Pro und contra zu „No Satisfaction“

Warum „No Satisfaction“?

Der Titel dieser Inszenierung knüpft unübersehbar an den Rolling-Stones-Titel „(I Can’t Get No) Satisfaction“ an.

Von dem Text heißt es, dass er

die ausufernde Kommerzialisierung verarbeitete, die sie als Briten in den USA zu erleben meinten, eine „Litanei der Abscheu vor Amerika, und seinem Reklame-Syndrom, der permanenten Überflutung“… Jagger brachte die ziellose Unzufriedenheit der Jugendlichen seiner Zeit mit der Liebe und dem Leben in einer materialistischen Gesellschaft zum Ausdruck.

Abscheu vor Amerika und seinem Reklame-Syndrom, der permanenten Überflutung? Ein immer noch aktuelles Problem und gültig in allen Bereichen einschließlich der agressiven Außenpolitik. Aber was machen die Gauckisten zusammen mit der Rostocker Tanzcompagnie daraus? Seht selbst!

Pro

Das PRO habe ich von der Facebook-Seite der „Initiative Volkstheater“ rebloggt. Mirco Mirzow schrieb dort bislang drei Beiträge zur Inszenierung.

Erster Beitrag

   Es sind noch einige Tage bis zur Premiere von “ No Satisfaction “ Rock und Rebellion am DDR-Meer. Doch was ich bei meinen Arbeiten für eine Sendung zum Thema Rockrevolution in der DDR sehen und hören konnte, hat mich beeindruckt.
Da steht in der Vorankündigung : Mit freundlicher Unterstützung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BstU).
Da hab ich da mal angerufen. Dr. Höffer, der Leiter, hat mir auf eine Frage 30 min. geantwortet. Die Frage war: Warum diese Geschichte? Die Antwort war ein Bogen von 1963 bis zu den Punk´s in den späten 1980iger Jahren.
Eine Zeitreise in der Revolutionsgeschichte der DDR Jugend, die nicht den Oktoberklub und Frank Schöbel hören wollten.
Wie kommt das nun in unser Theater? Durch die Tanzcompangnie, durch den Dramatrugen Jörg Hückler, den Komponisten Jan Paul Werge, die Choreographen Johannes Härtl und Katja Taranu.
Im Februar war die Idee geboren und am 20.06.2015, geht sie in die Premiere. Es sind die Geschichten dieser Stadt. Der Menschen die heute 50 oder 60 Jahre alt sind. Geschichten um den Kampf sich nicht Uniformieren zu lassen. Dr. Höffer, Leiter der Stasiunterlagenbehörde sagt: wir haben in den letzen 2 Jahren soviel Akten über die Zeit von 1963 bis zum Untergang der DDR ausgewertet und sind auf viele Geschichten rund um die Ostseewoche 1964 in Rostock gestoßen, haben viele persönliche Geschichten rekonstruieren können, das mußte ans Theater, es ging um Musik und Lebenseinstellungen, hier in dieser Stadt.
Am Theater hatte man offene Ohren. So entsteht gerade eine beachtenswerte Produktion unseres Tanztheaters. Schauspieler unterstützen unsere Tänzer bei der Umsetzung. Musik von Stones und Beatles wird es geben und viel Raum auf einer für uns bereiteten großen Bühne. Jörg Hückler, der Dramaturg sagt: Es geht nicht nur um Erinnerungen , nicht um Ostalgie, es geht um die sich ständig ändernden Gründe und den Sieg von Jugendrevolten. Ein wenig Erinnerung wir es für viele Besucher doch geben. Wenn wir, die wir die DDR erlebten, diese Enge noch einmal zu spüren bekommen. Wenn Tramper und Shellparker vor unserem geistigem Auge wieder auftauchen und wir den ABV fragen hören: Haare schneiden- wann?
Jan Paul Wege erinnert sich als Kind an die Zeiten der DDR und er hat ein inneres Verhältnis zu der Musik dieser Zeit, die auch seine Eltern hörten.
Wir dürfen gespannt sein auf die Premiere dieser Produktion. Und wir dürfen uns erinnern, an eine Zeit, als Musik noch zum Klassenkampf gehörte. Rund 90 min. feinstes Musiktheater mit einer Geschichte die viele Ältere kannten und die Jungen kennen sollten.
Ich geh hin: Weil Musik heißt – Erinnerung laut stellen!

Zweiter Beitrag

In einem zweiten Facebook-Eintrag ergänzte Mirco Mirzow:

    Der Genosse Ulbricht bringt 1963 mit einer Neuorientierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Überlegungen in der DDR frischen Wind nicht nur in das ostdeutsche Jugendleben: „Niemandem fällt es ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanz nur im Walzer- oder Tango-Rhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen. Hauptsache, sie bleibt taktvoll.“ Die Beatle-Mania hält auch Einzug in die DDR, der Jugendradiosender DT64 wird gegründet und die 60/40% Quotenregelung flexibel ausgelegt. Aber es weht nicht nur die Musik der Beatles in die sozialistische Republik, auch das Gefühl von Freiheit gewinnt für einen kleinen Moment Gestalt. Doch schon Ende des Jahres 1965 kippt die Stimmung, spätestens mit dem 11. Plenum des ZK der SED erlischt jegliche staatliche Förderung der Beatmusik. Beat wird als Nervengift des Klassenfeindes abgestempelt und seine Anhänger sind allesamt dumm, faul, asozial, „Rowdys” und „Gammler”. Im Gegenzug soll die FDJ-Singebewegung als eine Antibewegung mit einem umfangreichen Repertoire an Antikriegs-, politischen Kampf-, Volksliedern installiert werden. Aber die Jugendlichen suchen sich ihre Nischen, ihre Auswege und Plätze, die von ihnen favorisierte Musik zu genießen und zu leben. Das Misstrauen von staatlicher Seite ist immer vorhanden. Der Beat-, Rock- oder Punkfan passt nicht in das gewünschte Bild des sozialistischen Staatsbürgers, jedoch greifen die Unterdrückungs- und Einflussmechanismen nicht im gewünschten Maße. Vielleicht musste sich die SED den Ansprüchen der Bevölkerung beugen?
Die Tanztheater-Uraufführung (NO) SATISFACTION! ROCK UND REBELLION AM DDR-MEER erzählt aus heutiger Sicht die Zeit zwischen 1964 und 1988 im Norden der DDR. In sieben Augenblicksaufnahmen werden Schicksale und Erlebnisse verschiedenster Menschen oder Gruppen aus Mecklenburg-Vorpommern ebenso vorgestellt, wie die zwingenden staatlichen Verordnungen oder Beschränkungen. Unmengen an zeitgeschichtlichem Material flossen in die Inszenierungsarbeit ein. Die Schauspielerinnen geben vor allem den Sprachduktus eines autoritären Staates wieder, mit all jenen fragenden und fraglichen Formulierungen, die viele noch aus der DDR kennen oder sie mit der Inszenierung kennenlernen können. Es gibt die Originalmusik aus der Zeit wie auch Neukompositionen zu erleben, die sich an der Stilistik der erzählten Zeit orientieren. Vor allem erzählt die choreografische Arbeit über den Traum und den Drang nach Freiheit, wie ihn auch die Gruppe LIFT 1979 formuliert:
Nach Süden, nach Süden
wollte ich fliegen
das war mein allerschönster Traum
Hinter dem Hügel
wuchsen mir Flügel
um vor dem Winter abzuhaun
abzuhaun …
Mit freundlicher Unterstützung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)
Wissenswertes zur Produktion und interessante Blicke hinter die Kulissen finden Sie auf dem Blog MACHT AUS DEM STAAT GURKENSALAT

Dritter Beitrag am 21.6.2015

    Die Premiere von No Satisfaction, war sensationell, das wäre die Kurzform einer Zeitreise in die Enge der DDR Welt.
Wunderschöne Kompositionen von Jan Paul Werge ziehen einen in Ihren Bann. Dann schreibt ein Tänzer das auf eine Betonwand was den Abend schon mal auf den Punkt bringt : “ Her mit dem schönen Leben“ und viele der Premierenbesucher werden sich erinnert haben an ihren Kampf gegen die Enge in den Köpfen der Bonzen, in einer Zeit da die Beatles als Bedrohung der DDR Jugend bekämpft wurden. Wenn Sandra Uma Schmitz und Sithembile Menck, dann in Grenzeruniform und mit Taschenlampe , die Verbote für den Rostocker Strand aus jener Zeit verlesen, wird schnell klar – hier gibt es heute mehr als schönen Tanz.
In schönen Bildern und einer klaren Choreografie wird man mitgenommen in die Befreiungsversuche einer Jugend die eben nicht im Gleichschritt ins Leben marschieren wollte. Betonwände bilden den Rahmen in dem sich die Jugend bewegen darf, jeder Ausbruch wird mit aller Härte unterbunden. Schauspiel und Tanz, oder Tanz und Schauspiel? Es vermischt sich das Ensemble , wie sich die vielen Geschichten auf der Bühne zu einem wunderschönen Ganzen vereinen. So geht hier, in No Satisfaction ,die DDR ganz leise unter mit dem Satz : “ Meine Uniform, die behalt ich aber. “ Die Tänzer haben nach knapp 90 min. den weiten Horizont erreicht- ob sie dort das schöne Leben finden?
Durchweg sehenswert und bitte mehr davon.

Contra

Sewan Latchinian eilte der Ruf voraus, gesellschaftskritisches Theater machen zu wollen. Als Beleg dafür wurde genannt, dass er in Senftenberg Volker Braun’s „Helle Haufen“ auf die Bühne gebracht hatte. Als er in Rostock Uwe Johnsons INGRID BABENDERERDE auf die Bühne brachte, wurde ich nachdenklich. Zwar begründete Sewan Latchinian seine Wahl mit der Sprachmächtigkeit von Johnson, aber das allein oder vor allem sollte kein Auswahlkriterium sein – oder werden wir demnächst auch „Stahlgewitter“ und ähnliches auf der Rostocker Bühne sehen? Johnson also, trotz aller politisch sehr unterschiedlichen Wertungen, aber im Einklang mit dem Willen und Wollen der Herrschenden.
Monate später, als der Intendant angesichts der Spar- und Kürzungspläne einen Bezug dieser Pläne zur Kulturzerstörung des IS herstellt, war es vorbei mit diesem Einklang. Vielleicht fiel die Reaktion der Herrschenden auch deshalb so heftig aus?

Jetzt also „(NO) SATISFACTION! Rock und Rebellion am DDR-Meer“. Geschichten von 1963 bis in die späten 80er Jahre über die, „die nicht den Oktoberklub und Frank Schöbel hören wollten“. Da komme ich schon ins Grübeln: Was haben der Oktoberklub und Frank Schöbel mit Rock zu tun? Nach meinem Dafürhalten gar nichts! Die Rockszene war in der DDR vielfältig, wunderschön, pro und contra zu vielen Dingen in diesem verloren gegangenen Land, aber „Enge“ spiegelte sie nicht wieder und „Klassenkampf“ machte sie auch nicht. Aber die reale Rockszene der DDR ist offenbar gar nicht gefragt.

Die Stasiunterlagen-Behörde „macht“ Theater

Folgt man den Informationen von Mirco Mirzow(und auch den Informationen auf https://machtausdemstaatgurkensalat.wordpress.com/), dann geht die Inszenierung auf einen Vorschlag der DDR-Deligimierungs-Behörde (landläufig zumeist Gauck-Behörde genannt) zurück. Das is’n Ding! In meinem leidenschaftlichen Theaterbesucherleben ist mir zu DDR-Zeiten nichts, aber auch gar nichts davon bekannt geworden, dass die DDR-Staatssicherheit Einfluss auf die Theaterspielpläne genommen hätten. Nicht einmal RIAS, SFB, Springer & Co. konnten davon berichten und das will schon was heißen!

Seit einiger Zeit findet der Staat, es werde zuviel Geld für Kultur ausgegeben. Im Ergebnis trifft es auch die Theaterlandschaft heftig. Die Theater und ihre Besucher wehren sich, besonders auch in Rostock. Daraufhin macht eine nicht unwichtige staatliche Behörde dem Rostocker Theater einen Vorschlag, nicht etwa zur besseren Finanzierung, sondern zur ideologischen Ablenkung vom aktuellen Problem, vom Stellenwert der Kultur in einem immer stärker werdenden Kapitalismus.

Wie reagiert das Theater? Es hat zwei Möglichkeiten. Entweder es akzeptiert den Vorschlag in der Hoffnung auf ein besseres Überleben (das nicht eintreten wird) oder es entrüstet sich und sieht in dem Vorschlag das, was er wohl ist – eine unmoralische Ausnutzung einer Notlage.

Das Theater hat sich entschieden. Auch entgegen allen Aussagen, dass Spielpläne sehr langfristig geplant werden müssen und eine kurzfristige Aufnahme aktuellerer Themen einfach nicht möglich ist… Nun bleibt abzuwarten, wie das Publikum mehrheitlich reagiert. Ich befürchte, ein Teil des treuen Stammpublikums wird enttäuscht reagieren.

Der Sprachduktus eines autoritären Staates und ein Zeugenaufruf

Es gibt eine Entscheidungshilfe, ob man sich diese Tanztheateraufführung antun will oder nicht: Ein kurzes Video des Volkstheaters.

Mirco Mirzow: „In sieben Augenblicksaufnahmen werden Schicksale und Erlebnisse verschiedenster Menschen oder Gruppen aus Mecklenburg-Vorpommern ebenso vorgestellt, wie die zwingenden staatlichen Verordnungen oder Beschränkungen. Unmengen an zeitgeschichtlichem Material flossen in die Inszenierungsarbeit ein. Die Schauspielerinnen geben vor allem den Sprachduktus eines autoritären Staates wieder, mit all jenen fragenden und fraglichen Formulierungen, die viele noch aus der DDR kennen oder sie mit der Inszenierung kennenlernen können.“

Die Kreativität der Ostrocker spricht eine andere Sprache! Und so rufe ich als Zeitzeugen auf (spontan aus dem Gedächtnis und ohne Wertung in der Reihenfolg) die Puhdys, Karat, Silly, Ute Freudenberg, Veronika Fischer, Dirk Michaelis, Werther Lohse, City, Holger Biege, IC Falkenberg, Rockhaus, Pankow und Renft Lift, Karat, Dirk Zöllner, Günther Fischer, Karat, Elektra, Karussel, Holger Biege, Lakomy, Manfred Krug, Berluc, Stern Meißen, Gundermann, ja auch Nina Hagen (bestimmt habe ich hier noch viele vergessen).

Ich selbst halte es mit den Puhdys: „Es war schön“. Und wenn sie singen „Ist alles vergessen, was damals war?“, dann meinen sie das hörbar nicht im Sinn der Deligimitierungsbehörde… (Eher schon „leck mich am Arsch“). Und ich halte es mit Lakomy, diesem wunderbaren, wunderbar widerborstigen, charakterfesten Menschen, der seine ganze Nachwendeverachtung in das Lied legte „Alles Stasi außer Mutti“. Was würde er wohl zu dieser VTR-Auffühung sagen, schreiben, singen?

Wer mehr wissen will, was und wie die Rockszene in der DDR war und klang: Einfach mal googeln, z.B. zum Stichwort „Ostrock“. Da gibt es so viele Anregungen auch für das Tanztheater…

Zufälle?

Wenn Ereignisse, die scheinbar unabhängig voneinander sind, (fast) gleichzeitig stattfinden, dann kann man ins Nachdenken kommen:

  •  Auf ZDF-Info am 15.01.2015: „Im Schatten der Stasi. Schicksale von Kindern und Jugendlichen in der DDR“
  • Im Februar 2015 „kam Intendant Sewan Latchinian und hat uns mit Herrn Dr. Höffer von der BStU bekannt gemacht“ (Katja Taranu).
  • Im April 2015 Start des (Dokumentat-?) Films „Striche ziehen
  • Ab 20.6.15 hier in Rostock Premiere von „(No) Satisfaction“.
  • Am 24.6.15 auf ZDF-Info „Im Schatten der Stasi – Jugend in der DDR“.

Noch Fragen?

Fazit oder Wer sich grün macht…

Diese Inszenierung beleidigt alle, die sich um den Entwurf einer Gesellschaft ohne Krieg und ohne Ausbeutung bemühten – die in den Konzentrationslagern überlebten, aus der Emigration zurückkehrten, im Nazireich ausharrten. Es waren Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Bildung, aber sie beseelte ein Ziel: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Es waren Menschen und keine Götter, und so machten sie Fehler über Fehler bei der Umsetzung ihrer gemeinsamen Vision. Die schlimmsten Fehler allerdings vermieden sie konsequent: Es gab keine Obdachlosen und keine Arbeitslosen. Es gab Bildung und Kultur bis an die Grenzen des gesellschaftlich Finanzierbaren. Vor allem aber gab es eine konsequente Friedenspolitik.

Es gab auch einige, die aus alledem „Gurkensalat“ machen wollten. Denen huldigt jetzt das Volkstheater. Das beantwortet die aktuelle Frage, ob heutzutage noch Theater gebraucht wird, auf ganz neue Art. Sag mir, wo Du stehst… Es gilt noch, das alte Oktorberklublied!

Diese Inszenierung beleidigt auch alle Theaterschaffenden, die sich in der DDR engagierten. Das waren viele, die sich mit ihrem Herzblut und einem herausragenden Können einbrachten. Einige davon leben noch, einige davon engagierten sich bislang für den Erhalt eines Vier-Sparten-Volkstheaters Rostock. Ob sie es auch weiterhin tun werden? Eberhard Esche brachte es auf den Punkt: „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen“.

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Hemmungsloser Kulturabbau?!

Die Ostseezeitung vom 3.1.2014 meldet:

Schwerin. Für Kulturminister Mathias Brodkorb (SPD) ist die Theaterreform im Westen Mecklenburg-Vorpommerns abgeschlossen. „Das Theater in Schwerin ist für uns das Zentrum der Theater- und Orchesterlandschaft geworden“, sagte er am Freitag. „Es ist in die Funktion eines Staatstheaters gerückt, von dem wir vier Sparten erwarten.“

Diese Entwicklung sei der Tatsache geschuldet, dass das Volkstheater Rostock auf seiner Eigenständigkeit beharre und sich gegen eine Fusion mit Schwerin sperre.

2014 geht es im zweiten Reformschritt um die Umstrukturierung im Osten des Landes. Jeder Standort dort soll auch eine produzierende Sparte behalten.“

Danke, danke, danke, Hoheit Brodkorb, dass jeder Standort wenigstens EINE EINZIGE produzierende Sparte behalten darf! Wie wäre es mit folgender Zuordnung:

  • Rostock behält das Sprechtheater (wegen des neuen Intendanten)
  • Stralsund könnte Operette/Oper übernehmen
  • Neubrandenburg gibt die Konzerte (wegen der Konzertkirche und nicht zuletzt wegen Stefan Malzew)
  • das Tanztheater muss wohl sehen, wo es bleibt – es kann ja, weil motorisch hochbegabt, auf allen Bühnen umherziehen…

NEIN, Herr Minister, SO KÖNNEN SIE MIT DEN BÜRGERN DIESES LANDES NICHT UMSPRINGEN!

Viele Studenten brauchen, wollen und unterstützen das Theater mit all seinen Sparten!

In einer Presseerklärung (siehe https://www.facebook.com/astaunirostock/posts/527300274001469) wertet der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Uni Rostock eine Kulturumfrage unter allen Studierenden (ca. 15.000) aus. Die Mehrheit spricht sich für das Volkstheater Rostock (VTR) aus. Doch was können wir, also insbesondere die Studierenden, tun um das VTR zu unterstützen?

1. Das Theater kennen lernen und ins Theater gehen:
Für 5€ kommt ein Student in eine reguläre Vorstellung. Wer kein Spontiabo (5 bzw. 10 Gutscheine) kaufen möchte, kann sich dem studentischen Theatergängerclub anschließen. Dort werden 2-3 Theaterbesuche im Monat organisiert. Nach manchen Vorstellungen gibt es Gespräche mit den Theatermachern.

2. Neue Ideen für das Theater entwickeln:
Das Theater muss im ständigen Dialog mit den Bürgern stehen -gerade ein Theater, das sich Volkstheater nennt. Meiner Meinung nach fehlte der Dialog in den letzten Jahren. Vielleicht habe ich diesen auch nicht wahrgenommen. Nichtsdestotrotz sehe ich bei Hans Heuer, dem seit dieser Spielzeit Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit, ein gewaltiges Potential, diesen Dialog zu verbessern.

3. Diese Ideen zusammen mit dem Theater umsetzen:
Wer also Ideen, Anmerkungen oder Kritik hat, der kann sich bei Herrn Heuer melden. Vielleicht gibt es auch neue Ideen für studentische Initiativen? Daran sind auch wir vom theaterclub[bei]uni-rostock.de interessiert!
Auch wer sich vorstellen kann, das Theater kreativ, technisch, wissenschaftlich oder in sonstiger Hinsicht zu unterstützen, kann sich bei Herrn Heuer oder uns melden.

Zuletzt möchte ich meine persönliche Meinung kundtun, warum Rostock ein unabhängiges Mehrspartentheater verdient:
In meinem studentischen Umfeld gibt es viele Menschen, die direkt oder indirekt von den Theatermachern abhängen. So sind beide Eltern einer Freundin fest am Theater angestellt. Eine Fusion würde beide Jobs gefährden. Eine weitere Freundin profitiert mit ihrem studentischen Tanzteam von den Erfahrungen der Tänzerinnen und Tänzern des Tanztheaters. Das Freie StudentenOrchester Rostock wird von Mitgliedern der Norddeutschen Philharmonie unterstützt.

Die Mitwirkenden des Theaters arbeiten nicht nur am VTR, sondern engagieren sich auch für unsere Gesellschaft.

Es gibt sicherlich noch weitere Kooperationen, von denen ich nichts weiß oder die man anstreben könnte. Doch all diese sind nur möglich, weil wir, die Bürger Rostocks und Mecklenburg-Vorpommerns Steuern zahlen und den Angestellten mit Hilfe dieser Mittel und der verkauften Eintrittskarten ein festes Grundgehalt geben können. Daher lohnt es sich, weiter für ein eigenständiges Theater in Rostock zu kämpfen. Eine Fusion würde einen großen Teil des Engements unmöglich machen.

Tanztheater-Premiere und kaum einer geht hin?

Am kommenden Sonnabend ist Premiere für die Abschieds-Inszenierung von Bronislav Roznos. Doch bis heute sind nur wenige Karten verkauft.

Liegt es am sperrig erscheinenden Titel („Widernatürliche Liason? – Stories4Love“)?

Sind die Rostocker theatermüde? Dann hätte Minister Brodkorb ja nicht so unrecht mit seinen Kürzungsplänen.

Oder sind drei Premieren in nur einem Monat etwas viel, vor allem dann, wenn man an die niedrigen Einkommen vieler potentieller Theaterbesucher denkt?

Für mein Empfinden ist eine ausverkaufte Tanztheater-Premiere ein viel eindrucksvolleres Signal für den Erhalt eines Vier-Sparten-Hauses als alle Unterschriften. Und umgekehrt. Deshalb, liebe Theaterfreunde, wenn Euch das Theater wirklich am Herzen liegt, dann kratzt Eure letzten Mäuse zusammen und geht am 16.3. ins Große Haus!

Wirklich bemerkenswert wäre es sicherlich, wenn auch viele Abgeordnete der Bürgerschaft zu dieser Premiere kommen. Sie ist ja zugleich auch eine Vor-Verabschiedung von Roznos…

Gestern gab es im Intendanten-Foyer eine Einführung zur „Liason“. Das gar nicht so kleine Foyer war überfüllt. Chefchoreograph Roznos, Schauspieldirektor Hückler und Bühnen- und Kostümbildner Schrag boten viele Einblicke in die Konzeptionen für die vier Stücke und ihre Umsetzung. Anschließend bestand die Möglichkeit, der Probe im Großen Haus beizuwohnen. Meine ganz persönliche Schlußfolgerung: Unbedingt zur Premiere hingehen!

Es wird Frühling…

Es wird Frühling und an der Zeit, ernsthaft mit dem Bloggen zu beginnen. Zumal im Monat März gleich drei Premieren auf dem Plan stehen:

  • „Der kleine Horrorladen“ (war am 2.3.),

  • „Gas 1“ am 8.3. im Theater am Stadthafen,

  • die „Widernatürliche Liason?“ am 16.3. im Großen Haus.

Das sollte doch zum Mit-Bloggen und Kommentieren einladen! Zumal „Gas 1“ auf den ersten Blick so gar nicht zum Frauentag passen will, auf den zweiten aber schon, weil sich das Stück sehr engagiert mit Rüstung, Krieg und moralischer Verantwortung befasst. Mehr über den Inhalt als die leider sehr kurze Info auf der Theaterwebseite findet man z.B. auf http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/gas/

Zur Zeit läuft eine Unterschriftenaktion für den Erhalt des Volkstheaters. Die Chancen, dass der durch die Unterschriften bekundete Wille der Bürger beachtet wird, sind gering. Dennoch sollten wir uns beteiligen (und vielleicht anschließend mehr tun?). „Kunst ist Waffe“, hieß es früher. Jetzt wird Kunst zur Ware oder zur nichtssagenden Beliebigkeit – wenn wir als Steuerzahler und Konsumenten es zulassen.

„Ausdruck für unser Versagen

– auch des Berliner Ensembles oder vielleicht des Theaters generell –

ist die traurige Tatsache,

dass wir in Afghanistan und auf dem Balkan Kriege führen

und die Künstler dazu schweigen.“ *

Sagte unlängst Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles (Berliner Zeitung, zitiert im Neuen Deutschland vom 31.12.2012). Viel zu spät sprach einer (ein Einziger!) aus, was dem Theater nicht nur in Rostock fehlt, was es so zusammenstreichbar und vermeintlich entbehrlich macht: Der geringe gesellschaftliche Bezug.

Wenn zu DDR-Zeiten die Theater voll waren, dann lag das nicht nur daran, dass sich jedermann Theaterkarten leisten konnte, dass oft auch gemeinsame Besuche organisiert wurden, dass Theatermacher keinerlei finanziellen Nöte hatten – es lag vor allem daran, dass sich DDR-Theater nie im luftleeren Raum abspielte, sondern immer engagierte, kritische Gesellschaftsbezüge hatte.

Aber um das zu erreichen, muss Theater erst einmal erhalten bleiben!

Unlängst war ich im Großen Haus, zum Ballett „die Erschaffung der Welt“. Wiederum entdeckte ich zusammen mit den anderen Zuschauern, wie einmalig das Roznos-Ensemble ist, wie viel Lebensqualität diese Truppe an die Zuschauer weitergibt. Wer darauf verzichtet, ahnt nicht, was er sich selbst damit antut.

Einen Tag später erschien in der OZ das Interview mit unserem OB. Er erwartet Leistung vom Theater? Auch beim Ballett? Die Roznos-Truppe wäre eine Zier für jede wirklich große Stadt – Berlin, Hamburg, München, Wien, Paris usw. Rostock aber erwartet Leistung?!

Unsere OB will das Theater auf Schauspiel und Philharmonie begrenzen. Für einen, der offenbar überhaupt nicht ins Theater geht, erscheint das noch viel. Für die anderen jedoch viel zu wenig.

Unser OB „kann nicht sagen: Ohne Theater bricht die Kulturlandschaft ein“. Woher nimmt er diese Gewissheit? Theater war und ist in der bisherigen Erfahrung eine unverzichtbare Säule jeder Kulturlandschaft. Allerdings nicht jedes Theater. Bei unserem Volkstheater darf man wohl schon fragen, warum es sich ob der Zeitlosigkeit seines Spielplanes so unnötig selbst entwertet. Geradezu als Fauxpas empfand ich die Entscheidung der Theaterleitung, die Uraufführung von „Happy Birthday…“ am Holocaust-Gedenktag anzusetzen, letzteren jedoch zu ignorieren.

Aber auch eine Theatermannschaft ist lernfähig, so lange man sie nicht abschafft.

Vor allem sollten wir eines stets bedenken: Kultur ist die stärkste Kraft gegen rechtes Gedankenungut, nichts fürchten die Rechten so sehr wie eine vitale, gelebte Kultur. „Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver“. So weit darf es nie wieder kommen. Um das zu verhindern, brauchen wir auch ein engagiertes Theater mit allen seinen vier Sparten!

Bitte unterschreiben Sie den Appell zum Erhalt des Vierspartentheaters! Das geht auch online auf http://blog.volkstheater-rostock.de/

Und gehen Sie in die Tanztehater-Aufführungen (in die anderen Aufführungen natürlich auch), so lange Roznos und seine Truppe noch in Rostock sind. So etwas kommt nicht so schnell wieder.

PS. Damit kleinere Nachrichten nicht so schnell die größeren Beiträge optisch verdrängen, wird es den bisherigen Mini-Blog vtr.hux.de zunächst noch weiterhin geben.