Rück- und Ausblick

Der Abriss des Großen Hauses sollte schon 2016 erfolgen

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Ostseezeitungs-Forum zum Volkstheater. Da sprach unser aller Oberbürgermeister in einem Nebensatz davon, dass das Große Haus 2016 ohnehin abgerissen werde. Auf entsprechende Nachfragen antwortete er nicht, und sprach statt dessen davon, dass der Theaterneubau spätestens zum Jubiläumsjahr 2018 bespielt werden könne.

Die große Brandgefahr währte lange

Jahre später wurde das Große Haus von einem Tag auf den anderen geschlossen – wegen Brandgefahr. Ein entsprechendes Gutachten1 lag dem Oberbürgermeister schon rund ein halbes Jahr früher vor, so dass kein vernünftiger Grund für die abrupte Schließung erkennbar war. Das Gutachten beanstandete vor allem die Brandlasten durch Kleidung in den Garderoben, die zwischen Zuschauerraum und Hauptausgang angeordnet seien. Das ist zwar in fast allen Theatern so, aber wenn es in Rostock bei einem Brand Leib und Leben der Zuschauer gefährdet, warum hat dann der OB ein halbes Jahr mit seiner Eilentscheidung gewartet, also ein halbes Jahr lang den Theatergängern diese Gefahr zugemutet? Einer der Theatergänger fand das Zögern seines OB, der doch „einer von uns“ sein will, nicht lustig und erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Er bekam eine Absage, legte Beschwerde beim Oberstaatsanwalt ein und erhielt wieder eine Absage. Denn Staatsanwälte sind kluge Leute und wussten wohl um den Fake das OB.

Rund anderthalb Jahre blieb das Große Haus geschlossen. Als es wieder öffnete, befanden sich die Garderoben mit all ihren Brandlasten an gleicher Stelle wie vorher.

Schiffbauhalle 207

Aber während der anderthalb Jahre hatte man ausführlich die Eignung der Werfthalle 207 als Theaterspielstätte testen können… Der damalige Intendant Peter Leonhard war viel zu sanft, um sich dieser langen Testphase zu widersetzen.

Sein Nachfolger Sewan Latchinian verbat sich diese Ersatzspielstätte und orientierte statt dessen auf die volle Nutzung des Großen Hauses. Auch das war ein dringlicher Grund, ihn loszuwerden. Sein Nachfolger Joachim Kümmritz hingegen setzt die Wünsche seines Dienstherren konsequent um:

Die Bespielung der alten Werfthalle in Besitz vom Verein Tradition Ostseeschifffahrt ist auf fünf Jahre angelegt. Die Dauer war Reichel und Kümmritz wichtig, um dem Publikum Zuverlässigkeit zu geben und damit sich die Investition lohne.

 „Kabeltunnel würden zum Beispiel fest verlegt. Tische, Stühle, Sanitär, Zwischenlager, Ton – dergleichen sei zu bedenken. ebenda.

Mit Kümmritz ließe sich „mit dem Ensemble, mit leidenschaftlichen Schauspielern, Musikern, Sängern und Tänzern Theaterlust wecken“, sagt der Oberbürgermeister, „aber das schaffen wir nicht in der Doberaner Straße… „Ich sehe das als eine ganz große Chance, auch anknüpfend an ,West Side Story’ und an ,Broadway’, was wir 2010/2011 in der Halle 207 hatten.“ ebenda

So wird der Weg frei gemacht für den Abriss des Großen Hauses, wenngleich leicht verspätet. Ist ja auch ein wirklich attraktives Quartier, ideal für eine hochpreisige Neubebauung.

Wozu jetzt noch einen Theaterneubau?

Und wenn das so gut funktioniert in einer alten Schiffbauhalle, warum dann noch einen Theaterneubau errichten lassen? So befand unser aller OB am 21. Januar 2017: Ein Beschluss der Bürgerschaft habe dem Theaterneubau jegliche Basis entzogen (der Beschluss besagt, dass das Theater einen Theaterneubau nicht aus seinem laufenden Haushalt vorfinanzieren muss, denn andernfalls gäbe es zwar vielleicht irgendwann einen Theaterneubau, aber keine Akteure mehr, die es bespielen könnten. Die wären zwecks Bau-Vorfinanzierung schrittweise weggespart).

Da flossen reichlich Krokodilstränen (ebenda):

… persönlich bedauert Oberbürgermeister Roland Methling die Entscheidung sehr. „Unter diesen Voraussetzungen bleibt uns nichts weiter übrig, als uns vom Traum eines neuen Stadttheaters für Rostock zu verabschieden. Ich hatte die Umsetzung des schon 1993 von der Bürgerschaft beschlossen Projekts mit Übernahme des Amtes als Oberbürgermeister im Jahr 2005 als wichtiges Ziel betrachtet. Jahrelange Arbeit wird damit zunichte gemacht, um sich erneut um substanzielle Strukturentscheidungen zur Zukunftssicherung unseres Theaters zu drücken.“

Die Sanierungsmaßnahmen im derzeit vom Volkstheater genutzten Großen Haus an der Doberaner Straße waren darauf ausgerichtet, die Bespielbarkeit bis zum Jahr 2018 zu sichern. „Ein Theaterneubau ist in Rostock zwingend erforderlich. Die Mitglieder, die gestern diesen Beschluss der Bürgerschaft getragen haben, werden sich kurz- oder mittelfristig fragen lassen müssen, ob sie durch ihre Entscheidung wohlmöglich dem Theater seine Zukunftsbasis entzogen haben“, so Oberbürgermeister Roland Methling.

Noch viel zu viele Musiker

Wo er recht hat, hat er reicht. Und unser aller OB schlussfolgert weiter: Ohne Theaterneubau und Großes Haus brauchen wir in Rostock auch nicht mehr soooo viel Musiker. Der willfährige Intendant arbeitete zu, indem er frei gewordene Orchesterstellen nicht neu besetzte, obwohl die Musiker wegen der Sparvorgaben des OB und zugunsten einer vollen Besetzung schon mit weniger Entgelt in Form eines Haustarifvertrages auskommen. Die Künstlergewerkschaften kritisierten das und auch die stockenden Verhandlungen mit dem Theater und der Stadt.

Sofort nahm unser aller OB das zum Anlass, den Haustarifvertrag kurzerhand zu kündigen. Schließlich hatte er schon 2014 den Abschluss eines Haustarifs untersagt.

Pikant ist dabei auch dieses Detail: Während die Künstlergewerkschaften eine Vollbesetzung des Orchesters einfordern und andernfalls eine Klage androhen, informiert die Ostseezeitung, „Die Kündigung sei eine rein juristische Angelegenheit, zu der das Volkstheater durch die Klage der DOV gezwungen war“. Rein juristisch, ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit, Frau Dr. Bachmann? Fake-News eben wie fast immer auch zum Thema Volkstheater.

Die Hanseln aber schweigen…

Die Schönen und Reichen fahren nach Hamburg oder Berlin ins Konzert oder Theater (sofern sie mal pausieren können beim Geldscheffeln) und der Rest hat ohnehin immer weniger Geld für Theater oder Konzert. Braucht Rostock wirklich (noch) ein Theater (fragte der OB schon kurz nach seiner Amtsübernahme)?

Es lohnt auch, sich mal die frühen Beiträge dieses Blogs anzusehen, beispielsweise https://vtrblog.wordpress.com/2013/04/04/verspatete-kenntnis-eines-bekannten-vorgangs/#comments und die zugehörigen Kommentare. Da waren die „Hanseln“ noch munter.


1Brandschutzkonzept vom Oktober 2010

Statement des Theaterfördervereins zur Entlassung des Intendanten

Es steht noch nicht auf der Webseite des Vereins „Freunde und Förderer Volkstheater Rostock e.V.“, das Statement, sondern bislang nur auf der Facebookseite „Initiative Volkstheater“. Da nicht alle (kulltur-) interessierten Bürger auf Facebook sind, findet sich das Statement auch hier.

Statement des Theaterfördervereins zur Entlassung des Intendanten

Sehr geehrte Mitglieder der Bürgerschaft der Hansestadt Rostock, sehr geehrte Damen und Herren der Lokalpresse sowie des NDR, sehr geehrte und hochverdiente Streiter im Dienste einer freien Kultur in Rostock!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Dr. Bachmann!

Die Freunde und Förderer haben die schlechte Nachricht erhalten. Dem Intendanten wurde fristlos gekündigt. Das Theater erwartet die Ankunft eines neuen Intendanten, des wievielten nun bereits?
Die Freunde und Förderer des Volkstheaters sind bestürzt, auf welchem Niveau in Rostock Kulturpolitik und Kommunikation mit dem Bürger betrieben wird.
Im Anhang finden Sie das Statement des Vereins zur fristlosen Entlassung des Intendanten.

Am 16. Juni findet das Bürgerforum statt. Das ist gut. Es scheint
dringend erforderlich, mit den in Verantwortung stehenden Politikern sowie den Amtsträgern dieser Stadt ins Gespräch zu kommen.

Mit hochachtungsvollen Grüßen
Im Namen des Vorstandes

Antje Jonas

Mit freundlichen Grüßen

Antje Jonas
Vereinsvorsitzende

Statement der „Freunde und Förderer Volkstheater Rostock e.V.“ zur fristlosen Kündigung des Volkstheater-Intendanten Sewan Latchinian

Als Sewan Latchinian, der von den Stadtoberen erwählte Intendant, nach Rostock kam, erwarteten Politik, Verwaltung sowie auch das Publikum neuen Schwung für das von vielen als lethargisch wahrgenommene Vier-Sparten-Volkstheater. Der Theatermann machte sich an die Arbeit und versetzte mit seiner Energie und Leidenschaft die Rostocker in Erstaunen.
In nur zwei Jahren kamen zustande: zwei bemerkenswerte Theaterspektakel, mehrere Uraufführungen, darunter ein Text von Uwe Johnson. Gespielt wurde in der Brauerei und im Bunker, im Zoo und auf der Hohen Düne. In der Kleinen Komödie gelang die Sommerbespielung. Die Theaterkantine lud nach Vorstellungsende die Zuschauer zu Gespräch und Wein. Ein neues Format, der „Denkraum“, ging an den Start. Und so auch die Bürgerbühne und das Puppenspiel. Bis heute fährt die blaue Theaterstraßenbahn durch Rostock und kündet von dem Potenzial und Aufbruch des Volkstheaters unter dem Intendanten Sewan Latchinian. Zwei und oftmals drei Vorstellungen täglich sorgten dafür, dass das Theater vom Stadtvolk wieder wahrgenommen wurde. Wer versucht, dem Intendanten und dem Ensemble künstlerisches Versagen vorzuwerfen, sollte gut argumentieren können.
Die wirkliche Krise setzte mit der wankelmütigen Kulturpolitik der Bürgerschaft ein, die dem Druck seitens des Oberbürgermeisters und des Kultusministers nicht standhalten konnte oder wollte. So sah sich der Intendant, zweifellos ein kantiger Charakter und Urheber markiger Worte, nach nur wenigen Monaten mit einem beispiellosen Schwenk der Rostocker Theaterpolitik konfrontiert. Sicher gehört es zu den Aufgaben eines Geschäftsführers, sich dem Gesellschafter gegenüber loyal zu verhalten. Doch für den politisch gewollten, organisierten Kulturabbau brauchte es keinen Intendanten, sondern einen Insolvenzverwalter. Diese Rolle zu übernehmen war der Intendant nicht bereit. Kann man ihm das vorwerfen?
Wir alle gehören nun ein weiteres Mal zu den Verlierern einer Kulturpolitik, die ein kluges und geordnetes Verfahren genannt zu werden nicht verdient. Es fehlt, frei nach Brecht, an Leidenschaft, Anmut, Mühe und Verstand.

Rostock verliert einen streitbaren Intendanten. Rostock verspielt mit dem Abbruch einer vielversprechenden Theaterentwicklung ein weiteres Mal die Chance, seine kulturelle Identität jenseits großer Volksfeste auszuprägen. In Rostock gilt eine Meinung schon als Argument; hier reicht es, sich persönlich bei Amtsinhabern und Volksvertretern missliebig zu machen, um abgestraft zu werden. Eine Stadt, die ihre Kultur nicht schätzt, die Intendant um Intendant verschleißt, die mit ihrer eigenen Geschichte kulturell nur wenig anzufangen weiß, ist keine Großstadt! Rostock verzichtet schlecht gelaunt weiterhin auf eine niveauvolle Streitkultur, auf geistvolle Urbanität und wird mit dieser provinziellen Miesepetrigkeit unweigerlich weiter zurückfallen hinter die anderen Ostsee-, Hanse- und Theaterstädte.

Im Namen des Vorstandes
Antje Jonas
Vorsitzende
Rostock, den 08 Juni 2016

Öffentlicher Dringlichkeitsantrag zur sofortigen Abberufung der Vorsitzenden des VTR-Aufsichtsrates

Hiermit wird beantragt, die Vorsitzende des Aufsichtsrates der Volkstheater Rostock GmbH von ihrer Funktion als Vorsitzende zu entbinden und darüber hinaus sie auch als Mitglied des Aufsichtsrates abzuberufen.

Dieser Antrag erfolgt unter Bezug auf die bekannt gewordene, nichtöffentliche Vorlage-Nr. 2016/DA/1824 mit dem Titel „Dringlichkeitsantrag“, datiert vom 01.06.2016, zur Vorlage und Entscheidung durch den Hauptausschuss am 06.06.2016, eingereicht von der Aufsichtsratsvorsitzenden (hier nachlesbar: 160601-da-bachmann).

Stil und Inhalte dieses Dringlichkeitsantrages vom 1.5. sind geeignet, das Ansehen der Kommunalpolitik in der Stadt Rostock, aber auch das Ansehen der Antragstellerin selbst ernsthaft zu beschädigen. Der Antrag verletzt in vielfacher Weise allgemeine Anstandsregeln, von politischer Korrektheit ganz zu schweigen.

Obwohl der Antrag der Aufsichtsratsvorsitzenden (im folgenden als AV abgekürzt) selbst alle Argumente meines Abberufungsantrages bereits einschließt, gehe ich nachstehend kurz auf einige Argumente/Vorwürfe der AV ein:

Vorwurf 1: Der Intendant hat eine Mail geschickt

und zwar nicht nur an den Aufsichtsrat, sondern auch an den Betriebsrat. Nach Auffassung der AV ist es jedoch unzulässig, den Betriebsrat zu informieren, „solange es keine einheitliche Geschäftsführer- oder Arbeitgeberposition gibt“. Das soll eine entlassungswürdige ‚Verletzung der Verschwiegenheitspflicht‘ sein? Nanu? Gilt nicht mehr, dass der Betriebsrat ein Organ zur Mitbestimmung und Vertretung der Arbeitnehmerinteressen, der auch an betrieblichen Entscheidungen mitwirkt?

Schlimmer noch, der Intendant hat eine Vorlage des kaufmännischen Geschäftsführer ernst genommen. Die Vorlage beinhaltete die Schließung des Tanztheater zum Sommer 2018. So lasen wir es ja auch mehrfach in den Zeitungen. Alles nur Spaß – es war lediglich ein Tippfehler und der Intendant hat nicht Korrektur gelesen! Das ist ein „Verstoß gegen die Fürsorgepflicht“ (AV).

Und wenn der Intendant schreibt, „wegen einiger sehr weniger Tausend Euro Mehrkosten bis zum Sommer 2018 für 2 langjährige, verdienstvolle Schauspielkollegen wird die im Hybridmodell eigentlich vorgesehene Option der Verkleinerung der Schauspielsparte … aufgegeben, eine kompakte Spartenschließung realisiert…“, dann deutet die AV das um zu folgender Unterstellung: „Im Hause wird dies als Schutz ausschließlich für die seitens des Intendanten mitgebrachten Schauspieler/innen und damit als Ungleichsbehandlung empfunden“. Das ist gleich mehrfach falsch:

  • Einer klaren Ansage des Intendanten wird eine „Empfindung im Haus“ entgegengestellt. Woher kommt diese Empfindung? Hält sich die AV mehr im Theater als ab ihrem Arbeitsplatz auf (was sagt ihr Arbeitgeber dazu?) oder hat sie Zuträger?
  • Der Intendant bezieht sich eindeutig auf zwei langjährige Schauspielkollegen und damit eindeutig nicht auf diejenigen, die er mitgebracht hat.
  • Von einem „Ausspielen von Beschäftigungsgruppen“ kann in den zitierten Textpassagen des Intendanten nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil!

Darf man Sachverhalte so schlimm uminterpretieren?

Dann steht da noch ein hinterfragungswürdiger Satz in dem AV-Antrag: „Das innerbetriebliche Ausspielen eines Geschäftsführer gegen einen anderen verstößt gegen die Pflichten eines Geschäftsführers“. Nanu? Wenn also ein GF einen (Tipp-) Fehler macht oder Schlimmeres, dann darf der andere GF dies nicht beanstanden? Ich kenne Fälle, bei denen ein GF den anderen sogar anzeigen musste… Durfte er gar nicht, Frau AV?

Vorwurf 2: Der Intendant hat noch eine Mail geschickt,

deren Inhalt auf Seite 4 oben des AV-Antrages nachgelesen werden kann. Jeder arglose Mitbürger empfindet die dort zitierten Sätze als gut und richtig. Was macht die Aufsichtsratsvorsitzende daraus? Ich zitiere (nur ausschnittsweise, wer sich alle Vorwürfe und Fehlinterpretationen antun will, lese den AV-Antrag):

  • „Der Intendant kündigt den künftigen Bruch von Vertraulichkeit an“ – davon lese ich kein Wort in der Intendantenmail.
  • „Der Intendant belegt, dass er weiterhin Informationen weitergeben wird, egal, ob sie korrekt oder unkorrekt sind“. DAS soll er belegt haben? Wenn ja, warum wird es dann nicht zitiert? Weil es eine üble Unterstellung ist?

Vorwurf 3: Der Intendant hat ein Interview gegeben

Aussagen des Intendanten werden in tabellarischer Kurzform mit Anmerkungen kommentiert. Nicht alles ist von Außenstehenden bewertbar, konzentrieren wir auf das, was wir erkennen können:

„Der Theaterneubau verzögere sich weiter“ – „Behauptung ohne Beleg“.

„Das VTR können bis 2013 aufhören zu existieren“ – „Vermutung ohne Beleg“.

„… Heute habe ich Entlassungen in Größenordnungen schwarz auf weiß als Planung auf dem Papier“ – „… Falschdarstellung ( Leser fassen das als Kündigung auf)“.

Hier ist nur ein Beleg von vielen zum verzögerten Theaterneubau: „Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) erklärt, dass er keine Möglichkeit mehr sieht, ein neues Theaterhaus zu bauen… Die Einschätzung des Rostocker Oberbürgermeisters halten wir für realistisch, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums…“ (NDR).

Auch wenn man den vom OB zitierten Text von Minister Brodkorb liest, darf man heftige Zweifel am Zustandekommen eines Theaterneubaus heben.

Die Schlussfolgerungen der Aufsichtsratsvorsitzenden sind beeindruckend, wir zitieren hier nur die ersten zwei:

  • „Mit dem Interview verlässt der Intendant den innerbetrieblichen Raum“. Was will uns die AV hiermit sagen? Ist dem Intendanten jeglicher Freigang entzogen worden, steht er unter Hausarrest?
  • „Die Information über „Entlassungen“ verstößt gegen die Pflicht zur Verschwiegenheit über betriebliche Interna“. Eine Entlassung als rein innerbetriebliches Ereignis, dass auch dem Arbeitsamt besser nicht zu melden ist? Die Welt der AV ist doch sehr verschieden von meiner.

Vorwurf 4: Es geht ums Geld

Auch hier sind die Aussagen beeindruckend:

  • Die Nichterfüllung der im Herbst 2015 beschlossenen Wirtschaftsplanvorgaben 2016 in puncto Umsatzerlöse liegen in der Verantwortung des künstlerischen Geschäftsführers/Intendanten.“ Da kannste was lernen. Der kaufmännische GF macht wohl nur den Buchhalter. Und schreibt befremdliche Konzepte, unabgestimmt mit dem Intendanten. Obwohl der doch ausschließlich auch für das Pekuniäre zuständig ist… Ist hier nicht Einsparungspotential zu erkennen?
  • Der ersatzlose Ausfall von Vorstellungen stellt ein sog. Organisationsversagen seitens des Intendanten dar.“ Denn: „Für den Fall einer Erkrankung ist Ersatz vorzusehen bzw. zu organisieren…“. Klaro: Bei einem solchen Schauspielerüberschuss wie am VTR kann man alle Rollen doppelt besetzen und darüber hinaus auch noch entlassen (oder ist kündigen die richtigere Vokabel? Ich habe den Unterschied noch immer nicht verstanden).

Wie auch immer, der Intendant ist schuld.

Vorwurf 5: Der Spielplan

Auf zweieinhalb Seiten werden Vorgänge beschrieben, ohne dass Außenstehende, auch der Hauptausschuss nicht, diese hinsichtlich der Objektivität nachvollziehen können dürfte.

Einiges, was dem Intendanten seitens der AV zum Vorwurf gemacht wird, erscheint dem Schreiber dieser Zeilen durchaus nachvollziehbar und richtig. So wird zu einer Intendantenrede auf einer VTR-Vollversammlung am 29.2.16 berichtet,

  • „… der Gesellschafter müsse jetzt das Modell entscheiden“,
  • der Intendant „sei sich nicht sicher, ob die Planung jetzt zu stoppen und die Bürgerbeteiligung abzuwarten ist“,
  • der Intendant plädierte „für Aufhebung Zielvereinbarung und Gesellschafterbeschluss“,
  • er polemisierte gegen das Hybridmodell.

Das alles sollten erlaubte Überlegungen sein und keine Grundlage für Vorwürfe.

Weiter erfahren wir aus dem Antragstext im Abschnitt 5, S. 8, dass der Intendant noch am Tag seiner Krankmeldung aufgefordert wurde, die Planung vorzulegen und er ebenfalls noch am gleichen Tag antwortete und u.a. darauf auf die Notwendigkeit politischer Entscheidungen hinwies. Alles falsches Verhalten? Ebenfalls während seiner Krankschreibung, schrieb der Intendant an den Aufsichtsrat: „… wäre ich dankbar, wenn der Aufsichtsrat Maßnahmen beschließt, die nächste Schritte innerhalb der bisherigen Planungen, auch während meiner Erkrankung, im Interesse der Betriebsabläufe ermöglichen“. Auch falsch? Mit solchen und anderen Sachstandsinformationen (oder sollte ich hier besser Anführungszeichen benutzen?) gibt es dann u.a. folgende Schlussfolgerungen (bitte bei Interesse selbst alles nachlesen):

  • Der Intendant hat den Aufsichtsrat mehrfach unkorrekt über den tatsächlichen Stand der Spielzeitplanung informiert“.
  • „Die Planung ist bis zuletzt unvollständig geblieben“.
  • „Der schwache Spielplan bleibt hinter den Möglichkeiten des Hauses…“.

Vorwurf 6: Blockierung und Diskreditierung des Umstrukturierungsprozesses als Geschäftsführer

Zu diesem Thema gibt es drei Seiten Text. Die Informationen erscheinen mir aus ihrem jeweiligen Zusammenhang gerissen – es ist schwer bis unmöglich, sie zu werten oder zu kommentieren..

Wohl unfreiwillig wird deutlich, dass auch der Aufsichtsrat nicht davor zurückscheut, Interna weiterzureichen: „In einer Mail der Aufsichtsratsvorsitzenden … an die Mitlgieder des Gremiums heißt es: ‚Seit Tagen versucht die Anwältin von Herrn Latchinan einen Verhandlungstermin mit dem Oberbürgermeister zu bekommen. Verhandlungsgegenstand ist die vorzeitige Vertragsauflösung…’“. Quod licet Iovi, non licet bovi? Der AR als Jupiter? Es scheint an der Zeit, das ganze Geschehen mal auf die Bühne zu bringen.

Weiterhin wird sehr deutlich, dass man uns selbst bei der thematisch extrem eingeschränkten „Bürgerbeteiligung“ getäuscht hat, denn es gibt neben dem „Hybridmodell, 1. Fortsetzung“ des Herrn Rosinski auch ein Intendanten-Konzept „Hybridmodell für das VTR, 2. Fortsetzung“. Letzteres aber wurde vom Aufsichtsrat einfach ‚weggewogen‘. Müssen wir dummen Bürger / Ochsen nicht wissen müssen…

Fazit

Die nichtöffentliche Vorlage-Nr. 2016/DA/1824 mit dem Titel „Dringlichkeitsantrag“, datiert vom 01.06.2016, zur Vorlage und Entscheidung durch den Hauptausschuss am 06.06.2016 ist in meinen Augen ein Ausdruck ungebremster Verfolgungswut. Sie entspricht wohl kaum den Erwartungen von Objektivität und Sachlichkeit, die man für diese Thematik und von diesem Gremium erwarten darf. Deshalb mein diesbezüglicher Antrag, den ich im Grundsatz bereits einleitend begründet habe und der Gliederung des AV-Antrages folgend argumentativ zu untersetzen versuchte.

Natürlich ist meine gesamte Wortmeldung sowohl Ironie wie auch bitterer Ernst und wird ohne jede direkte Wirkung bleiben. Im besten Fall macht er das eine oder andere Mitglied des Hauptausschusses etwas nachdenklich. Vielleicht motiviert mein Text auch den einen oder anderen Rostocker Bürger, am Bürgerforum am 16. Juni ab 17:00 Uhr in der Rathaushalle teilzunehmen.

Und deshalb vier Seiten Text?

 

Niederträchtige Gemeinheiten statt Kulturpolitik – geht’s noch?!

Die Ostsee-Zeitung meldet heute:

Der Streit um die Zukunft des Volkstheaters Rostock hat sich nochmals verschärft. Um den finanziellen Sparvorgaben der Landesregierung genügen zu können, denken Aufsichtsrat und Theaterverwaltung offenbar über tiefere Struktureinschnitte nach, um zwei unkündbare Schauspieler auf diese Weise „rechtssicher“, d.h. ohne Klagemöglichkeit, betriebsbedingt kündigen zu können. Dazu soll, anders als bisher im  sogenannten „Hybridmodell“ vorgesehen, neben einem erweiterten Musiktheater kein Schauspiel mehr, sondern lediglich eine kleine Kinder- und Jugendtheatersparte bestehen.

Bekannt geworden ist der Streit aus Briefen der Volkstheater-Aufsichtsratsvorsitzenden Sybille Bachmann und des Intendanten Sewan Latchinian, der von diesen Plänen überrascht wurde und vor ihnen warnte. Darauf wurde ihm eine Verletzung der Vertraulichkeit und der Pflichten eines Geschäftsführers vorgeworfen. Bei den beiden unkündbaren Künstlern handelt es sich um die Schauspieler Petra Gorr und Ulrich K. Müller, zwei prägende und überregional bekannte Gestalten des Ensembles. Beobachter schlussfolgern aus dem Vorgang, dass das „Hybridmodell“ zu eng und gegen die Realitäten des Rostocker Theaters gerechnet worden war, um benötigte Mehrheiten zu erzielen, und jetzt verschärft werden müsse, um den finanziellen Vorgaben zu entsprechen.

Kein Kommentar.

Nachtrag: In einem leider bezahlpflichtien OZ-Artikel gibt es wichtige Informationen, die das Bild abrunden. Auch die befremdliche Rolle des kaufmännischen Geschäftsführers.

Abgeschrieben: Palmyra. IS. Kultur.

Der Admin hat bei Facebook abgeschreiben, genauer gesagt bei der FB-Seite der „Initiative Volkstheater“. Vielleicht interessiert es die eine oder den anderen…

Guenter Hering, 16. Mai um 19:11

Vielleicht zum Mitfreuen…:

Als Sewan Latchinian die im Theaterbereich beunruhigenden Zerstörungstendenzen durch einen Bezug auf die Kulturzerstörungen des IS deutlich zu machen suchte, wurde er entlassen.
In einem anderen Land, das einigen als Reich des Bösen gilt, das aber seit jeher eine sehr innige und unzerstörbare Beziehung zu seiner Kultur und der anderer Völker hat, engagierte man sich sehr pragmatisch und erfolgreich gegen den IS. Mit dem Ergebnis, dass auch Palmyra befreit werden konnte.
Mehr noch: Dieses andere Land entsandte das Orchester eines seiner Theater nach Palmyra, um durch ein ernstes, würdevolles Konzert den Erhalt wenigstens eines Teils dieses unschätzbaren Weltkulturerbes zu feiern. Seht und hört selbst: https://deutsch.rt.com/kur…/38173–gebet-fur-palmyra-waleri/ (Ergänzung auf https://deutsch.rt.com/gesel…/38159-heute-live-auf-rt-gebet/).

palmyra  ‚Ein Gebet für Palmyra‘ – Waleri Gergijews Symphoniekonzert für die befreite Oasenstadt – komplett


Olaf Koppe Ich glaube, Sewan Latchinian wüsste diese russische Propaganda-Nr. sehr wohl einzuordnen…


Guenter Hering, 21.05.
„Russische Propaganda-Nr.“ also, Herr nd-Geschäftsführer und Verlagsleiter. Was ist in Ihren Augen Propaganda? Dass Palmyra vom IS befreit wurde und die vollständige Zerstörung Palmyra’s verhindert wurde? So eine „Propaganda“ hätte ich mir von den USA schon lange gewünscht, dann wäre viel unersetzliches Kulturerbe erhalten geblieben.

Oder meinen Sie mit Propaganda, dass Russland die Syrer nicht nur durch Luftangriffe, sondern auch vor Ort unterstützt? Ich finde das deutlich mutiger und ehrlicher als die „no-boots“-Strategie der USA, die statt dessen undifferenzierte Drohnenangriffe fliegt.

Oder stört es Sie heftig, dass die russischen Musiker ausgerechnet aus Leningrad kamen, einer Stadt, die auf andere Art sehr großes Leid erfahren musste und sich daher mit den IS-drangsalierten Syrern auf besondere Art solidarisch fühlt? Falls Sie sich angesichts Ihrer heftigen Russophobie nicht erinnern sollten: Ich meine die Leningrader Blockade.

Vor einem Jahr schrieb das nd noch darüber…

Noch eins, Herr Koppe: Bitte versuchen Sie nicht, sich zum Wortführer für unseren Intendanten zu machen. Den mögen wir nämlich, trotz seiner Ecken, Kanten und manchmal nicht glücklichen Entscheidungen. Er hat es auch noch immer nicht verlernt, seine Meinung selbst kundzutun…!

Aber viel, viel wichtiger ist, dass Ihr alle die Möglichkeit nutzt, Eure Meinung zum „Hybridmodell“ zu äußern! Nur noch bis zum 25. Mai, also bis zum kommenden Mittwoch, besteht diese Möglichkeit!

Die Einschränkungen sind zwar eine Entmündigung der rostocker Bürger, aber besser hier mitgemacht als durchgehend geschwiegen!

 

 

 

Werkstatt unserer Gesellschaft oder Theaterelend und Erpressung?

1. Gesellschaftlich unverzichtbar?

In einem Gastbeitrag für die Ostseezeitung weist Frau Prof. Barbara Kisseler, Kultursenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg und Vorsitzende des Deutschen Bühnenvereins darauf hin, dass

„die Theater in unserer Gesellschaft unverzichtbar sind. Sie setzen sich mit der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt auseinander und ermöglichen dies auch ihrem Publikum, ihrer Stadt, ihrem Netzwerk. Auch Politiker täten gut daran, diese Funktion zum einen stärker anzuerkennen, und zum anderen die aus dieser Reflexion wachsenden Erkenntnisse in ihren Entscheidungen zu Veränderungen in den Theatern zu berücksichtigen…

Mit all ihren Formen des Engagements nehmen die Theater ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr, mischen sich ein und widerlegen so das Vorurteil vom elitären und wirklichkeitsfremden Elfenbeinturm. Sie stellen sich immer wieder der Herausforderung, aktuelle gesellschaftliche Themen zu bearbeiten und zu reflektieren.

Dies stößt manchen bitter auf…

Der Dichter Bert Brecht sagte es so: „Der Künstler hat nicht nur die Verantwortung vor der Gesellschaft, er zieht auch die Gesellschaft zur Verantwortung.“ Theater werden zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern gefördert…

Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention. Künstler wie Christoph Schlingensief haben gezeigt, dass ihre Projekte direkt und konfrontativ in die Gesellschaft einschlagen können, der theatrale Raum umgedacht werden kann, man sich von den Textvorgaben lösen und Neues schaffen kann, das das Spektrum der Stadttheater um ein Vielfaches erweitert.

Im Theater kumulieren Tradition und Moderne, historische Verortung und Neuinterpretation, Repräsentanz auf der Bühne und Interaktion mit dem Publikum zu etwas, das für jeden real erlebbar wird. So kann das Theater ganz unmittelbar und direkt die Frage stellen, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Es kann mit Witz und Sinnlichkeit, aber auch mit Provokation Kritik äußern. Es führt uns die Werte vor Augen, die in unserer Gesellschaft gelten.“

Man sollte den ganzen Beitrag lesen. Jeder Satz ist richtig. Jeder Satz gilt nicht für die „Hansestadt“ Rostock.

2. In Rostock eher verzichtbar!

Frank Schlößer analysiert die rostocker Situation und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis:

„…der Kahn läuft auf die Klippen zu… Ob das Schiff nun auf den Felsen landet oder ob vorher die Kessel explodieren und das Schiff führerlos auf dem Meer treibt – das Ende der MS Volkstheater ist so oder so in Sicht und auch eine 130jährige Tradition geht zuende, wenn – wie Gustav Mahler einst sagte – es nicht mehr um die Weitergabe des Feuers, sondern nur um die Anbetung der Asche geht.

… Die „MS Volkstheater Rostock“ wird dagegen im Bermuda-Viereck zwischen Kopenhagen, Hamburg, Berlin und Stettin versinken. In dieser Stadt ein neues Volkstheaterschiff auf Kiel zu legen, ist genauso sinnvoll wie einen Leuchtturm im Marianengraben zu bauen. Sewan Latchinian war der letzte Kapitän auf diesem Schiff. Wir wissen jetzt: Mit dieser Reederei konnte er nur scheitern. Derzeit sieht es so aus, als endet das Volkstheater wie die Deutsche Kaiserliche Marine im Jahre 1919 in Scapa Flow.“

Pikantes Detail: „…Oberbürgermeister Roland Methling … hat weder den vorgelegten neuen Spielplan von Sewan Latchinian als Arbeitsgrundlage akzeptiert noch traut er dem Intendanten zu, dass er …das Sparmodell am Volkstheater umsetzt“ (ebenda). Wie formulierte Frau Prof. Kisseler? „Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention.“ Aber doch nicht in Rostock!

Man sollte auch diesen Artikel in voller Länge lesen.

3. Erpressung

Die Ostsee-Zeitung meldet heute:

„Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) stellt Rostock zusätzliche fünf Millionen Euro für den Bau eines neuen Theaters in Aussicht. Wenn die Hochschule für Musik und Theater (HMT) dort Räume bekommt…

„Das Geld ist da, aber das ist kein Selbstläufer“, wiederholt er seine Position. Voraussetzung bleibt nach wie vor, dass das Volkstheater, so wie in der Zielvereinbarung von 2015 festgelegt, „zukunftssichere Strukturen“ schafft.“

„Zukunftssichere Strukturen“ – das meint unverändert die Abschaffung der Schauspielsparte. Weil Sprechtheater am ehesten „Werkstatt unserer Gesellschaft“ sein kann, uns die Werte vor Augen führt, die in unserer Gesellschaft gelten?

Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!

Dreimal wiederholt in Lessings dramatischem Gedicht »Nathan der Weise« (1779) der Patriarch von Jerusalem diese Worte. Sie sind seine stereotype Antwort auf alle Einwände des jungen Tempelherrn gegen die Verurteilung eines Juden zum Tode auf dem Scheiterhaufen… Das Originalzitat, mit dem man ironisch auf jemandes Unbeirrbarkeit oder Starrköpfigkeit hinweisen kann, wird heute nur selten und nur in Situationen verwendet, in denen es nicht als Ausdruck antisemitischer Ressentiments missverstanden werden kann.

Gefunden auf http://universal_lexikon.deacademic.com/312297/Tut_nichts!_Der_Jude_wird_verbrannt!

Hier in diesem Beitrag erscheint mir das Zitat nahezu unvermeidbar, denn vor allem eine (aber leider nicht die einzige) Person trägt schon sehr viel Holz für den Scheiterhaufen zusammen und schichtet fleißig auf. Man kann es auf der öffentlichen Facebookseite der „Initiative Volkstheater“ nachlesen, von der die nachstehenden Zitate stammen. Alle aus einem einzigen Post.

1. Eine scheinneutrale Einleitung

Als Kommentar zur Tierparabel stellte Eva-Maria Kröger hier die Frage nach der Schuld für die verfahrene Situation.
Meines Erachtens müssten vielmehr Fragen nach der Verantwortung, Verantwortungsübernahme und Lösung gestellt werden.

Verantwortung für das finanzielle Budget eines Theaters tragen Land und Kommune, die Verantwortungsübernahme hat durch die Politik zu erfolgen. Bis 2023 stellen Land und Kommune dieselben Finanzmittel zur Verfügung wie bisher.
Lösungsansätze für Veränderungen sind einerseits durch die Theater selbst mittels überzeugender Konzepte und andererseits durch die Politik mittels Bereitstellung erforderlicher Mittel zur Umsetzung dieser Konzepte zu erarbeiten.
Hierbei handelt es sich um einen sowohl künstlerischen + unternehmerischen (Konzept) als auch politischen (Finanzen) Prozess, der mit politischen Mitteln zu moderieren ist.
Haltungen wie „alles soll bleiben wie bisher“ oder „ich will das nicht“ bedeuten Stillstand und sind wenig hilfreich. Allerdings sind sie höchst einfach und bequem, da man sich nicht weiter anstrengen muss.

2. Jetzt wird es haarig

Wer aber trägt die Verantwortung für die Umsetzung gefasster und gültiger Beschlüsse? Eindeutig ist das die Geschäftsführung.
Selbstverständlich darf sie jederzeit (sachliche) Kritik an Beschlüssen äußern und mit eigenen (konstruktiven) Vorschlägen zur Fassung neuer Beschlüsse beitragen. Sich bis zu eventuellen neuen Beschlüssen aber der Umsetzung bestehender Vorgaben komplett zu verweigern, gefährdert nicht nur Zuschüsse, sondern ist schlicht und einfach nicht zulässig. Derartiges führt regelmäßig zur Beendigung eines Anstellungsverhältnisses.

Das geht eindeutig gegen den Intendanten. Aber verweigert er sich denn? Mit dem am 20.2. abgelieferten Konzept versucht er zu erklären, warum nur „Operntheater“ nicht funktionieren wird. Das erscheint mir noch nicht einmal eine (natürlich sachliche!) Kritik, sondern wirklich nur eine faktenbasierte Darlegung, eben eine Erklärung. Das soll nicht zulässig sein? Das soll zur Beendigung des Anstellungsverhältnisses führen? Ja wo leben wir denn?

3. Verantwortung einmal ganz neu definiert

Im ersten Abschnitt lesen wir, „Verantwortung für das finanzielle Budget eines Theaters tragen Land und Kommune, die Verantwortungsübernahme hat durch die Politik zu erfolgen.“ Den mit der Umsetzung des politischen Handelns Beauftragten wird in dieser Definition keine eigene Verantwortung zugebilligt. Demzufolge formuliert die Autorin folgerichtig:

Wer sich an einem Prozess nicht beteiligen möchte, aus welchem Grunde auch immer, sollte dann auch die Konsequenz ziehen und gehen. Auch das ist gängige Praxis. Vor allem aber sollten weder Poker aus Eigeninteresse noch persönliche Befindlichkeiten ein ganzes Haus in Mitleidenschaft ziehen.

Sehen wir mal von den dreisten Unterstellungen im zweiten Satz ab („Poker aus Eigeninteresse“, „persönliche Befindlichkeiten“), so wird im ersten Satz gefordert, wer in einer Leitungsfunktion nicht bereit ist, eine Vorgabe ohne wenn und aber umzusetzen, der hat zu gehen. „Auch das ist gängige Praxis“.

Angesichts des 25jährigen DDR-Deligitimierungsbemühens erlaube ich mir ganz bescheiden festzustellen, dass mir eine so ultimative Forderung auf Verzicht eigenen Einbringens vor dem Jahr 1990 noch nicht vorgekommen ist. Einem solchen Ansinnen würden auch nur erbärmliche Feiglinge folgen – Sewan Latchinian ist gottseidank das Gegenteil davon.

4. Nun doch Verantwortung?

Beim Weiterschreiben bemerkte die Autorin, dass man mit dem Zuspielen von Verantwortung eine Menge Vorwürfe erheben kann. Auf geht’s:

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass es Anfang März weder einen fertigen Spielplan für den Sommer 2016 (!) noch für die Spielzeit 2016/17 gab?

Die Antwort ist ganz einfach, wenngleich nicht im Sinn der Autorin dieser Vorwürfe:

  1. Der Aufsichtsrat mit seinem Beschluss, das 4-Sparten-Volkstheater in ein „Opernhaus“ umzuwandeln (wenngleich der Aufsichtsrat es später so nicht formuliert haben will, aber dies halbherzige Dementi ist leider nur mündlich überliefert),
  2. der Oberbürgermeister mit seinem Gesellschafterbeschluss vom 16.02.2016, in dem er dem Intendaten auftrug, kurzfristigst ein Konzept zum Umbau des VTR in ein Opernhaus zu erarbeiten und vorzulegen. Natürlich blieb unter dieser Auflage jede Arbeit am Spielplan erst einmal liegen.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass ein Spielplan auf fast eine einzige Person zugeschnitten ist und bei deren Fehlen alles lahm liegt und Ersatz kaum stattfindet?

Aha. Der Spielplan fehlt zwar, ist aber zugleich „auf fast eine einzige Person zugeschnitten“. Diese Ecke des Scheiterhaufens erscheint mir doch etwas zu wackelig und sollte neu gestapelt werden.

Weiter:

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Mitarbeiter, Abteilungsleiter/Spartenleiter sich noch so schöne Dinge ausdenken können, sie aber immer der Zustimmung eines Einzelnen bedürfen, der ausschließlich seine eigenen Vorstellungen durchsetzt?

So ist das nun einmal: „Intendanten (von französisch intendant ‚Aufseher‘, ‚Verwalter‘) sind gesamtverantwortliche Geschäftsführer und künstlerische Leiter … eines Theaters, eines Opernhauses, (gefunden bei https://de.wikipedia.org/wiki/Intendant).

Ohne Zustimmung dieses „Einzelnen“ geht es schwerlich, nicht in Rostock und nicht andernorts. Nicht im Theater und nicht in einem beliebigen anderen Betrieb.

In diesem Zusammenhang auch von Interesse: „Die weit reichenden Befugnisse … bieten dem Intendanten die Möglichkeit, ein künstlerisches Konzept zu verwirklichen, ohne darin von Dritten behindert zu werden… Als Intendant sollte man klare Vorstellungen darüber haben, welches künstlerische Profil man an einem Theater schaffen kann und möchte und mit welchen Stücken und Personen dieses Ziel realistisch zu erreichen ist.“ (gefunden auf; http://www.buehnenverein.de/de/jobs-und-ausbildung/berufe-am-theater-einzelne.html?view=19)

Aber dass dieser Einzelne darüber hinaus hierorts „ausschließlich seine eigenen Vorstellungen durchsetzt“, gehört wohl wieder in den Bereich übler Nachrede. Wer mag denn glauben, dass unser Intendant den Tänzern die Choreographie vorgibt, den Sängern vorschreibt, wie sie ein Lied zu interpretieren und vorzutragen haben, den Dirigenten zur Seite schiebt und selbst dirigiert?

Weiter:

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Mitarbeiter/innen Angst haben, offen ihre Meinung zu sagen, weil sie befürchten müssen, entlassen zu werden. (Sie haben die Erfahrung aus dem letzten Jahr, wo interne Kritiker Nichtverlängerungen erhielten, selbstverständlich als rein künstlerische Entscheidung.)

Diese Frage ist besonders einfach zu beantworten, aber zuvor eine Bemerkung: Als Sewan Latchinian als Intendant in Rostock anfing und es dabei zu deutlichem Personalwechsel kam, erklärte man uns Außenstehenden, das sei allenthalben eine gängige Praxis und in keiner Weise kritikwürdig. Nichtverlängerungen seien normal im Leben von Schauspielern, Tänzern, Sängern, Musikern… Die Autorin des hier kommentierten Textes vertrat diese Auffassung ebenfalls und vehement. Warum jetzt diese Kehrwende?

Zurück zur Frage: „Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Mitarbeiter/innen Angst haben, offen ihre Meinung zu sagen…“? Die Antwort fällt leicht: Die Ängstlichen selbst. Es ist eine uralte Erfahrung: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt. Als einer, der stets aufmüpfig und eigensinnig gelebt hat, weiß ich, wie viel Beulen und Schlimmeres man sich zumeist einhandelt. Muss man nicht haben, aber dann bitte klagt nicht darüber, keine Meinung äußern zu wollen!

Es ist doch bezeichnend: Von der letzten Mitarbeiterversammlung, an der der Intendant teilnahm, berichten Insider, dass in bezug auf seinen Leitungsstil großes Schweigen herrschte. Erst auf der darauffolgenden Versammlung, an der er krankheitsbedingt nicht mehr teilnehmen konnte, begann das große Klagen. Richtig, so sind die Philister. Vor der Wende waren sie fast alle in der SED, aus naheliegenden Gründen. Danach konnten sie sich nicht schnell genug distanzieren, die Cleversten mutierten zu Bürgerbewegten. So sind sie, die meisten Mitmenschen, und so werden sie wohl auch bleiben. Aber wenn sie uns auf der Bühne das Gute, Wahre und Richtige vorspielen wollen, dann wird es kaum hinreichend überzeugend über die Rampe kommen. Kunst kommt eben nicht nur von Können, sondern auch vom Charakter. Das macht ja Kunstschaffende aus – dass sie ihre Auffassungen, Sichtweisen, Überzeugungen im Alltag und in der Öffentlichkeit (hier: auf der Bühne) leben, dass sie glaubhaft sind!

Weiter:

Weshalb nur hoffen so viele Mitarbeiter/innen, dass der künstlerische Geschäftsführer nicht wiederkommen möge?

Gegenfrage: Wie viele mögen es denn sein, wie zuverlässig ist die Aussage, warum bleibt sie so vage? Außer, es handelt sich lediglich um eine Wiederholung der bereits beschriebenen Angst, eigene Meinung erkennen zu lassen.

Epilog

Trägt für all‘ dies die Politik die Verantwortung? NEIN.

Politik trägt jedoch mit die Verantwortung dafür, diesen lähmenden Zustand nicht schon längst beendet zu haben, zum einen mit der Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse, zum anderen mit klaren Entscheidungen.
Durch Nichthandeln befinden wir uns inzwischen auf einem Feld der Eitelkeiten, persönlichen Interessen und Intrigen, des vermeintlichen und tatsächlichen Wahlkampfes, persönlicher Entscheidungs- und Leitungsunfähigkeit und dergleichen.
Momentan werden das VTR und seine Mitarbeiter ganz gezielt den Spielchen Einzelner geopfert. Das ist in meinen Augen verantwortungslos.

Wer für den Erhalt des VTR kämpft, der löst umgehend die Personalfrage und beginnt endlich mit der inhaltlichen Debatte, der sich hier die meisten verschließen.

Muss man nicht kommentieren. Lähmender Zustand, Nichthandeln, Feld der Eitelkeiten, persönliche Interessen und Intrigen, persönliche Entscheidungs- und Leitungsunfähigkeit, Spielchen Einzelner, verantwortungslos – fehlt noch was?

Kommentare

Aus den vielen Facebookkommentaren seien hier nur zwei, noch dazu gekürzt, herausgepickt. Wer sich mehr antun möchte, dem steht es jederzeit frei. Die FB-Seite „Initiative Volkstheater“ ist ja öffentlich.

Ein Straßenbauingenieur, Mitglied der Rostocker Bürgerschaft, schrieb:

Wärest Du in meinem Beruf tätig, wären deine Straßen vielleicht schwarz, doch fahren könnte man darauf nicht… reicht es Dir, Dich zu verhalten, wie Roland Methling? Du versteckst Dich in einer existentiellen und sehr politischen Debatte über die Theater in MV hinter einer Personalie, welche Dir schon immer mißfiel…

Eine andere Mitstreiterin für das rostocker Volkstheater fragte kurz und bündig:

Ist der Beitrag ein Aufruf zum Putsch? An wen richtet er sich?

Abschließend noch eine persönliche Anmerkung: Rumpelstilzchen ist kein Fan von Sewan Latchinian. In einigen entscheidenden Punkten würde sich Rumpel einiges ganz anders wünschen. Aber das tut hier nichts zur Sache. Latchinian kämpft unbeirrt für ein Vierspartentheater und gibt selbst unter widrigsten Umständen nicht klein bei. Das verdient Respekt. Er bringt sich bis zur Erschöpfung ein (und darüber hinaus, wie wir aktuell wissen). Das ist nicht unbedingt klug, aber beeindruckt mich.

Vor allem aber: Sewan Latchinian ist ein Mensch, der wie jeder andere Fairnis verdient hat. Angriffe, wie sie hier von einem Bürgerschafts- und VTR-Aufsichtsratmitglied praktiziert werden, wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind – und den kann ich wirklich nicht leiden!


 

1Wikipedia merkt noch an: „Zählt zum Kompetenzbereich des Intendanten neben dem Musiktheater auch Schauspiel und Ballett (Dreispartenhaus), so erhält er den Titel Generalintendant.“