbst für Außenstehende erkennbar.

Auch wer es noch nicht bemerkt hat, sollte den 31.8. ab 11:00 nicht mit anderen Dingen vertrödeln!

Ein wichtiger Nachtrag: Endlich ist das Programm veröffentlicht: auf http://www.volkstheater-rostock.de/user_files/test_1377779966_27357.pdf und auch auf http://www.das-ist-rostock.de/fileadmin/user_upload/VTR_Tag_offene_tuer.pdf